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DZ-Adventskalender

09.12.2020

Türchen 9: Obendrüber, da schneit es

AZ-Grafik

Öffnen Sie das neunte Türchen in unserem digitalen Adventskalender. Das Thema 2020: Weihnachtsfilme. Heute: Obendrüber, da schneit es

Susanne und Phillip Henning sind alles andere als festlich gelaunt. Lustlos, wie jedes Jahr, sind sie den weiten Weg zu ihren Eltern gefahren, sind im Stau gestanden, nur weil ihre Mutter Weihnachten ja so furchtbar ernst nimmt. An der Haustür hatte Susanne noch gesagt, sie würde lieber in eine Kneipe gehen, wo die Post abgeht, und sich sinnlos betrinken. Komisch, dass die Eltern nicht aufmachen, wo ist der Schlüssel? In der Wohnung ist niemand und es sieht ziemlich unordentlich aus. Ganz untypisch. Gewissensbisse beschleichen die Geschwister. Haben sie ihrer Mutter vielleicht zu deutlich zu verstehen gegeben, dass ihre Begeisterung für die traditionelle Familienfeier nicht ganz so groß ist wie diese immer noch glaubt? Weiter oben im Haus spielt jemand eine Rock’n-Roll-Version von Jingle Bells auf dem Klavier. Die beiden klingeln an der Wohnung, doch zunächst macht niemand auf. „Die wissen anscheinend, wie man feiert“ meint Susanne verständnisvoll. Als sich die Tür schließlich doch noch öffnet, sehen die beiden Geschwister etwas, dass sie nicht erwartet hätten. Mama, im geblümten Hausanzug und Papa mit umgebundener Schürze tanzen, lachen und rufen „frohes Fest“. Susanne und Philipp treten verdattert ein und sehen die fröhlichen Nachbarn ihrer Eltern, Junge und Alte, die ebenfalls tanzen oder Gans essen und Punsch trinken. Weihnachtsstimmung, wie sie sein könnte und wie sie es sie nur selten gibt. Die beiden wollen sich der Party anschließen - doch plötzlich tritt der Tod unter die feiernden Menschen.

Kein Weihnachtskrimi, sondern ein Film über das ganz normale Leben

„Obendrüber, da schneites“ ist kein Weihnachtskrimi. Der Tod ist ein natürlicher. Auch kein trauriger, einsamer, sondern ein herbeigesehnter. Das Sterben eines Menschen ist auch nicht das zentrale Thema dieses Films von 2012. Erzählt werden vielmehr die Geschichten der Bewohner eines Münchner Mietshauses, die alle ihre Probleme mit Weihnachten haben. Ganz alltägliche Probleme, die jeder so oder so ähnlich schon erlebt hat. Da ist das junge Pärchen, das zum ersten Mal gemeinsam Weihnachten feiert. Während Isabell (Maria Weidner) liebgewordene Traditionen ihre Familie weiterführen möchte, pfeift Nick (Mario Klischies) auf Tannenbaum und Weihnachtsengel – es kommt zum Streit.

„Obendrüber, da schneit es“ Deutschland 2012, Regie Vivian Naefe, Hauptdarsteller: Diana Amft (Miriam Kirsch), Lara Sophie Rottmann (Julchen Kirsch), Wotan Wilke Möhring: (Gregor Thaler), Dauer: 89 Minuten, FSK 0

Die alleinerziehende Mutter Miriam Kirsch (Diana Amft) versucht, ihrer Tochter Julchen (Lara Sophie Rottmann) ein schönes Familienfest mit Papa organisieren, doch ihr Ex-Mann möchte lieber mit seinen neuen Freundin Urlaub machen. Waltraut Henning (Gisela Schneeberger), die perfekte Hausfrau, verliert den Boden unter den Füssen als ihr Mann Achim (August Zirner) einfach vergisst, die bestellte Gans abzuholen. Michael (Thomas Loibl), ein alleinerziehender Vater, hat Probleme mit seiner pubertierenden Tochter Nina (Janina Fautz). Diese hat zwar keinen Bock, bei den Vorbereitungen helfen, mault aber herum, als der Vater listig verkündet, er werde das spießige Fest einfach ausfallen lassen. Der junge Pfarrer Gregor Thaler (Wotan Wilke Möhring) muss plötzlich in Vertretung für einen erkrankten Amtsbruder seinen ersten Weihnachtsgottesdienst halten und ist furchtbar nervös. Er hält sich für einen schlechten Redner und ist sich nicht sicher, wie seine hochintellektuelle Predigt, ein Ritt durch die Höhen und Tiefen protestantischer Theologie, bei den Kirchgängern ankommt.

Weihnachtsstress im Münchner Mietshaus

Julchen, etwa sieben Jahre alt, die einzige, die noch ein unverkrampftes Verhältnis zum Fest hat. Geschenke sind ihr nicht so wichtig, wenn nur die Familie wieder heil wäre. Ihre Mutter weiß nicht, wie sie ihr klarmachen soll, dass der Vater an Heiligabend nicht da sein wird. „Vielleicht kann das Christkind aber nicht alle Wünsche erfüllen – Julchen, du weißt doch dass der Papa…“, versucht sie es vorsichtig. „Aber viele Wünsche“, unterbricht die Tochter fröhlich und bittet vorsichtshalber das Christkind, Jesus, Gott und den Weihnachtsmann darum, dass Mama und sie nicht mehr so allein sind. „nur wir zwei, das ist zu wenig.“

„Obendrüber, da schneit es“ ist ein moderner Weihnachtsfilm. Es treten keine Christkinder oder Weihnachtmänner darin auf, das Leben der Protagonisten auf wundersame Weise in die richtigen Bahnen lenken. Dennoch geschieht ein Wunder. Etwas, das fast so unrealistisch ist wie die Erscheinung eines ganzen himmlischen Chores: Es schneit am 24. Dezember, genau wie Julchen es sich gewünscht hat.

Winter wie aus dem Bilderbuch. So wünschen sich Romantiker das Wetter an Weihnachten.
Bild: Stefan Kärber/fotolia

Dieser Schnee sorgt nicht nur für die nötige Stimmung, sondern auch dafür, dass Pfarrer Thaler vor dem Haus ausrutscht und sich eine schmerzhafte Prellung zuzieht. Damit nimmt das Wunder seinen Lauf. Der Gestürzte wird von Nick gefunden, in die Wohnung von Miram Kirsch gebracht und nach und nach versammelt sich dort das ganze Haus. Die Nachbarn, die sonst wenig Kontakt haben, lernen sich kennen. Sie geben einander gute Ratschläge, weil es immer leichter ist die Probleme der anderen zu verstehen als die eigenen. Bald stellt sich heraus, dass zwei Männer Interesse an Miriam haben: Michael und Gregor, der Pfarrer.

Als Michael sieht, dass sein Rivale eine Predigt memoriert, schöpft er Hoffnung. „Katholisch?“ fragt er scheinbar nebenbei. Doch Gregor muss ihn enttäuschen. Schließlich besuchen die Nachbarn gemeinsam den Gottesdienst, auf den sich ihr Mitbewohner vor ihren Augen vorbereitet hat. Gregor Thaler tut das einzig Richtige: er legt sein Manuskript beiseite und predigt, aufbauend auf das gerade erst erlebte, über Hoffnung und über das Paradies.

Das beste Geschenk ist eine heile Familie

Hoffen können viele der Bewohner des Hauses nach diesem Weihnachtsfest, vor allem aber Julchen. Der Schnee hat Wunder gewirkt. Der Titel des Films bezieht sich aber nicht nur auf den wundertätigen Niederschlag, sondern auch auf das Gedicht „Die drei Spatzen“ von Christian Morgenstern.

In einem leeren Haselstrauch, da sitzen drei Spatzen, Bauch an Bauch.

Der Erich rechts und links der Franz, Und mitten drin der freche Hans.

Sie haben die Augen zu, ganz zu, und obendrüber da schneit es, hu!

Sie rücken zusammen dicht an dicht. So warm wie der Hans hat‘s niemand nicht.

Sie hören alle drei ihrer Herzlein Gepoch. Und wenn sie nicht weg sind, so sitzen sie noch.


Julchen hat ihre Mutter zu Weihnachten ein Bild der drei Spatzen gemalt und sagt ihr am Ende des Films auch die Verse auf. So wie ein Vöglein möchte auch sie zwischen Mama und Papa kauern und sich wärmen. Vielleicht bekommt sie ja wieder einen Papa, Kandidaten gibt es ja genug.

Es gibt auch eine Fortsetzung - leider

„Obendrüber, da schneit es“ handelt von den hohen Erwartungen, die die Menschen an das Fest der Feste haben und die sie oft daran hindern, die Weihnachtszeit zu genießen. Die perfekte Familienfeier, das perfekte Festmahl, das perfekte Geschenk, die perfekte Predigt – wenn wir das nicht liefern, dann ist Weihnachten nicht wirklich Weihnachten. Macht euch locker, empfiehlt Regisseurin Vivian Naefe, das wichtigste sind unsere Mitmenschen. Ihre Botschaft untermalt sie musikalisch mit dem etwas abgegriffenen Gegensatz von E- und U-Musik. Weniger stille Nacht, mehr Pop, denn Klassik steht ja für verkrampfte Spießigkeit, Pop aber für Lebensfreude. Wenn es nur so simpel wäre!

2016 sendete das ZDF eine Fortsetzung unter dem Titel „Was im Leben zählt“. Die Geschichten der Hausbewohner werden weiter gesponnen – leider. Was als Weihnachtsfilm noch den Heile-Welt-Bonus des Genres in Anspruch nehmen konnte und mit seinem offenen Ende halbwegs realistisch war, verkommt nun zum Lindenstraßen-Ramsch. Probleme anreißen, Probleme wegsäuseln. Und das mitten im Sommer, ganz ohne Schnee!

Das ZDF zeigt in der Mediathek aktuell den Film.

Morgen: Ein verbitterter englischer Aristokrat wird durch seinen fröhlichen amerikanischen Enkel geläutert



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