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Familienalbum
17.09.2021

"Die Chemotherapie hätte nicht jeder so mitgemacht wie mein Mann"

Desiree mit ihrem Mann Fabian und dem Hund Pauli.
Foto: Privat

Desiree wohnt mit ihrem Mann und drei Kindern in Gersthofen. Kinder wollte sie immer. Doch eine Krebserkrankung und Chemotherapie hätten diesen Traum fast zerstört.

Was bedeutet Familie heute? Was macht sie aus? Und was hält sie zusammen? Wir stellen diese Fragen denen, die sie am besten beantworten können. In unserer Serie "Familienalbum" erzählen Menschen aus der Region, wie sie leben, was ihre Familie besonders macht und auf welche Art sie den Alltag organisieren. Diesmal mit Desiree. Sie und ihr Mann sind Eltern von drei Kindern. Keine Selbstverständlichkeit, denn eine Chemotherapie hätte ihren Kinderwunsch fast zerstört.

Familie: Ich lebe mit meinem Mann Fabian und meinen drei Kindern in Gersthofen. Der ältere, Elias, ist jetzt fast drei Jahre alt. Die jüngeren, Isabella und Jakob, sind Zwillinge und erst acht Monate. Zu meiner Familie zähle ich auch meine Eltern, meine Oma und meinen Bruder. Die mischen alle bei uns mit und sind eine wichtige Stütze. Denn dass wir heute so als Familie zusammenleben, ist für uns nicht selbstverständlich. Vor sechs Jahren bin ich an Lymphdrüsenkrebs erkrankt. 28 war ich damals. Das hat uns komplett die Füße weggezogen. Für mich hieß das: Chemotherapie, ein halbes Jahr lang. Damit lässt sich die Krankheit gut behandeln. Aber die Medikamente können zu Unfruchtbarkeit führen. Das war eine schlimme Zeit für uns. Denn wir hatten immer gesagt, dass wir uns Kinder wünschen. Und zwar am liebsten drei.

Anfänge: Kennengelernt haben wir uns 2011 in einem Augsburger Club. Ich stand mit einer Freundin an der Bar. Und da war auch Fabian. Unsere Blicke haben sich im Vorbeilaufen getroffen und es hat gefunkt. Er hat mich angesprochen, wir haben uns gut verstanden und ein Date verabredet. Ein Jahr später sind wir in die Doppelhaushälfte in Gersthofen gezogen, in der wir noch heute wohnen.

Die letzten zehn Jahre waren nicht immer einfach. Die Zeit meiner Chemotherapie hätte nicht jeder so mitgemacht wie mein Mann. Er war einkaufen, hat Essen gekocht, den Haushalt gemacht. Und sich liebevoll um mich gekümmert. Obwohl es bestimmt nicht leicht zu sehen ist, wie die eigene Partnerin sich verändert: Meine Haare sind ausgefallen und ich habe mich schwach gefühlt. Aber Fabian hat mir nie das Gefühl gegeben, dass ich anders wäre.

Zu dieser Zeit haben wir uns einen Hund geholt: Pauli, einen Golden Retriever. Er hat mir viel Halt gegeben. Obwohl ich schwer krank und seelisch angeschlagen war, haben wir versucht, das Beste aus dieser Zeit zu machen. Das hätte auch anders laufen können. Der schönste Moment in dieser Zeit war unsere Hochzeit, standesamtlich, mit Perücke und kurzem Zwischenstopp zur täglichen Blutkontrolle. Trotzdem hatten wir einen schönen Tag mit der Familie. Die kirchliche Trauung mussten wir verschieben.

Nach etwa sechs Monaten hatte ich den Krebs besiegt. Was dazu führte, dass wir wieder mehr über Familienplanung nachgedacht haben. Doch 2017 erwartete uns der nächste Rückschlag, denn ich hatte eine Eileiterschwangerschaft. Das heißt, die Eizelle hat sich nicht in der Gebärmutter eingenistet, sondern im Eileiter. Und das kann gefährlich werden. Vor allem, wenn man es nicht bemerkt, so wie ich. Mein Eileiter war bereits geplatzt und ich wäre fast innerlich verblutet. Gerettet hat mich eine Notoperation. Damals dachten wir uns nur: Kann das jetzt nicht irgendwann aufhören mit den Schicksalsschlägen? Vor allem, weil es durch den kaputten Eileiter noch schwieriger wurde, Kinder zu bekommen.

Aber das sind Ereignisse, die uns zusammengeschweißt haben. Und umso glücklicher war ich dann, als ich ein Jahr später mit Elias schwanger wurde. Zuerst konnten wir uns nicht so richtig darüber freuen. So ein Erlebnis wie das Jahr zuvor vergisst man nicht so schnell. Aber als dann die Befunde der Ärzte da waren und sie sagten, dass alles gut aussieht, sind wir in Tränen ausgebrochen. Vor Freude natürlich. Und dass es dann zwei Jahre später noch mal klappt – und dann auch noch Zwillinge –, das hätten wir nie für möglich gehalten.

Alltag: Manchmal sagen Leute zu mir: „Oh Gott, du Arme, das ist ja schon viel Arbeit.“ Natürlich ist es anstrengend. Aber ganz ehrlich? Ich freue mich über jeden Tag. Ich habe zum Glück auch viel Hilfe. Jeden Montag, Dienstag und Mittwoch kommt meine Oma und nimmt mir mittags die Zwillinge ab. Außerdem bringt sie Essen mit, dann muss ich schon mal nicht kochen. Sie geht dann mit den beiden spazieren. Ich hole in der Zeit meistens Elias aus der Krippe. Donnerstags kommt meine Mama und freitags fahren wir alle zu meinen Eltern. So läuft das fast jede Woche und dafür bin ich sehr dankbar. Die Kinder freut das auch, wenn sie mit ihren Großeltern und der Uroma spielen können. Ich bin wahrscheinlich noch die nächsten zwei Jahre in Elternzeit. Eigentlich arbeite ich als Realschullehrerin, aber im Moment genieße ich die Zeit zu Hause. Das will ich gegen nichts eintauschen. Erst wenn die Zwillinge in die Kita gehen, will ich wieder arbeiten. Aber trotzdem freue ich mich schon darauf, weil mir das Unterrichten unglaublich viel Freude bereitet.

Mein Mann hat eine 40-Stunden-Woche – plus zwei Stunden Fahrtzeit. Das ist natürlich viel. Vor allem, weil wir nebenbei ein Haus bauen. Er fährt dann oft abends, nachdem die Kinder im Bett sind, auf die Baustelle. Geplant ist, dass wir kommendes Jahr im Sommer einziehen.

Desiree und ihre Familie.
Foto: Privat

Auszeit: Meine ganz persönliche Auszeit nehme ich mir mittags. Wenn meine Oma mit den Zwillingen unterwegs ist, lese ich mit Elias ein Buch. Und dann machen wir beide einen Mittagsschlaf. Diese Zeit brauche ich, um mich zu erholen – auch wenn es nur 30 Minuten sind. Was mir aber fehlt: Mein Mann und ich nehmen nie zu zweit eine Auszeit. Es ist bestimmt schon über acht Monate her, dass wir mal zusammen was essen waren. Irgendwer muss ja nach den Kindern schauen.

Streitpunkte: Natürlich gibt es Tage, an denen wir an seine Grenzen stoßen, gereizt sind oder überreagieren. Wenn mein Mann abends auf die Baustelle fährt, erwische ich mich manchmal dabei, wie ich sage: „Jetzt muss ich wieder mit den Kindern alleine bleiben.“ Natürlich ist das ein Vorwurf, über den er sich ärgert. Denn anders klappt es nun mal nicht mit dem Hausbau. In solchen Fällen reden wir vielleicht mal eine Stunde nicht miteinander. Aber wir haben schon so viel zusammen durchgemacht, dass einem das wie eine Kleinigkeit vorkommt.

Glücksmomente: Glücksmomente erleben wir täglich, wenn nicht sogar stündlich. Jedes Mal, wenn wir erleben, wie die Kinder sich entwickeln. Elias zum Beispiel, der so freundlich und selbstbewusst ist und uns mittlerweile in Grund und Boden redet. Aber auch wenn alle drei miteinander im Bett liegen und kuscheln. Das macht uns unglaublich stolz. Und in solchen Momenten wird mir klar: Das ist alle Mühe wert.

Was ist Ihre Geschichte? Wollen Sie auch von Ihrer Familie erzählen und verraten, was Sie und Ihre Lieben besonders macht? Dann melden Sie sich – gern mit einer Telefonnummer – unter der Mail-Adresse familienalbum@augsburger-allgemeine.de. In der Serie "Familienalbum" erzählen wir die Geschichten von großen und kleinen Familien, von Regenbogenfamilien, Patchworkfamilien oder Mehr-Generationen-Familien, kurz: von jedem, der sich als Familie fühlt. Alle Artikel aus der Reihe finden Sie gebündelt auf einer Sonderseite.

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