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Erinnerung

23.05.2015

Abenteuer über dem Großen Teich

Michael Friedl aus Hochdorf hat die Geschichte seines Onkels Franz Xaver, der nach New York ausgewandert war, genau rekonstruiert.
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Michael Friedl aus Hochdorf hat die Geschichte seines Onkels Franz Xaver, der nach New York ausgewandert war, genau rekonstruiert.
Bild: Eva Weizenegger

Von einem, der auszog, um in Amerika sein Glück zu finden. Die Geschichte des Bäckers Franz Xaver Friedl aus Hochdorf, der nach New York auswanderte

Michael Friedl aus Hochdorf hat einen ganz besonderen Schatz in den Schubladen seiner Kommode im Wohnzimmer. Der 88-Jährige zieht sie auf und zeigt die vielen Fotos, Reisedokumente, Briefe und ein kleines, grünschimmerndes Tagebuch seines Onkels Franz Xaver Friedl. Er erzählt von den Abenteuern seines Onkels, der vor dem Ersten Weltkrieg, Anfang des 20. Jahrhunderts, aufbrach nach Amerika, um dort als Bäcker sein Glück zu versuchen.

Michael Friedl kann genau belegen, wann sein Onkel nach Amerika aufbrach und was er dort erlebte. Für Franz Xaver war das aber keine Reise ohne Wiederkehr wie für so viele seiner Generation. In der Meringer Bäckerei Dilger hatte er Bäcker und Konditor gelernt und fand mit seiner Ausbildung schnell eine Anstellung in New York. Die erste Überfahrt nach Amerika machte er noch als Schiffsangestellter. „Das hat er aber nur einmal machen müssen, danach fuhr er mit dem Schiff schon in einer besseren Klasse“, sagt Michael Friedl und zeigt das original Werbeprospekt des Norddeutschen Lloyd.

Doch bevor er nach Amerika aufbrach, war Franz Xaver in München. In seinem Tagebuch schreibt er: „Auf einmal ergriff mich die Reiselust und ich beschloss, zur See zu fahren.“ Nach einer weiteren Zwischenstation in Hamburg startete er über den Großen Teich und heuerte am 3. Oktober 1907 von Cherbourg auf einem Dampfer als Bäcker an.

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In seinem Tagebuch schildert er seine Eindrücke von der ersten Seereise und der Ankunft in New York: „Riesige Schiffe standen da herum und die großen Hochhäuser. Es war ein überwältigendes Ereignis.“ Für seine beiden Kinder hat Michael Friedl die in Süterlin geschriebenen Tagebuchaufzeichnungen noch einmal ins Reine geschrieben, damit sie auch für die heutige Generation lesbar ist. Nachdem Franz Xaver die Einwanderungsprozedur in Ellis Island hinter sich hatte, fand er eine gute Stellung als Bäcker. Dort blieb er zwei Jahre und wechselte dann in einen größeren Betrieb, wo er Kuchen und Torten herstellte. „Ich verdiente gutes Geld“, schreibt er. Franz Xaver Friedl, der Bäcker aus dem kleinen Hochdorf, fand in Amerika sein Glück, aber keine Ehefrau. Doch ein Kind von Traurigkeit war er nicht. „Er unternahm Reisen nach Südamerika und sah sich dort die Welt an“, erzählt Michael Friedl. Als der Erste Weltkrieg in Deutschland zu Ende war, kehrte der Auswanderer wieder zurück in seine Heimat Bayern. „Da sah ich das ganze Elend, das der Krieg hinterlassen hatte“, schreibt er in sein Tagebuch. Er wohnte bei seinem Bruder in Hochdorf, wo er nicht bleiben wollte. Er hatte genügend Geld in Amerika verdient und kaufte 1922 ein Anwesen in der Kurfürstenstraße 20 in München mit 24 Wohneinheiten und Läden im Parterre.

Er setzte sich noch für vier weitere junge Burschen ein und half Ludwig und Franz Fendt, Heinrich Friedl und Ulrich Wetzel, in den USA Fuß zu fassen. Auch von diese n vier jungen Männern weiß Michael Friedl noch ziemlich viel. Alle gründeten dort eine Familie, fanden Arbeit und einige machten sich sogar selbstständig.

Franz Xaver selbst reiste immer wieder nach Amerika, doch blieb er seiner Heimat treu. 1929 verkaufte er sein Auto und schaffte sich von dem Geld ein Motorrad an. Damit fuhr er in die Schweiz. „Von dieser Reise kehrte er nicht mehr zurück“, erzählt Michael Friedl. Sein Onkel wollte einem Kind ausweichen, verlor die Kontrolle über sein Motorrad und stürzte. Dabei zog er sich eine Kopfverletzung zu. Unterlagen aus dem Krankenhaus und ein Brief an eine Tante von Michael Friedl belegen, dass die Ärzte noch ihr Bestes versuchten, doch auch eine Operation konnte Franz Xaver Friedl nicht retten. „Das war schon ein sehr tragisches Ende meines Onkels, der mit 44 Jahren starb.“ Sein Leichnam wurde nach Deutschland überführt und Franz Xaver, der ruhelose Hochdorfer, fand seine letzte Ruhestätte auf dem Friedhof der kleinen Gemeinde.

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