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Altstadtfest in Friedberg

16.05.2016

Asylbewerberin näht für Zöllner

Anprobe: Passen den Zöllnern Wolfgang Schweizer (links) und Manfred Ostertag die neuen Mäntel, die die Schneiderinnen Olena Kokhan (Zweite von links)und Gislinde Graminger zusammen genäht haben?
Bild: Manuel Weindl

Das Friedberger Patchwork-Team ist froh über eine Verstärkung aus der Ukraine. Das beruht auf Gegenseitigkeit.

Die Ober-Zöllner beim historischen Altstadtfest sollen respektabel wirken in ihren neuen dunkelgrünen Mänteln. Schließlich sind sie verantwortlich dafür, dass der Zoll an den Schranken hinein zur Friedberger Zeit von den Besuchern kassiert wird. Möglichst wie maßgeschneidert sollen die zwölf Mäntel sitzen, die die Stadt bei Gislinde Graminger in Auftrag gegeben hat. Sie ist die Ex-Seniorchefin des Friedberg Patchwork-Hauses für Handarbeit. Allerdings ist die Schneiderin krankheitsbedingt länger ausgefallen. Doch im Vorfeld des Altstadtfestes ist nahezu jede Friedbergerin, die nähen kann, ausgebucht. Dass die Ober-Zöllner derzeit ihre neuen Mäntel anprobieren können, hat eine Asylbewerberin mit ermöglicht.

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Wie genau das historische Altstadtfest vom 8. bis 17. Juli in Friedberg abläuft, kann sich die Ukrainerin Olena Kokhan bisher schwer vorstellen. Doch mit dem Friedberger Festgewand ist sie richtig auf Tuchfühlung. Die 68-Jährige hat inzwischen auch eine ganze Familie und eine kleine Magd historisch eingekleidet und Hemden für die Karussell-Anschieber vom Alpenverein genäht.

Beste Erfahrungen hat das Inhaber-Ehepaar des Handarbeitshauses, Karin und Manuel Weindl, mit der Asylbewerberin gemacht. Ende vergangenen Jahres war die Anfrage von dem Helferkreis gekommen, der sich um die Asylbewerber bei Herrgottsruh kümmert. Der Aufwand für die Einstellung habe sich in einem durchaus erträglichen Rahmen gehalten, sagt Manuel Weindl. Bei einem vierwöchigen Praktikum habe sich gezeigt, dass es fachlich passt. Nachgewiesen werden musste beispielsweise, dass kein Deutscher oder EU-Ausländer für die Stelle zu finden war. Wichtig war dem Ehepaar Weindl, dass Olena Kokhan angemessen bezahlt wird. Bei einer geringfügigen Beschäftigung maximal 15 Stunden in der Woche ist das drin.

Asylbewerberin näht für Zöllner

„Sie arbeitet sauber, gewissenhaft und zuverlässig. Olena ist eine Bereicherung für den Laden“, sagt Karin Weindl. Hört sie solche Komplimente, wird die Ukrainerin rot. Dass sie mit 68 Jahren eine Arbeit gefunden hat, kann sie fast nicht fassen. In dem Geschäft fühlt sie sich wie in einer Familie. Fachwissen bringt Olena Kokhan aus der Ukraine mit. Dort hat die gelernte Schneiderin lange in einem Mode-Atelier und einer Polsterei gearbeitet.

Seit gut einem Jahr lebt die 68-Jährige in Friedberg. Deutsch zu sprechen, fällt ihr noch schwer, aber sie versteht vieles. Wenn es um Fachausdrücke geht, hilft auf dem Smartphone von Gislinde Graminger eine Übersetzungshilfe für Ukrainisch weiter.

Gespannt ist Olena Kokhan schon darauf, wie Zöllner und Co. in dem von ihr geschneiderten Gewändern beim Altstadtfest wirken werden. Sie glaubt zu ahnen, was dann in Friedberg los sein wird: „Viel Musik und buntes Treiben auf den Straßen.“

Wenn die Friedberger Zeit vorbei ist, will das Ehepaar Weindl die 68-Jährige gerne weiter beschäftigen. Auf die Ukrainerin wartet dann andere Arbeit als Änderungsschneiderin.

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