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Aichach-Friedberg

10.07.2020

Asylhelfer fordern Internet für ihre Schützlinge

Die Flüchtlinge in den Unterkünften des Landkreises Aichach-Friedberg haben bisher keinen W-Lan-Anschluss. Die Asylhelfer fordern ein Umdenken.
Bild: Christin Klose, dpa (Symbolbild)

Plus Die Entscheidung des Landratsamtes gegen einen Anschluss für Asylunterkünfte durch den Verein Refugees online ist Dauerthema bei Asylhelfern im Landkreis.

Vor kurzem begleitete der Asylhelfer Siggi Schwab einen arabischsprachigen Neuankömmling aus der Unterkunft in der Meringer Kanalstraße zur Bank, um ein Konto eröffnen. Dort wies man ihn ab mit dem Rat, doch lieber ein Online-Konto zu eröffnen. Die Erfahrung sei, dass Asylbewerber oft nicht das Kleingedruckte verstehen könnten. „Wie soll er ein Online-Konto führen, wenn er in seiner Unterkunft gar kein Internet hat?“, fragte sich Schwab. Das Thema Internet-Zugang in Asylunterkünften gewann in Zeiten von Ausgangsbeschränkungen und Homeschooling nun noch mehr an Bedeutung und ist im Landkreis schon fast zu einem Politikum geworden.

Denn wie berichtet, spricht sich das Landratsamt als Betreiber einer Vielzahl an dezentralen Unterkünften gegen die Einrichtung von Internetanschlüssen aus. Begründet wird die Ablehnung auch mit dem Gleichbehandlungsgrundsatz, denn nicht in allen Einrichtungen könnte das Installationsangebot des Vereins Refugees Online zum Tragen kommen. Prinzipiell steht es laut Landratsamt jedem Bewohner frei, sich über einen Surfstick, internetfähige Smartphones oder einen mobilen Router Internetzugang zu verschaffen.

Flüchtlinge müssen Homeschooling ohne Internetzugang meistern

„Diese Einstellung kommt mir vor wie aus der Zeit gefallen“, sagt Andrea van Ooijen. Zusammen mit weiteren Ehrenamtlichen betreut sie zwei syrische Familien mit sechs Kindern in sechs verschiedenen Schulen, vom Erstklässler bis zur Berufsschülerin. In Zeiten von Corona arbeiten die Schüler verstärkt auf Plattformen wie Mebis oder nehmen an Video-Konferenzen teil und manch engagierter Lehrer schickt Videos oder Power-Point-Präsentationen.

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Ohne Internet im Haus und nur am Handy sei dies kaum zu bewältigen, erklärt die Förderlehrerin im Vorruhestand. „Mit Zorn, Zähneknirschen und Bauchschmerzen sehen wir, wie absolut motivierte, fleißige Schulkinder frustriert sind, verzweifeln und abgehängt werden“, so wandte sie sich zusammen mit weiteren Helfern aus Wessiszell direkt an den Landrat.

Warum sich das Landratsamt gegen das Angebot des Vereins Refugee Online sträubt, verstehen die Asylhelfer nicht. Eine Ungleichbehandlung der Flüchtlinge gebe es sowieso – wer in Aichach wohne, habe eine ganz andere Infrastruktur wie etwa ein Flüchtling in einem Dorf ohne Supermarkt. „Gerade mit dem Internet könnte man hier eine Gleichbehandlung herstellen“, findet ein Obergriesbacher Asylhelfer.

 

Die Stadt Aichach ist gerade dabei, die drei Gemeinschaftsunterkünfte im Stadtgebiet mit kostenlosem WLAN auszustatten. Diese Unterkünfte werden von der Regierung von Schwaben betreut, die nichts gegen das Engagement der Stadt hat. Zudem gibt es in Aichach noch mehrere Einzelunterkünfte unter Trägerschaft des Landkreises. Wie Aichachs Bürgermeister Klaus Habermann betont, hat sich die Stadt nicht zuletzt mit Blick auf die schulischen Anforderungen in Corona-Zeiten bereit erklärt, die Internet-Anschlüsse in den Gemeinschaftsunterkünften zu realisieren.

In den vier Pöttmeser Asylunterkünften leben derzeit zehn schulpflichtige Kinder. Teilweise haben die Lehrer ihnen das Unterrichtsmaterial nach Hause gebracht. Manche konnten sich die Aufgaben zwar auf dem Handy anschauen, aber ein Ausdrucken scheiterte meist mangels Druckers. Wie eine Asylhelferin berichtet, brauchen nicht nur die Schüler dringend WLAN, auch die Auszubildenden sind stark benachteiligt. Sie könnten sich weder Lehrbücher bestellen noch sich generell übers Internet informieren. Meist kämen lediglich über private Initiativen von Ehrenamtlichen Internetverträge zustande.

In der Corona-Zeit fallen Flüchtlingskinder hinten runter

Einen kleinen Lichtblick gibt es seit Kurzem wieder im Treffpunkt des Asylkreises, dem Bazar. Da im Pöttmeser Ortskern ohnehin Internetanschlüsse verlegt wurden, wurde der Bazar gleich mit angeschlossen. So können die Besucher dort immer dienstags von 15 Uhr bis 18 Uhr das WLAN nutzen. Auch zwei kleine geschenkte Computer stehen zur Verfügung.

Andrea van Ooijen betreut im Dasinger Ortsteil Wessiszell mit weiteren Ehrenamtlichen zwei syrische Familien mit sechs Kindern in sechs verschiedenen Schulen, vom Erstklässler bis zur Berufsschülerin. Ohne Internet im Haus und nur am Handy seien die Anforderungen kaum zu bewältigen, erklärt die Förderlehrerin im Vorruhestand. „Mit Zorn, Zähneknirschen und Bauchschmerzen sehen wir, wie absolut motivierte, fleißige Schulkinder frustriert sind, verzweifeln und abgehängt werden“, so van Ooijen, die sich mit weiteren Helfern an den Landrat gewandt hat.

Mit den gleichen Problemen kämpft Renate Schweizer, die in Kissing Schüler in den Gemeinschaftsunterkünften in der Peterhof- und in der Industriestraße betreut. „In der schulfreien Zeit sind einige komplett hinten runtergekippt“, hat sie festgestellt. Viele Kinder hätten mangels Internet überhaupt keinen Kontakt zu ihren Lehrern gehabt. „Wir hätten von der Raiffeisenbank Computer bekommen können, aber was nützen diese ohne Internetanschluss?“, fragt sie.

Mit einem der Schüler sei sie schließlich zum Einkaufen gegangen und habe eine Box für Internetzugang gekauft. „Es ist wichtig, dass alle ihren Schulabschluss machen und einen Ausbildungsplatz bekommen“, betont sie. „Uns geht es um Inklusion, die hier nicht stattfindet und wir laufen offenen Auges in eine Katastrophe“, so beurteilt sie mit ihrer 45-jährigen Erfahrung als Sozialpädagogin die Situation.

Internetanschluss in Asylunterkünften würde Helfer entlasten

Alle Familien wären bereit, für den Anschluss monatlich zu bezahlen, denn auch bisher investieren sie rund 35 Euro für ihre Handykarten, weiß Renate Schweizer. Ohne Internetanschluss sind auch die Familien in der Zehn-Zimmer-Unterkunft in Stätzling, die Olaf Hermann zusammen mit seiner Frau betreut.

„Unsere Bewohner hätten schon gerne einen Internetanschluss, denn mit dem Handy funktioniert vieles nicht so schnell oder gar nicht“, erklärt er. „Aber einige von ihnen wollen kein Geld dafür ausgeben und fragen „Wer bezahlt uns das?“, so lautet Hermanns Erfahrung.

Während der Coronabeschränkungen habe er für die Schüler viele Blätter bei sich zuhause ausgedruckt und sie ihnen gebracht. „Ich war wie ein Postbote. Mit einem Internetzugang wäre es definitiv leichter“ .

Die Installierung eines Wlan-Anschlusses gleich selbst in die Hand nahm Walter Conradi, Asylhelfer in Friedberg-West. In der Josef-Wassermann-Straße betreut er zusammen mit weiteren Helfern eine Einrichtung mit 20 Erwachsenen und 32 Kindern, die allerdings nicht dem Landratsamt unterstellt ist, sondern von der Regierung von Schwaben betreut wird.

Diese genehmigte die Wlan-Ausstattung der Einrichtung sofort. „Der Verein Refugees Online hat uns bereits vor drei Jahren Router und Verstärker in den einzelnen Etagen installiert und ich habe das Geld dafür privat vorgestreckt“, so berichtet er.

Mit einem monatlichen Obolus von zehn Euro pro Anschluss beteiligen sich die Bewohner und so war das ausgelegte Geld schnell bezahlt. „Was nun reinkommt, wird für Begegnungsfeste verwendet“, erzählt Walter Conradi. „Unsere Bewohner wollten den Anschluss unbedingt haben und sind dankbar dafür“.

Er verstehe die Argumentation des Landrats nicht, sagt der Asylhelfer. „Wenn die Regierung von Schwaben als übergeordnete Behörde Internetanschlüsse in Asylheimen genehmigt, dann kann das Landratsamt doch in seinen Unterkünften nicht dagegen sein?“, wundert er sich.

Der Verein Refugee Online sorge zudem mit Filtern für eine Kontrolle gegen Gewalt und Pornografie und somit für einen sauberen Zugriff. „Und das Landratsamt kostet das nur eine Unterschrift!“ Heutzutage gehöre es einfach zu einem vernünftigen Leben, dass man Zugang zum Internet habe, so die Überzeugung Conradis. Wenn man wolle, dass die Flüchtlinge auf eigenen Beinen stehen, eine Ausbildung machen und ihr Geld verdienen, dann müsse auch das Landratsamt in die Gänge kommen, findet sie.

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06.07.2020

Der Staat bzw. das Landratsamt sind nicht dazu da Asylbewerbern oder Flüchtlingen einen Internetanschluss zur Verfügung zu stellen. Ein H4 Empfänger muss sich ja auch selbst entscheiden ob er lieber Geld für Internet oder für andere Dinge ausgibt.
Da ist von Seiten der Schutzsuchenden schon ein gewisses Anspruchsdenken vorhanden, es wird geglaubt der Staat kommt für alles auf.

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