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Friedberg

16.06.2020

Corona-Krise wird zur Zerreißprobe für die Chöre

Der Friedberger Kammerchor sorgte mit seinen Konzerten stets für Begeisterung beim Publikum. Doch derzeit gibt es weder Proben noch Auftritte.

Plus Laienmusiker dürfen unter Auflagen wieder gemeinsam proben. Ausgenommen davon sind Gesangsgruppen. Was dahinter steckt und wie die Reaktionen in Friedberg sind.

Proben auf dem Pausenhof mit Absperrbändern, die die einzelnen Sänger auf Abstand zueinander halten. Ein denkbares Zukunftsszenario für Herbert Deininger, den Leiter des Kammerchors Friedberg. Sein Vorschlag ist zur Zeit jedoch noch Zukunftsmusik. Zwar ist der Probenbetrieb von Laienmusikgruppen wieder möglich, wie das Bayerische Gesundheitsministerium erklärte, Chöre und sonstige Gesangsgruppen sind davon jedoch ausgenommen.

Die vier bayerischen Chorverbände reagierten empört auf diese Ausnahmeregelung. In einem gemeinsamen Brief an verschiedene Ministerien kritisieren sie die Entscheidung. Sie berufen sich darauf, dass in Baden-Württemberg und Hessen der Probenbetrieb auch für Chöre wieder geöffnet ist. Außerdem verweisen die Präsidenten auf zwei Studien zur Risikoeinschätzung im Bereich Musik, aus denen nicht explizit ein höheres Risiko für Chorproben hervorgeht.

Leiter des Friedberger Kammerchors kritisiert die Staatsregierung

Herbert Deininger vom Kammerchor Friedberg ärgert sich vor allem über das Vorgehen des Kultusministeriums. „Mit Bläserensembles wurde im Vorfeld gesprochen und gemeinsam ein Konzept ausgearbeitet. Mit uns hat niemand gesprochen“, kritisiert der Kreischorleiter des Sängerkreises Augsburg.

Corona-Krise wird zur Zerreißprobe für die Chöre

Ein höheres Infektionsrisiko als bei Blasmusikern sieht Deininger mit Blick auf verschiedene Studien nicht. Prof. Johannes Knoblauch, Krankenhaushygieniker des Universitätsklinikums Hamburg, spricht in einer Dokumentation des NDR von vielen Unklarheiten, die es noch immer über die Verbreitung des Virus gebe.

Beim Liederkranz Mering fühlt man sich bevormundet

Auch Dietmar Schneider, Vorsitzender des Liederkranz Mering, fühlt sich vom Ministerium bevormundet. Die fehlenden Proben sind ein großes Problem für seinen Chor, der sich auf ein großes Jubiläumskonzert anlässlich des 150-jährigen Bestehens vorbereitet hatte.

Der Liederkranz Mering wird 150 Jahre alt. Doch das Jubiläumskonzert fällt aus.
Bild: Manuela Rieger

„Der Chor hat seinen Klang verloren und das ist das Schlimmste, was einem Chor passieren kann“, beklagt er. Auf diese Probleme werde nicht eingegangen. Viele Gesangsgruppen fühlen sich übergangen.

Beim Sängerverein Friedberg ist man sich des Risikos bewusst

Erwin Ziegenaus, Chorleiter des Sängervereins Friedberg, bedauert zwar den Probenausfall, aber ist sich der Risiken bewusst: „Wir sind 25 Sänger und unser Probenraum ist nicht riesengroß. Das gemeinsame Proben wäre nicht harmlos.“ Wolfgang Braun, Vorsitzender des Vereins, ergänzt: „Es sind zwei Seelen, die in meiner Brust schlagen“. Die Freude am Singen einerseits, das Gesundheitsrisiko andererseits.

Beate Anton, Leiterin des Gospelchors Colours der evangelischen Kirchengemeinde Friedberg, findet die geltenden Einschränkungen sinnvoll. „Beim Singen entstehen extrem viele Aerosole“, erklärt die Gesangslehrerin. „Die Stimmlippen schließen beim Singen, dadurch werden die Tröpfchen fein verwirbelt“, ergänzt sie. Daher entstehen deutlich mehr Aerosole als beim normalen Sprechen oder beim Spielen eines Instruments. Diese können sich über weitere Distanzen übertragen als bei der normalen Tröpfcheninfektion. Das bestätigen auch Virologen.

Gesangslehrerin Beate Anton aus Friedberg ärgert sich

Sie selbst habe sich über den Brief der Bayerischen Chorverbände geärgert. „Man kann viel fordern, aber das Virus gibt es trotzdem“, so Anton. Sie befürchtet, dass durch die Öffnung des Probenbetriebs mehr Druck auf Chorleiter ausgeübt werde, Proben wieder regulär stattfinden zu lassen. In vielen Fällen sei das unverantwortlich, vor allem mit Blick auf Chormitglieder, die zu einer Risikogruppe gehören.

Gesanglehrerin Beate Anton sieht ein hohes Infektionsrisiko.

Sie verweist auf den massiven Corona-Ausbruch nach einer Chorprobe in Berlin. Dort hatte der Domchor am 9. März gemeinsam geprobt. Obwohl bis dato niemand Symptome zeigte, waren nach der Probe 60 von 80 Sängern mit Corona infiziert. Eine Übertragung des Virus fand auch über große Distanzen statt.

Proben auf dem Pausenhof und in der Tiefgarage

Viele Chöre haben sich Gedanken darüber gemacht, wie Proben unter verschärften Hygieneauflagen aussehen könnten. Deininger hat bereits bei der Stadt angefragt, ob der Pausenhof der Mittelschule Friedberg, in der sie proben, für Proben genutzt werden könne. Der Raum innen sei zu niedrig und lasse sich nicht gut lüften. Beate Anton liebäugelt bereits mit einer Tiefgarage. „Die Durchlüftung ist gut und die Akustik ist auch in Ordnung.“ Zunächst gelte aber weiterhin abzuwarten und das Wohl der Menschen im Blick zu behalten.

Solange noch keine Antwort und weitere Anweisungen durch ein Ministerium vorliegen, heißt es ohnehin abwarten. Bis dahin probt der Kammerchor weiter über Zoom. Beate Anton hat mit ihrer Familie die einzelnen Stimmen für die Sänger des Gospelchors aufgenommen. Bis zur ersten echten gemeinsamen Probe versuchen die Mitglieder, so in Übung zu bleiben.

Lesen Sie dazu auch unseren Kommentar Chöre verdienen Gehör in der Corona-Debatte

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