Die Feuerwehr Kissing, die DLRG und Passanten retteten ein Ehepaar, das in Kissing am Weitmannsee ins Eis eingebrochen war.

"Das Ehepaar aus dem Eis" berichtet jetzt vom Unfall am Weitmannsee

Foto: Peter Holthaus

Sie wollen Dank sagen - und erklären, warum sie aufs Eis gingen: Das Ehepaar, das am Weitmannsee in Kissing gerettet wurde, erzählt seine Geschichte. Ein Protokoll.

Unsere Redaktion erhielt diese Woche einen anonymen Brief - Absender: "Das Ehepaar vom Weitmannsee". Die Eisrettung hat auch uns sehr bewegt - ebenso die ehrlichen Worte der beiden Menschen, die lieber ungenannt bleiben wollen. Daher geben wir sie hier als Protokoll wieder - einfach so, wie sie geschrieben sind. Die Polizei Friedberg hat die Absender für uns verifiziert.
Wir waren das Ehepaar, das ins Eis eingebrochen ist. Von ganzem Herzen möchten wir allen danken, die an unserer Rettung beteiligt waren: Denen, die selber Gefahren auf sich genommen haben, nicht nur zugeschaut haben. Besonders den drei Freunden, die als erste reagiert haben. Der DLRG-Freiwilligen auf dem Schlitten. Denen, die ihr den Schlitten zugeschoben haben. Denen, die die Leiter organisiert und meinem Mann aus dem Eisloch herausgeholfen haben. Der Frau, die ihm ihre Handschuhe lieh, weil er seine Finger nicht mehr spürte, als er frierend und tropfend auf das Ufer zuging.

Am Samstag brachen auf dem Kissinger Weitmansee zwei Personen durchs Eis.
Video: Sebastian Richly

Weitmannsee: Das Ehepaar dankt seinen Rettern

Und der Wasserwacht und Feuerwehr, die mich, die Ehefrau, dann abholten, vom dünnen Eis, in das ich dann auch noch einbrach, als mein Mann schon in Sicherheit war. Dem Herrn auf dem Eisrettungsschlitten, der bei mir war, als ich im Wasser hing und der dann selbst mit den Beinen eingebrochen ist. Dem, der mir später seine Jacke gab, als das große Schlottern trotz Wärmedecken einsetzte und sich verselbstständigte. Dem Sanitäter, der mir später im Krankenwagen sein Handy lieh, um meine Kinder anzurufen.

Besonders der Frau mit der Brille, die mich im Rettungsboot liebevoll und ohne Vorwurf in den Arm genommen hat und der ganzen Gruppe, die nicht mit Anschuldigungen reagierte, sondern die mir trotz der Situation das Gefühl gaben, es wird alles gut, es ist passiert, aber wir werten nicht. Die Vorwürfe an mich, an uns, quälten mich selber und das eigene Beschämtsein war und ist sowieso unendlich groß. Und dass in der Rettungsgruppe trotz der Ernsthaftigkeit des Einsatzes auch Mitleid und Menschlichkeit, aber auch Versuche der Aufheiterung durch humorvolles Miteinander zu spüren waren, dafür danke ich Euch besonders.

Der Rettungshubschrauber war im Einsatz, um ein Ehepaar, das ins Eis am Weitmannsee bei Kissing eingebrochen war, zu versorgen.
Foto: Peter Holthaus

Wie konnte das passieren, dass wir so unvorsichtig auf das dünne Eis spaziert sind und damit uns und andere in Lebensgefahr gebracht haben? Gedankenlosigkeit, gepaart mit Fehlinterpretationen und ein bisschen Pech.

Wir sind eigentlich vorsichtige Menschen, gehen normalerweise ungern und selten Risiken ein. An diesem Samstag sind wir nicht gezielt zum See gekommen. Wir wollten einfach in der Sonne im Schnee spazieren gehen und sind zunächst den Weg vom Parkplatz zum Lech gelaufen. Von der Lechseite kommend, haben wir dann erst den See gesehen, zauberhaft in der Sonne gelegen und bevölkert mit bestimmt 100 Leuten, Schlittschuhläufern, Menschen mit Kinderwägen. Eishockeyflächen wurden poliert und die Wasserwacht war zu sehen am Ufer.

Am Kissinger Weitmannsee wurden Warnschilder aufgestellt.
Foto: Sabine Hämmer

Wir sind an der kurzen Seite des Sees vom Lech aus in Richtung Restaurant Seestern gelaufen und dort waren keine Warnschilder. Es waren im Gegenteil viele Fußspuren, die von dieser Stelle auf den See führten. Und ich sagte zu meinem Mann: "Schau mal! Die Wasserwacht ist auch da! Sie haben den See wohl freigegeben! Sollen wir noch die Kinder und die Schlittschuhe holen? So ein seltenes Glück, hier Eislaufen zu können."

Im Nachhinein bin ich nur froh, dass wir unsere (großen) Kinder nicht geholt haben. Wir schauten noch über das Eis, nach Markierungen, ob irgendwelche Bereiche abgesperrt waren, konnten aber nichts sehen. Das war eine Fehlinterpretation, die verhinderte, dass wir uns Gedanken um die Eisdicke gemacht hätten. Das Ganze spielte sich innerhalb weniger Minuten ab. Wir waren noch darauf bedacht, coronabedingt Abstand zu halten und nicht zu nah an die Menschenmenge heranzugehen - vorsichtig, wie wir eigentlich sind - im Nachhinein betrachtet natürlich erst recht gefährlich.

Eisunfall: "Wir haben wahnsinniges Glück gehabt"

Erst hinterher erfuhr ich, dass die DLRG anfangs versucht hatte, die Menschen zu überreden, vom Eis zu kommen und einzeln auf die Gefahren aufmerksam machen wollte (Aber es waren zu viele! Wem kannst du da noch was erzählen?) und dass hier in der Gegend Seen gar nicht freigegeben werden. Dass am Hauptzugang zum See anscheinend ein Verbotsschild angebracht war. Aus der Zeitung erfuhr ich später von der Quelle, die anscheinend an unserer Einbruchstelle dafür gesorgt hatte, dass das Eis besonders dünn war. Das war vielleicht auch ein bisschen Pech.

Und trotzdem haben wir wahnsinniges Glück gehabt und sind uns dessen bewusst und dankbar, dass es gut ausgegangen ist. Bis auf Schlafstörungen und ein paar blaue Flecken haben wir diesen Unfall und die Unterkühlungen gut überstanden.

Vor ein paar Tagen habe ich mich überwunden und bin noch einmal zum See gefahren. Es stehen jetzt weit verteilt viele Schilder mit dem Warnhinweis "Lebensgefahr" - auch in der Nähe der Stelle, wo wir das Eis betreten haben. Ich würde mir wünschen, dass diese in zukünftigen Jahren schon weitläufig aufgestellt werden, bevor die ersten Menschen den Impuls verspüren, das Eis zu betreten. Vielleicht mit einer rot-weißen Sicherheitsabsperrung, wie jetzt am Friedberger See, die auch von Weitem zu sehen wäre. Dass es die Möglichkeit gäbe, mit Lautsprecheransagen oder Flüstertüten die Menschen zu warnen, wenn wieder die Situation entsteht, dass zu viele gleichzeitig das Eis an einem Sonnentag "stürmen". Hätten wir irgendeinen Hinweis wahrgenommen, dass es gefährlich ist, was wir machen, hätten wir den See sicher nicht betreten.

Warum das Ehepaar vom Weitmannsee anonym bleiben will

Wir wollen anonym bleiben. Es ist uns zutiefst unangenehm, dass uns passiert ist, was wir bisher nur in der Zeitung über andere lasen und dann dachten: Wie kann man nur so dumm und unvorsichtig sein. Jetzt wissen wir: Es gibt manchmal Momente, in denen das Leben anders verläuft, als man sich das gedacht hat. Momente, in denen du anders handelst, falsche Schlüsse ziehst und das Schicksal seinen Lauf nimmt.

Wir wollen auch nicht, dass unsere weitere Familie davon erfährt, dass wir es waren, "das Ehepaar auf dem Eis", unsere Eltern sind schon älter und würden sich im Nachhinein sehr aufregen. Durch Corona sind sie ohnehin belastet und Ängste bestimmen ihren Alltag. Und wir selbst brauchen auch noch Zeit, um diesen Tag zu verarbeiten. Dass sich diese Erfahrung, die uns sehr aufgewühlt hat und belastet, setzen kann. Ganz sicher werden wir aber nie wieder unbedacht und gedankenlos einen zugefrorenen See betreten.

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