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Prozession

16.05.2015

Das Gelübde gilt noch 30 Jahre

Am Ehrenmal predigte der Weihbischof.
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Am Ehrenmal predigte der Weihbischof.

Die Kissinger Bittgänge zum Burgstall sechsmal im Jahr werden weiter gepflegt

An das Ende des Zweiten Weltkriegs werden die Kissinger auf ganz besondere Weise erinnert – zumindest noch die nächsten drei Jahrzehnte. Denn so lange gilt das Gelübde, das Pfarrer Dr. Josef Zimmermann in der Predigt des Sonntags vom 22. April 1945 verkündete, auf jeden Fall. Die Schrecken des Krieges rückten damals näher an den Ort heran – und, wie sich zeigen sollte, erreichten ihn später sogar in Form einer größeren Schar preußischer SS-Truppen, die Kissing zum Widerstandsnest ausbauen wollte. Wie der Pfarrer später schrieb, war das zynische Argument der SS: Nach der Zerstörung ihrer eigenen Heimat bräuchten auch die Bayern kein intaktes Heim mehr. Das erbitterte natürlich die Bevölkerung, denn die Amerikaner rückten immer näher.

Zimmermann, der von 1941 bis 1946 Pfarrer von Kissing und von 1953 bis 1976 Augsburger Weihbischof war, ahnte wohl schon, was auf ihn und die Mitbürger zukam. Jedenfalls verpflichteten sich die Pfarrkinder Kissings, jeweils am 13. jedes Monats von Mai bis Oktober betend von St. Stephan bis zum Burgstall zu ziehen, wobei in der dortigen Kapelle die Litanei gebetet wird.

„Das Gelübde soll vorerst auf 100 Jahre gemacht sein, d. h. für die Zeit, in welcher noch jemand von den Jetztlebenden da sein wird“, wie Zimmermann in seinen „Seelsorgerlichen Mitteilungen“ vom Mai 1949 erläuternd schrieb.

Der Aufruf fiel auf fruchtbaren Boden, wie Heimatforscher Hanns Merkl erzählt. „Da waren zeitweise bis zu 2000 Menschen dabei.“ Was fast unglaublich erscheint, erläutert er damit, dass die Prozessionen ja auch offen waren für Menschen aus der Nachbarschaft, die mit einem ähnlichen Schicksal konfrontiert waren wie die Kissinger.

Hinzu kommt, dass im Oktober traditionell eine Lichterprozession stattfand. Und besondere Zugkraft entstand natürlich, wenn Zimmermann selbst mit dabei war und predigte, wie etwa im Jahr 1954. Er tat dies, so oft es ging. Und der Kissinger Pfarrherr war ein in der Bevölkerung äußerst beliebter Mann.

Auch Merkl schätzte ihn, sah und hörte er ihn doch häufig im heimischen Scherwirt beim Karteln. Da gab es dann die eine oder andere Geschichte zu erzählen, die der Bub und Ministrant gerne aufschnappte. In der Gelübdeprozession ist er oft mitgezogen. In jüngerer Zeit allerdings nicht mehr: „So um die 1990er-Jahre flaute die Bereitschaft ab. Das war die Zeit des Wohlstands und der Saturiertheit.“ Rund zehn Jahre lang verzichtete die Pfarrei darauf, ihr Gelöbnis zu erfüllen. Zimmermann hatte schließlich ein Hintertürchen offen gelassen: „Das Gelübde soll nicht unter schwerer, sondern nur unter läßlicher Sünde verpflichten.“ Zwar sollte wenigstens eine Person aus jeder Familie sich beteiligen – schlechtestenfalls kann der Rosenkranz zu einer eigenen Stunde im Burgstall gebetet werden oder sogar nur in den Familien.

Der Basisgedanke Zimmermanns bezog sich dabei auf die Erscheinungen der Muttergottes in Fatima 1917, die vom 13. Mai bis 13. Oktober erfolgten. Maria hatte einen furchtbaren zweiten Krieg vorausgesagt, das Rosenkranzgebet empfohlen und verkündet: „Wer mein unbeflecktes Herz verehrt, dem verspreche ich das Heil.“ Darum wurde – und wird wieder – ein Bild Mariens auf einer Fatima-Fahne der Prozession vorausgetragen. Denn seit dem Jahr 2000 hat die Pfarrei die Mahner erhört, das Gelübde wird wieder vollinhaltlich erfüllt. Nur zieht man jetzt nicht mehr wie einstens die Bachernstraße hinunter und die Hörmannsberger Straße hinauf, sondern von St. Stephan aus gleich die Treppe hinab und dann nach Süden. Der moderne Verkehrsfluss lässt den anderen Prozessionsweg sechsmal im Jahr als zu gefährlich erscheinen. Heuer ist die erste Prozession am Samstag, 16. Mai. Um 18.30 Uhr ist heilige Messe, anschließend geht der Zug zum Burgstall. Ähnlich am 13. Juni, 11. Juli, 13. August, 13. September und 11. Oktober als Lichterprozession.

Zimmermann stand übrigens im Mittelpunkt der Errettung Kissings vor einem Kampf zwischen Amerikanern und SS. Diese hatte an Kreuzungspunkten schon Maschinengewehre aufgestellt, die Panzer richteten ihre Kanonenrohre von der Münchner Straße (B2) aus auf Kissing. Im Anwesen Gießer (Hörmannsberger Straße 5) hatte der Hauptmann der SS-Truppe Quartier bezogen, während Frauen und Mädchen weinend und jammernd bei der Tür hereindrängten.

Erst als der Pfarrer zusagte, die Menschen mit aus der Stube zu nehmen – allerdings nur, wenn die SS ohne Schuss abzöge. „Der Hauptmann klappte seine Karte zu und gab Befehl zum Abzug. Der Ort war in letzter Sekunde gerettet“, schreibt Zimmermann. Seine Gemeinde ernannte ihn für dieses mutige Eintreten am 23. Dezember 1952 zum Ehrenbürger.

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