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Aichach-Friedberg

10.06.2017

Das Heim als letzte Heimat

Auch das Gärtnern am Hochbeet, eines von vielen Beschäftigungsangeboten in Einrichtungen, kann Spaß machen, wie hier in einem Seniorenzentrum in Mering.
Bild: Heike John

Wenn Senioren in eine stationäre Einrichtung ziehen, ist das ein großer Schritt. Oft plagt Angehörige ein schlechtes Gewissen.

Bis zur Einführung der Pflegeversicherung vor über 20 Jahren zogen noch viele Rüstige freiwillig ins Altenheim. Heutzutage kommen in die Einrichtungen größtenteils Demente und Schwerstpflegebedürftige, die gesundheitlich so stark beeinträchtigt sind, dass sie nach einem Krankenhausaufenthalt nicht mehr nach Hause zurückkehren können.

In ein Pflegeheim umzuziehen, ist in aller Regel die letzte schwere Entscheidung im Leben. Dies gilt es gut abzuwägen und vorzubereiten. Was bewegt einen dabei, gibt es einen richtigen Zeitpunkt und wie kann die Eingewöhnung gelingen? Iris Schlosser kümmert sich darum, dass ein Pflegebedürftiger so lange wie möglich in seiner vertrauten Umgebung bleiben kann. Als Pflegeberaterin in der Meringer Sozialstation versucht sie nach dem Grundsatz „ambulant vor stationär“, den Betroffenen mit Hilfsmitteln und Umbaumaßnahmen unter die Arme zu greifen. „Wenn der pflegende Angehörige dann selbst erkrankt oder sich der Allgemeinzustand eines Patienten sehr verschlechtert, dann ist oft ein Umzug ins Heim unumgänglich“, erklärt Schlosser.

Die Schwere der Entscheidung erlebt Ina Albes von der Fachstelle für pflegende Angehörige in ihren Sprechstunden. „Manchmal habe ich Menschen vor mir sitzen, die ihrem Ehepartner das Versprechen gegeben haben, ihn nie ins Heim zu geben“, sagt die Beraterin. Wenn jedoch Inkontinenz oder Aggressivität dazukommen oder jemand keine Minute mehr unbeaufsichtigt sein kann, geraten Pflegende bei allem guten Willen trotzdem an ihre Grenzen. Albes erklärt ihnen, dass die Entscheidung für ein Heim nicht ein „Abschieben“ sondern ein „Abgeben“ bedeutet. „Für viele ist das eine enorme Entlastung, denn sie haben sich durch die jahrelange Pflege selbst komplett aus den Augen verloren.“

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Schuld an der Angst vor der „Endstation Pflegeheim“ sei auch das schlechte Bild, das oft in den Medien gezeichnet wird. In ihrer langjährigen Erfahrung hat Albes aber sehr viel Positives erlebt. „Erst unlängst hatte ich eine alte Dame, die über 15 Jahre lang ihre Wohnung nicht mehr verlassen konnte und komplett isoliert war. Jetzt genießt sie im Seniorenheim St. Agnes Sing- und Vorleserunden und sagt: ,Was ist das schön hier’.“

Gerade die Möglichkeit, trotz Immobilität noch am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können, sei der große Vorteil in einer stationären Einrichtung. Ein großes Thema ist aber die Finanzierung eines Heimplatzes. „Muss ich jetzt mein Häuschen verkaufen, für das ich mich mein ganzes Leben lang krummgelegt habe? Oder muss mein Sohn jetzt alle Kosten übernehmen, wo doch seine Kinder noch in der Ausbildung sind?“, hört Albes oft. Hilfe zu diesem Thema gibt es von den Experten in der monatlichen Sprechstunde des Bezirks Schwaben (siehe Infokasten).

Was bleibt, ist die große Angst vor dem Unbekannten. Allgemein wird geraten, nicht zu lange mit einem Umzug ins Heim zu warten. Vor allem Menschen mit kognitiven Einschränkungen sollten noch in der Lage sein, sich in der neuen Umgebung zu orientieren, rät Maria Daum, Pflegerin im Kissinger Haus Gabriel. Aus ihrer Erfahrung heraus brauchen aber auch neue Bewohner ohne Demenz gut ein Vierteljahr, um sich an den fremdbetreuten Tagesablauf und die vielen Leute um sich herum zu gewöhnen. Dies bestätigt auch eine Hausbewohnerin, die zuvor 40 Jahre in München in einer eigenen Wohnung gelebt hat. Als sie nicht mehr alleine zurecht kam, zog sie in das Heim in der Nähe ihres Bruders. Erst fühlte sie sich deplatziert, doch inzwischen hat sie sich einer Gruppe von Bewohnern angeschlossen, die nachmittags gemeinsam zusammensitzen und sich unterhalten. „Eigentlich geht’s mir besser als alleine daheim, weil i ja naus kimma bin“, zieht sie nun, nach einigen Monaten, Bilanz.

Die Entscheidung für den Umzug in ein Pflegeheim ist besonders schwer für Ehepartner. Dies erfuhr auch eine Kissingerin, als sie ihren schwerst pflegebedürftigen Mann nicht mehr versorgen konnte. „Ich habe tagelang geheult und hatte das Gefühl, ich habe meinen Mann abgeschoben.“ Nun besucht sie ihn täglich und sagt: „Das Schwere der Pflege fällt für mich weg und wir können die Stunden zusammen genießen.“ Trotzdem ist die getroffene Entscheidung für sie nicht leicht. „Zu Hause bin ich alleine. Ich habe einen Mann und doch keinen“. Auch den täglichen Gang ins Seniorenheim empfindet sie als sehr anstrengend. „Das Umfeld entzieht einem enorm Energie.“

Wie sensibel das große Thema Heimunterbringung ist, wissen auch Einrichtungs- und Pflegedienstleiter aus den Erstgesprächen. Wichtig sei es, sich lange vor dem Einzug damit auseinanderzusetzen, rät Eva Finkenzeller. Die Leiterin des Seniorenzentrums St. Theresia em-pfiehlt, verschiedene Einrichtungen zu besichtigen und genau hinzusehen. Was ist mir wichtig? Die Größe des Hauses, die Nähe zum Wohnort, das Beschäftigungsangebot, ein Garten?

Fürs Heimischwerden hat sie ein paar Tipps. Es muss nicht die Schrankwand aus der früheren Wohnung sein. Es reichen der Lieblingssessel oder die Decke von Zuhause. Zudem helfen Erinnerungsstücke wie mitgebrachte Fotos auch dem Pflegepersonal, mit dem neuen Bewohner ins Gespräch zu kommen. Das Wort „Heim“ werde heutzutage geflissentlich vermieden, hat Seniorenberaterin Albes festgestellt. „Man spricht von Seniorendomizil, Alten- und Pflegezentrum oder sogar Residenz. Dabei steckt in dem Wort Heim doch das Zuhause, in dem man sich geborgen fühlen sollte, gerade weil diese Heimstatt die wohl letzte Station im Leben ist“.

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