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Friedberg

10.11.2019

David Göttler zu Gast in Friedberg: Bergsteigen ist für ihn weit mehr als ein Hobby

Extrembergsteiger David Göttler sprach über seine Erlebnisse auf den höchsten Gipfeln der Welt.
Foto:  Sabine Roth

Plus David Göttler war auf den fünf höchsten Gipfeln im Himalaya. Warum Umkehren für ihn keine Niederlage ist.

David Göttler (41) hat die fünf höchsten Gipfel im Himalaya bestiegen. Bei Sport Förg schilderte der Extrembergsteiger seine Erlebnisse der letzten Expeditionen anhand beeindruckender Bilder. Wie der Münchner damit umgeht, wie er sich vorbereitet und was der Moment des Umkehrens für ihn bedeutet.

Wie entdeckten Sie Ihre Leidenschaft für die Berge?

David Göttler: Ich bin in München aufgewachsen und habe nach dem Abitur sofort die Ausbildung zum staatlich geprüften Berg- und Skiführer gemacht. Für mich kam nie etwas anderes in Frage. Mit 23 Jahren war ich einer der Jüngsten in diesem Beruf. Acht Jahre lang habe ich dann in Garmisch gewohnt und für eine Bergschule gearbeitet. Inzwischen bin ich selbstständiger Bergführer. Zum Profi-Bergsteigen zog es mich aber immer mehr. Im Moment ist das mein Beruf und ich bin stolz, davon leben zu können. Es ist toll, dass ich diese Freiheit und den Luxus habe, mich auf mein Training für meine Expeditionen voll und ganz zu konzentrieren.

Wann waren Sie zu ersten Mal auf dem Berg?

Göttler: Da war ich sieben Jahre alt, als ich mit meinen Eltern viel ins Wettersteingebirge zu diversen Mehrseillängentouren gefahren bin. Wir haben immer schon Abenteuerreisen gemacht. Ich bin es deshalb gewohnt, im Zelt und im Camper zu schlafen. Hotelurlaub war für uns unvorstellbar.

Fünf Gipfel über 8000 Meter haben Sie bislang bestiegen und weitere 30 Expeditionen unternommen. Was war der schönste Moment?

Göttler: Das kann man nicht sagen, das sind so viele verschiedene Touren gewesen. Die Touren auf den Shishapangma, der als einziger 8000er komplett in Tibet liegt, sind sicherlich Momente gewesen, die unvergesslich waren. Denn dass ich es zusammen mit dem Extrembergsteiger Ueli Steck geschafft habe, diese Wand an einem Tag zu besteigen, das war gewaltig.

Als Sie zum zweiten Mal auf den Shishapangma gingen, war etwas anders. Was ist passiert?

Göttler: Ueli Steck, mein bester Bergsteigerfreund, ist genau an diesem Tag in der Nähe des Mount Everest bei einer Übungsbesteigung tödlich verunglückt. In dem Moment war ich mit einem anderen Bergsteiger gerade am Shishapangma. Ich habe mich gefühlt, als hätte man mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Aber: Wir Bergsteiger wissen, in welchem Spannungsfeld wir unterwegs sind und wir dürfen das nicht vergessen. Ich habe Angst vor dem Sterben und möchte nie das Risiko eingehen, dass mir so etwas passiert.

Berge sind unvorhersehbar. Warum machen Sie trotzdem solche lebensgefährlichen Expeditionen?

Göttler: Ganz im Gegenteil: Ich versuche, alle Expeditionen maximal sicher zu gehen. Weil ich leben möchte. Mein Leben ist lebenswert. Aber ich mache das ja nicht von heute auf morgen. Ich bin schon als Kind auf den Bergen geklettert und bin da hineingewachsen. Hier fühle ich mich sicher und habe inzwischen genug Erfahrungen. Doch die Erlebnisse am Berg erfüllen einen so sehr, dass sie es wert sind, dieses Restrisiko einzugehen.

Was fordert Sie dann immer wieder heraus bzw. was fasziniert Sie auf dem Berg?

Göttler: Ich bin sicher kein Extremsportler, der solche Bergtouren wegen des Adrenalins unternimmt. Für mich ist es die Herausforderung mit der Natur und mit mir selber. Dann bin ich sehr zufrieden. Teamsport hat mich nie interessiert. Trotzdem bin ich kein Einzelkämpfer. Ganz im Gegenteil. Ich bin lieber in einem kleinen Team unterwegs und möchte die Erlebnisse auf dem Berg teilen. Das Spielfeld Berg und Natur - diese Auseinandersetzung ist es, was mich immer wieder aufs Neue fasziniert

Wie bereiten Sie sich auf Ihre Expeditionen vor?

Göttler: Es ist ganz viel Training und die Auseinandersetzung mit dem nächsten Ziel, wo man versucht zu antizipieren, was dort alles passieren könnte. Dass man maximal gut vorbereitet ist und schon mal alles durchspielt - von der Ausrüstung bis zur körperlichen und der mentalen Stärke. Dass man sich bewusst wird, dass zum Beispiel am Mount Everest viele andere Menschen sind. Das kann zu einem Problem werden. Und je näher man an der Realität ist, desto besser kann man handeln.

Ihr Vortrag heißt „Umkehr zum Erfolg“. Gab es Momente, wo Sie schon umkehren mussten?

Göttler: Das Umkehren gehört dazu. Wenn wir uns aus der Komfortzone herausbewegen, dann müssen wir akzeptieren, dass wir auch mal umdrehen müssen. Und auch mal scheitern, wenn wir uns weiterentwickeln wollen. Das gehört zu meinem Leben dazu. Ich habe eine Erfolgsquote von 50 Prozent bei meinen Expeditionen. Die andere Hälfte komme ich nicht bis ganz oben auf den Gipfel. Doch das brauche ich, sonst lerne ich nichts. Das Scheitern gehört dazu. Fehler können tödlich enden. Deshalb darf man die Zehenspitzen nur ein kleines bisschen drüberhängen lassen. Und nicht mehr. Sonst ist das Risiko, dass etwas passiert, zu groß. Der Gipfel ist das Ziel, aber der Weg dorthin ist genauso wichtig, auch wenn man kurz zuvor umdreht.

Welche Menschen trifft man bei Expeditionen? Gab es besondere Begegnungen?

Göttler: Das Tolle ist, dass man einen tiefen Einblick in die lokale Kultur bekommt - sei es in Nepal, Indien, Pakistan oder Südamerika. Mit meinem Koch und meinem Küchenjungen bin ich in einem Basislager ein halbes Jahr auf engstem Raum. Man baut da eine enge Verbindung auf und lernt eine Kultur ganz anders kennen. Das ist etwas ganz Unbezahlbares.

Was war Ihre letzte große Expedition?

Göttler: Das war im Frühjahr, als ich auf den Mount Everest gegangen bin und 100 Meter vor dem Gipfel umdrehte. Eine Schlange von Menschen war vor mir. Das war mir zu voll. Ein kurioses Bild ging damals durch die Zeitungen. Das habe ich aber vorher schon geahnt. Deshalb fand ich das nicht so schlimm. Und es war trotzdem eine tolle Expedition. Ich war so hoch wie noch nie und habe mich so gut wie noch nie gefühlt.

Was war der kurioseste Moment, den Sie bisher erlebt haben?

Göttler: Das war am Makalu. Alle vor uns sind umgedreht. Nur wir sind weitergegangen. Der Bergführer hat zu den Bergsteigern vor uns gesagt, er hätte keine Fixseile mehr, um weiterzugehen. Das war aber nur eine Ausrede, weil der Führer sah, dass sie einfach zu langsam waren. Es war kurios, weil wir dann plötzlich die einzigen auf diesem Berggipfel waren.

Was ist Ihr nächstes großes Ziel?

Göttler: Nächstes Jahr wollen wir auf den 8000er Cho Oyu nach Tibet auf einer neuen Route gehen. Wir sind gerade dabei, ein Permit zu bekommen.

Was kann jeder Einzelne aus der Umkehr lernen?

Göttler: Dass man Scheitern als etwas akzeptiert, das stattfinden muss, um sich weiterzuentwickeln. Egal in welchem Bereich. In unserer Gesellschaft ist das noch mit viel Negativem besetzt. Trotzdem sollten wir eine Umkehr immer positiv sehen. Denn von Leuten, die scheitern, können wir viel mehr lernen.

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