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Kultur

25.03.2018

Der ungewöhnliche Weg des Palmeselchristus

Der Friedberger Palmeselchristus steht heute im Herzoglichen Georgianum in München. Offenbar wurde er nach dieser Vorlage eines unbekannten Zeichners restauriert. 
Bild:  Georg Wörrle

Die Figur des Bildhauers Johann Kaspar Eberl wurde einst auf Prozessionen mitgeführt. Ein Münchner Theologe rettete das verwahrloste Kunstwerk.

Man muss sich tief hinunter beugen, um am Bauch des Esels die Einkerbung zu entziffern: „1738 zu Fridtberg“. Auf dem Esel sitzt Christus. Fest montiert ist dieser Palmeselchristus aus Holz auf einer mit Rädern versehenen Bodenplatte. So konnte man ihn früher, wie es am Palmsonntag kirchliche Sitte war, bei Prozessionen auch über holpriges Pflaster mitführen. Nach Friedberger Tradition stand dieser Palmesel ehemals in der Veitskapelle bei St. Jakob, die aber zu Beginn des 19. Jahrhunderts abgebrochen wurde. Über den weiteren Weg dieses Meisterwerks des Friedberger Bildhauers Eberl kann man nur mutmaßen.

Fest steht, dass das Kunstwerk irgendwann nach Kloster Scheyern kam. Schließlich fand es seinen Platz im Herzoglichen Georgianum in München an der Ludwigstraße. Es handelt sich um das zweitälteste Priesterseminar der römisch-katholischen Kirche weltweit. In seinen Räumen ist eine Sammlung von sakralen Kunstwerken beheimatet, durch die der Pfleger des Archivs und der Sammlungen, Dr. Claudius Stein, den Heimatverein Friedberg führte.

Die Gründung dieses Priesterseminars geht auf eine Zeit zurück, als Friedberg zu Niederbayern gehörte. Es war Herzog Georg der Reiche von Bayern-Landshut, der in Sorge um sein Seelenheil viele Stiftungen ins Leben rief. So unterstützte er in Friedberg mit seiner Almosenstiftung von 1495, bekannt als „Die Reiche Spende“, Arme und Bedürftige. Kurz zuvor, im Dezember 1494, hatte er als Zustiftung zur Universität Ingolstadt das nach ihm benannte Herzogliche Georgianum gegründet. Priesteramtskandidaten konnten hier kostenlos studieren und wohnen. Im 19. Jahrhundert wurde das Priesterseminar, das zwischenzeitlich nach Landshut umgesiedelt war, nach München verlegt. Zu den bekanntesten Studenten zählten Papst Benedikt XVI. und Sebastian Kneipp.

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Noch bis ins 20. Jahrhundert sollten die künftigen Priester darauf vorbereitet werden, die Kunstwerke in ihren Kirchen in den Gottesdienst einzubeziehen. Der Ansatz: Die Bilder, die Figuren, die biblischen Szenendarstellungen sprechen eine eigene Sprache, die zur Vertiefung des Glaubens hilfreich sein kann. Vor allem der 1840 im Allgäu geborene Theologe Andreas Schmid, der von 1877 bis 1909 als Direktor dem Georgianum vorstand, vermittelte seinen Studenten breites Wissen in religiöser Kunst. Er wollte nicht Kunsthistoriker, sondern Seelsorger heranbilden. Durch seine Sammelleidenschaft trug er wesentlich zur Erweiterung der Bestände im Georgianum bei.

Schmid wusste, dass sich der Palmeselchristus in Scheyern befand. Aufgrund seiner Kontakte gelang es ihm, dass Abt Rupert von Scheyern sich 1887 brieflich bereit erklärte, den Palmesel, und, falls gewünscht, auch die „Puppe“ und den Kopf dem Georgianum zu schenken. Der Wink mit dem Zaunpfahl blieb aber nicht aus. Wenn Schmid eine Entschädigung geben wolle, dann, so schreibt der Abt, wird „unser Seminardirektor wohl Nichts dagegen haben, wenn Sie ihn mit einem Beitrag für die Ausschmückung der neuen Kapelle überraschen“. Schmid ließ sich nicht lange bitten und zahlte 20 Mark.

„Ganz entsetzlich“ sei die Christusfigur bei ihrer Ankunft in München anzusehen gewesen. Mit weitergehenden Worten hat Schmid den schlimmen Zustand beschrieben. Die Finger der rechten Hand waren abgestoßen, an den Füßen fehlten Zehen. Es fehlten ebenso die Steigbügel und das Bodenbrett, und der Esel hatte keinen Schweif mehr. Auf dem Rücken der Puppe war mit die Jahreszahl „1738“ eingemeißelt. Der Mantel war nicht mehr vorhanden, sodass die Puppe ganz nackt war – für Schmid „die reinste Blasphemie“. Er sorgte dafür, dass das Werk des Friedberger Bildhauers Johann Kaspar Eberl (1700 bis 1763) in neuem Glanz erstrahlte. Erfahrene Bildhauer verhüllten die Christusfigur mit einem violetten Mantel. Um ihn zu steifen, verwendeten sie geleimten Barchet. Für Schmid war es damit unmöglich „den Mantel zu heben und mit der Puppe selbst das Gelächter zu treiben“.

Eberl, auch Öberl oder Eberle, war ein bedeutender Barockbildhauer. Schon sein Vater Bartholomäus Eberl, 1660 in Bachern geboren, war Bildhauer. Er wohnte in Friedberg im Haus Unterm Berg 21 und hatte dort auch seine Werkstatt, die der Sohn später übernahm. Dieser heiratete 1728 die Friedbergerin Maria Theresia Gölz. Offenbar war Eberl jun. ein Mensch, der mit seiner Meinung nicht zurückhielt und es dafür mit der bürgerlichen Obrigkeit zu tun bekam. So bezeichnete er bei einem Vorfall 1733 die „Deputierten Herren“ als Narren. Dafür musste er einen Tag in den Riedl, also ins bürgerliche Gefängnis. Eine weitere Gefängnisstrafe für einen Tag bei Wasser und Brot wurde 1735 fällig, als er sich in der Ratsversammlung gegenüber den Ratsherren „höchststräflich aufgeführt“ hatte. Man drohte ihm im Wiederholungsfall mit Überführung ins Zuchthaus. Während der Vater auf dem Friedhof von St. Stephan beerdigt wurde, fand Johann Caspar Eberl seine letzte Ruhestätte auf dem Friedhof von St. Jakob. Dort also, wo einst in unmittelbarer Nähe sein Palmeselchristus in der Veitskapelle stand.

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