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Soziales in Friedberg

29.08.2017

Die Friedberger Tafel kämpft gegen den Mangel mitten im Überfluss

Bernhard Ziegler ist Leiter der Friedberger Tafel. Dort verteilt er Lebensmittel an Bedürftige – und bekommt Probleme in der Gesellschaft hautnah mit. 

Die Friedberger Tafel verteilt Lebensmittel an Bedürftige. Deren Zahl steigt durch die Asylbewerber. Doch der Leiter Bernhard Ziegler kennt auch andere schwere Schicksale.

 Es kann ganz schön eng werden in dem kleinen Kellerraum, den die Friedberger Tafel im Sozialzentrum belegt. Obst und Gemüse, Brot und Milchprodukte, Konserven und Tee bekommen hier Menschen, die an der Armutsgrenze leben. Die Zahl der Bedürftigen steigt – vor allem, aber nicht nur durch Asylbewerber. Rund 180 Menschen waren es 2009, inzwischen sind es über 220. Auch Alleinerziehende, Rentner und HartzIV-Empfänger zählen dazu. Tafel-Leiter Bernhard Ziegler sagt: „Natürlich müssten sie auch sonst nicht verhungern, aber die Lebensmittel einmal in der Woche sind ein Zubrot, für das die meisten sehr dankbar sind.“ Tatsächlich boomen Tafeln bundesweit; 900 gibt es inzwischen.

Sie sind eine der größten sozialen Bewegungen Deutschlands. Denn wenn auch Armut hierzulande nicht existenzielle Not bedeutet, werden etwa Milchprodukte und frisches Obst für viele zu Luxusgütern – von Leckereien wie einer Tafel Schokolade ganz zu schweigen. Und Armut bedeutet meist Scham und soziale Ausgrenzung. Auch zu Tafel kommen die meisten anfangs ungern – schließlich kennt man sich ja in einer Kleinstadt. Die 17 Ehrenamtlichen geben sich Mühe mit ihren Klienten, sind freundlich, geben Kochtipps, hören sich die Geschichten über Krankheit, Arbeitslosigkeit, Einsamkeit an.

Gegen die Verschwendung von Lebensmitteln

Die Friedberger Tafel kämpft gegen den Mangel mitten im Überfluss

Die Tafel will jedoch nicht nur einen sozialen Beitrag leisten, sondern auch einen gegen die Verschwendung von Lebensmitteln. Fast die Hälfte der produzierten Lebensmittel werde in Deutschland weggeworfen, heißt es auf der Internetseite des Bundes-Tafelverbandes. Daher fahren die Mitarbeiter in Friedberg jeden Dienstag zehn Discounter und vier Bäcker an. Bei den Bäckern bekommen sie Ware vom selben Tag, in den Supermärkten Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum bald abläuft. Außerdem dürfen sie sich aus den Containern mit Obst und Gemüse bedienen, das aussortiert ist – keine schöne Arbeit, wie Ziegler einräumt.

Damit die Lebensmittel, die sie an die Bedürftigen weitergeben, nicht ebenfalls in den Müll wandern, dürfen sich die Klienten in Friedberg die Waren selber aussuchen. Das ist ungewöhnlich für Tafeln; normalerweise gibt es vorgepackte Tüten, Doch das aufwendige System hat sich laut Ziegler bewährt. Gerade durch Asylbewerber hat er gelernt, dass es auch beim Essen kulturelle Unterschiede gibt. So sind viele das deutsche Brot nicht gewohnt, kennen manche hiesige Lebensmittel gar nicht. Dafür ist zum Beispiel Speiseöl sehr begehrt. Weil es von den Märkten kaum bereitgestellt wird, kauft die Tafel es von Spendengeldern.

Ein Bauer schenkt der Tafel Kartoffeln, eine Frau kocht Marmelade

Überhaupt, die Spenden. Ziegler kann sich nicht über mangelnde Hilfsbereitschaft beklagen. Schulen, Vereine, Parteien, Firmen: Alle zeigen sich spendabel. Manchmal drücken ihm Menschen einfach einen Geldschein in die Hand. Ein Landwirt verschenkt zentnerweise Kartoffeln, eine Frau kocht hunderte Gläser Marmelade. Und in der Erntezeit bringen Gartenbesitzer überzählige Zucchini oder auch Obst.

Die Bedürftigen müssen einen Euro für die Waren bezahlen – damit sie die Dinge auch wertschätzen. Wird jemand zu fordernd, schreitet Ziegler ein. Er achtet darauf, dass im Ausgabeteam immer ein Mann vertreten ist. Der Tafel-Leiter betont, dass die Klienten in der Regel sehr dankbar seien. Doch so mancher Asylbewerber habe am Anfang den Unterschied zwischen der Tafel und einer Art kostenlosem Supermarkt nicht so recht begriffen. Außerdem achten die Ehrenamtlichen darauf, dass sich einer nicht zu viel von einem begehrten Artikel schnappt.

In vier Gruppen können die Menschen jeden Mittwochvormittag zur Tafel kommen; wer berechtigt ist, überprüft die Caritas. Damit es geregelt zugeht und kein Neid aufkommt, ist jede Gruppe mal früher, mal später an der Reihe. An die einzelnen Personen werden Nummernkärtchen ausgeteilt.

2005 gegründet

Seit 2005 gibt es die Friedberger Tafel. Sie wurde damals eingerichtet, weil es zur Tafel nach Aichach zu weit war. Selbst jetzt sei es für Bedürftige aus den Stadtteilen nicht immer einfach, an die Hermann-Löns-Straße zu gelangen, weiß Ziegler. Eine weitere, eigenständige Tafel gibt es noch in Mering. Ziegler ist seit 2010 dabei – der vormalige Ingenieur war damals gerade in Altersteilzeit gegangen und wollte sich im sozialen Bereich engagieren. Rund 270 Stunden im Jahr wendet er mittlerweile dafür auf, viel davon ist Organisationsarbeit oder auch Termine für Spendenübergaben.

Anfangs, erzählt der 70-Jährige, habe er noch alle Kunden mit Namen gekannt – das ist vorbei. Manche kommen auch nur einmal; sei es, dass sie dann einen Job finden, sei es, dass sie zu krank werden, um die Tafel aufsuchen zu können. Wie schnell das Schicksal spielt, hat Ziegler oft miterlebt. „Einmal kam Frau, die sagte, vor einer Woche hätte sie sich den Kaffee noch locker selber kaufen können.“ Die Tafel, meint er, sei auf ihre Art durchaus ein Spiegel der Gesellschaft. Trotzdem ist die Scham da. „Wenn ich den Kunden auf der Straße begegne, schauen die meisten weg.“

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