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Kultur

26.03.2018

Die Sehnsucht nach einem besseren Leben

Die Theatergruppe der Beruflichen Oberschule führt "Unschuld" nach Dea Loher auf.
Bild: Vanessa Polednia

Das Theater der Beruflichen Oberschule steigt mit „Unschuld“ in die Tiefen menschlicher Abgründe hinab.

Am Strand einer europäischen Hafenstadt sehen zwei illegale afrikanische Einwanderer tatenlos einer Frau beim Ertrinken zu. Eine blinde Frau tanzt nackt für sehende Männer. Und eine Alleinstehende bittet Opfer von Gewaltverbrechen um Vergebung für Taten, die sie gar nicht begangen hat. Sind sie schuldig oder unschuldig? Oder beides? Dieser Zwiespalt und die Sehnsucht nach einem besseren Leben verbindet die Protagonisten im Stück „Unschuld“ nach Dea Loher. Es geht um Geschichten vom Rande der Gesellschaft. Getrieben von den Fragen um Schuld und Sühne.

Diese Geschichten wurden von Schülern der Beruflichen Oberschule und jungen Afghanen der Integrationsklasse der Berufsschule Friedberg aufgeführt. Die Thematik des Stücks ist harte Kost, für die sich die Theaterleiterinnen Iris Seemiller und Svenja Lipczinsky aber bewusst entschieden haben. Und diese Entscheidung war ausgezeichnet.

Denn trotz der deprimierenden Geschichten von Selbstmord, Einsamkeit und Unglücksmenschen strotzt das Stück nur so vor Wortwitz und grotesken Situationen: Wenn unter anderem Frau Habersatt mit hohen Hacken und elegantem Trauerkleid durch die Reihen des Publikums stakst (wunderbar verwirrt gespielt von Zahide Özsoy) und sich als Mutter eines Amokläufers ausgibt. Oder die zuckerkranke Frau Zucker (sehr erfrischend und zynisch von Chantal Tiendrebeogo verkörpert) sich darüber echauffiert, wie lahm das Sexleben der Tochter Rosa und deren Partner sei, nachdem sie sich in der Einzimmerwohnung des Paares eingenistet hat.

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Die Theatergruppe hat sich das Stück zu eigen gemacht. Manches wurde weggelassen und manches uminterpretiert. Dadurch blieb vielleicht auch manches für den Zuschauer unklar. Das hat der Aufführung aber nicht geschadet. Aus einer depressiven Philosophin wurden so viele Masken tragende Philosophen, die sich über die Unzuverlässigkeit der Welt beklagten und geisterhaft in den Reihen herumwanderten. Nicht nur auf der abstrakt gehaltenen Bühne und zwischen den Zuschauern wurde geschauspielert. Auch hinter dem Publikum zerschlug der verzweifelte Elisio (überzeugend von Niko Thomas gespielt) krachend Kartons zusammen. Und im Treppenaufgang wurden Konflikte ausgetragen. So wurde der Zuschauer, trotz später Stunde, in den Bann gezogen.

Erfrischend war außerdem die Musikauswahl des Ensembles. Zu Beginn dröhnte passend „Schuld“ von „Die Ärzte“ durch die Lautsprecher und später beeindruckte ein geschmackvoller Mix aus französischen Rap, Johnny Cash und orientalischer Folklore. Auch live Musik wurde mit Pouya Jafari an der Trommel und Melis Dogan und Seyma Aydogdu im Gesang geboten. Deren Gesang erklang stimmig zur romantisch-melancholischen Szene mit der blinden Stripperin Absolut (wunderbar unaufgeregt von Michelle Richter verkörpert) und dem verliebten Illegalen Fadoul (überzeugend von David Beier gespielt).

Die Hoffnung, die sie alle eint, bleibt jedoch unerfüllt. Aber ganz verlässt sie die Figuren nicht. Am Schluss sinnieren die gebeutelten Charaktere darüber, was und wer sie in einer anderen Welt gerne wären. Elisio, der nicht schwimmen kann und einer Frau beim Ertrinken tatenlos zugesehen hat, wäre gerne Rettungsschwimmer.

Und so galt der begeisterte Applaus einem wunderbar diversen Ensemble und einem starken modernen Stück, das nicht traurig stimmte, höchstens melancholisch.

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