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Integration

27.06.2015

Die ersten Tage in einer unbekannten Welt

Mülltrennung? Khadar macht das zum ersten Mal.
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Mülltrennung? Khadar macht das zum ersten Mal.

In Unterbergen sind seit knapp vier Wochen Asylbewerber aus Somalia untergebracht. Was die sechs jungen Männer alles erleben und wo es noch Probleme gibt

Kistenweise tragen sie Lebensmittel und Wasserflaschen heran. 30 Ehrenamtliche vom Helferkreis stehen vor einem ehemaligen Bauernhof in Unterbergen und warten. Auf wen? Das wissen sie nicht genau. „Auf die Asylbewerber“, heißt es. Ein Bus fährt vor und hält in der langen Einfahrt. Omar steigt aus. Er hat einen kleinen Rucksack umgeschnallt und eine Plastiktüte mit einer Breze und einer Saftpackung. Kurze Hose, T-Shirt und ein paar halb zerfallene Hausschuhe – so schlendert er langsam in Richtung der Wartenden.

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Immer wieder rückt er seine Kappe zurecht. Seine Augen schweifen nach links, dann nach rechts und wieder nach links. Er schüttelt zaghaft die ausgestreckten Hände und kämpft sich vor auf einen Stuhl. Der 24-Jährige ist einer von sechs somalischen Asylbewerbern, die vor wenigen Wochen hier angekommen sind. Für das kleine Dorf mit etwa 330 Einwohnern sind es die ersten Flüchtlinge überhaupt.

Nach und nach kommen auch die anderen Somalier am Hof an, sie waren vorher in Unterkünften zur Erstaufnahme in Donauwörth, Sonthofen und Augsburg untergebracht. Die meisten stammen aus der Hauptstadt Somalias, Mogadischu. Der Großteil hatte bereits einen Beruf, Omar war in seiner Heimat Koch. Renate Loehnert, Koordinatorin des Helferkreises, zeigt ihnen die Räumlichkeiten. „Das ist die Küche“, sagt sie, als sie die jungen Männer in das helle Zimmer mit Herdplatten und Spülbecken führt.“ Die sechs drehen sich zueinander, zucken mit den Schultern. „Guuut“, sagt Omar, während er grinst und den Daumen nach oben nimmt. Die jungen Männer sprechen kaum ein Wort Deutsch. „Hallo, Danke, Servus“, viel mehr sagen sie an ihrem ersten Tag nicht.

Die ersten Tage in einer unbekannten Welt

Renate Loehnert hebt die Arme, zeigt auf die Schlafräume. Sie spricht deutlich und langsam, wiederholt die Sätze mehrmals. Die Blicke der jungen Männer sind auf die Frau mit den grauen lockigen Haaren und der großen Brille gerichtet. Jetzt schaltet sich Abdul in den Monolog ein. Der somalische Asylbewerber ist seit mehreren Monaten in Friedberg untergebracht, das Landratsamt hat ihn heute extra hergebracht. Er spricht Englisch und übersetzt für Loehnert. Plötzlich reden auch die Flüchtlinge mehr. Wild durcheinander, mal unter sich, mal in ihre Richtung.

Jeweils zwei Asylbewerber teilen sich ein Zimmer, eigentlich hätten heute zehn junge Männer in Unterbergen ankommen sollen. Wo die restlichen vier sind, weiß niemand. Zwei Hosen, zwei T-Shirts und eine Kappe, Omar braucht nicht lange, um seinen Spind einzuräumen. Auf der hauseigenen Terrasse angelangt, kommt er mit den Helfern ins Gespräch. Abdul übersetzt, doch der Neuankömmling spricht nicht viel.

Eine Woche später sitzt Omar auf einem Stuhl an gleicher Stelle. Er lehnt barfuß in seinem Sitz und schaut sich um. Vögel zwitschern, 50 Meter entfernt steht ein Jesus-Kreuz, auf dem angrenzenden Grundstück grasen Kühe. Plötzlich geht der Blick auf sein Handy. Mittlerweile hat die Hälfte der Asylbewerber ein Mobilfunktelefon. Omar spricht auf Somali. „Er ist der Einzige mit Kontakt zur Familie“, sagt Renate Loehnert. Bezahlen müssen die Flüchtlinge die Kosten von ihrem „Taschengeld“.

Währenddessen hängt Khadar mit dem Kopf voran im großen Müllcontainer. Nach und nach holt er Milchtüten, Dosen, Plastik- und Glasflaschen heraus und bringt sie zu Holger Sonntag. „25 Cent, no money, Glas“, erklärt der Mann vom Helferkreis die Unterschiede. Für die Asylbewerber sei das eine ganz neue Erfahrung: „Die einfachsten Dinge haben sie nie gelernt. Mülltrennung ist für sie ein Fremdwort. Wir wollen ihnen gleich zeigen, wie es richtig geht.“ Jemis schnappt sich die Glasflaschen und steigt auf ein Fahrrad. Auf die Frage, wohin die Flaschen müssen, antwortet Holger nur „Bus“. Denn dort stehen die Altglascontainer. Viel kennen die Somalier noch nicht in Unterbergen, mit dem Bus sind sie aber schon gefahren. Seit wenigen Tagen haben sie nun auch Fahrräder: „Das ist enorm wichtig, denn hier gibt es keinen Supermarkt“, weiß Holger Sonntag. Zum Einkaufen würden sie meistens nach Prittriching oder Schmiechen fahren, mit dem Rad.

Abdul steigt zögerlich in den Sattel und hält sich den Fuß. Er zeigt auf seine Ferse und sagt „Doktor, Doktor“. Was ihm genau fehlt, weiß niemand, zudem ist kein Dolmetscher vor Ort. Das findet auch Renate Loehnert schade: „Wir wissen nicht, was los ist. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie bei pikanten Themen gar nicht erst verstehen wollen.“ Für Loehnert aber kein Problem: „Eigentlich funktioniert es ganz gut. Alle sind sehr höflich, und mittlerweile erledigt jeder seine Aufgaben.“ Putzen, Bett machen und Waschen gehören genauso dazu wie der tägliche Deutschunterricht. „Wir wollen sie zur Selbstständigkeit erziehen und die Integration vereinfachen. Das geht in erster Linie über die Sprache“, weiß Loehnert, die mittlerweile von den Flüchtlingen mit „Mama“ angeredet wird.

Abdul und Jemis sprechen mich an. Sie zeigen dabei auf meine Kamera, dann gehen sie an die weiße Wand und zeigen ein großes Rechteck mit ihren Händen auf. „Was meinen sie bloß?“, frage ich mich. Bis ich irgendwann kapiere – sie wollen ein Poster mit dem Foto, das ich gerade von ihnen gemacht habe.

Adams Augen sind nur halb geöffnet, er begrüßt mich mit leiser Stimme, als ich eine Woche später in die Unterkunft komme. „Wir möchten ihnen einen geregelten Tagesablauf beibringen. Dazu gehört auch früh aufzustehen“, sagt Günter Wurm, Mitorganisator des Helferkreises. Er hat drei der Flüchtlinge in der vergangenen Woche zu einem Fußballtraining beim TSV Schmiechen mit genommen. „Das war toll. Die haben gar keine Worte gebraucht. Sport verbindet einfach“, sagt Wurm.

Im Gemeinschaftsraum hängt eine Tafel an der Wand. Somalische Wörter stehen dort geschrieben. Jemis holt ein kleines Heft und einen Stift. Eifrig schreibt er Wörter hinein. Erst auf Somali, dann auf Englisch und zum Schluss auf Deutsch. Eins, zwei, drei usw., Jemis kann inzwischen bis 20 zählen. Auch bei den Wochentagen weiß er Bescheid. Er schreibt sie an die Tafel, mit ein bisschen Hilfe von Günter Wurm gelingt das.

Als ich ihm das versprochene Poster zeige, reißt er seine Augen auf. „Danke“, sagt er und umarmt mich. Er läuft los und holt die anderen. Sofort hängen sie das Bild in der Küche auf. Auf einer Landkarte zeigen sie mir nun, wo sie einst gelebt haben. Auf die Frage, was sie über Deutschland vorher gewusst hatten, sagen die meisten „Bayern München“. Viel über ihre Reise sprechen sie nicht. Wenn Jemis etwas auf Englisch erzählt, fällt öfter das Wort „fighting“. Seine Stimme wird dabei lauter.

Die jungen Männer verabschieden sich nun von mir, nicht ohne ein Abschiedsfoto, und jeder geht wieder seinem Tagwerk nach. Omar sitzt in seinem Stuhl auf der Terrasse und tippt in sein Handy. Wie es ihm eigentlich in Unterbergen gefalle, frage ich. „Sehr guuut“, antwortet er und fängt an zu lachen. Dann rückt er seine Kappe zurecht und tippt weiter.

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