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Aichach-Friedberg

17.01.2020

Düngeverordnung: Landwirte in Aichach-Friedberg fürchten Höfesterben

Geht es nach der geplanten neuen Düngeverordnung, dürfen die Bauern im Wittelsbacher Land künftig deutlich weniger Gülle ausbringen. Das hat Folgen für Menge und Qualität der Ernste, sagen die Landwirte.
Bild: Mathias Wild

Plus Konventionell arbeitende Bauern stehen der neuen Düngeverordnung kritisch gegenüber und fordern weitere Messstellen. Selbst Bio-Landwirte haben Bedenken.

2000 Teilnehmer bei einer Kundgebung der Landwirte gegen die neue Düngeverordnung in Augsburg – davon mehrere hundert aus dem Landkreis Aichach-Friedberg: Das Thema treibt die Bauern um. Die Landwirte stehen in einem Spannungsfeld zwischen Zukunftsängsten und Sorge um die Umwelt.

Friedberger Bauer: "Neue Regelung schädigt heimische Betriebe"

Der Friedberger Stephan Körner drückt es so aus: „Die Landwirtschaft will sich nicht aus der Verantwortung stehlen, aber die neue Regelung schädigt unsere heimischen Betriebe.“ Er hat die Sorge, dass ein weiteres „Bauernsterben“, mehr Großbetriebe und auch mehr Importe aus dem Ausland die Folge sein werden. Noch gibt es 1500 Landwirte im Wittelsbacher Land. Wir haben einige befragt, wie sie die Situation durch die neue Düngeverordnung (siehe Infokasten) einschätzen.

Stephan Körner bewirtschaftet in Friedberg zusammen mit zwei Kollegen in einer Betriebsgemeinschaft 120 Hektar; auch Tiere werden gehalten. Das Problem, dass sie nicht wissen, wohin mit der vielen Gülle, haben die drei Bauern nicht. Im Gegenteil. Laut Körner müssen sie andere Düngemittel zukaufen. Er ist froh, dass das Areal nicht zu den „Roten Flächen“ gehört, auf denen künftig striktere Vorgaben bei der Düngung gelten sollen.

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Zweierlei kritisiert er: Die Flächen seien „mit dem Würfel“ festgelegt worden. Zum Hintergrund: Im Landkreis hat das Wasserwirtschaftsamt sechs Messstellen dazu eingerichtet; allerdings fließen zum Beispiel auch Werte von Trinkwasserversorgern in die Festlegung ein. Außerdem sagt Körner: „Die Landwirte sind gut ausgebildet und wissen, was sie düngen müssen.“ Bei einer Reduzierung der Düngegaben um 20 Prozent wachse eben nur noch Futterweizen, kein Qualitätsweizen. „Und keiner berücksichtigt die häuslichen Abwässer der über 80 Millionen Einwohner in deutschland“, sagt er.

Landwirt aus Mering fordert europaweites Verfahren

Dem stimmt Martin Scherer aus Mering zu. Er bewirtschaftet den Langwiedhof in Mering. Wie auch Körner prangert Scherer vor allem die ungleichen Messmethoden innerhalb der Europäischen Union an. Er kritisiert, dass nicht europaweit ein einheitliches Verfahren angewandt wird. Scherers Flächen fallen in den sogenannten „Roten Bereich“ und er muss sich an die neuen Regelungen halten.

„Wird die so eingeführt, kann ich keinen Weizen anbauen, der die von den Bäckern geforderten Backqualitäten beinhaltet.“ Auch könne der Mais, den er für seine Biogasanlage benötigt, nicht ausreichend mit Nährstoffen versorgt werden. Es sei eine sehr komplexe Materie und für den Laien oft nicht nachvollziehbar. „Da wird dann schnell etwas gefordert, das wir überhaupt nicht umsetzen können“, so Scherer weiter.

Kreisobmann des Bauernverbands befürchtet "Spirale nach unten"

Auch Reinhard Herb aus Sielenbach, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands (BBV), war bei der Demo dabei. Er bezeichnet die neue Düngeverordnung als „völlig ungeeignete Maßnahme“. Das Ziel, dass das Wasser gut ist und bleibt, werde damit nicht erreicht. Er betont: „Dieses Ziel ist auch unser Ziel.“

Doch die Daten, auf deren Grundlage die Vorschriften verschärft werden sollen, seien unzureichend. Zum Hintergrund: Im Landkreis hat das Wasserwirtschaftsamt sechs Messstellen eingerichtet; allerdings fließen etwa auch Werte von Trinkwasserversorgern ein. Fast der ganze Landkreis gilt als „rote Fläche“, auf der künftig striktere Vorgaben gelten sollen.

Das träfe auch Herb persönlich. Allein im Gemeindegebiet Sielenbach bewirtschaftet er rund 90 Hektar, sie gälten künftig komplett als „rote Flächen“. Träten die neuen Vorgaben in Kraft, müsste er künftig 20 Prozent unter Bedarf düngen. Herb befürchtet eine „Spirale nach unten“: Weniger Düngung führe zu weniger Ertrag, weshalb er künftig noch weniger düngen dürfe. Herb hält die Zahl der Messstellen für viel zu gering, die Standorte zudem für falsch gewählt. Der Kreisobmann unterstellt sogar Absicht: Die Standorte seien gezielt ausgesucht worden, um hohe Nitratwerte zu erhalten. Als Beispiele nennt er die Messstellen nahe der Laimeringer Bauschuttgrube und in Dasing nahe der Mülldeponie. Herb fordert „Ehrlichkeit und Transparenz“ bei der Wahl der Messstandorte, den Messungen und den politischen Konsequenzen.

Biobauern in Aichach-Friedberg sehen Düngeverordnung mit Skepsis

Selbst Biobauern sehen die neue Düngeverordnung kritisch, so Siegfried Colsman aus Hergertswiesen. Sein Friedelhof, den er von den Eltern übernommen hat, war 1956 ein Pionier der ökologischen Landwirtschaft und gehört jetzt zum Bioland-Verband. Er umfasst 56 Hektar landwirtschaftliche Flächen, neun Hektar Wald und 40 Milchkühe. Zwar sagt Colsman, in der konventionellen Landwirtschaft herrsche ein „Luxuskonsum an Phosphor und Stickstoff“, weil Sorten auf maximalen Ertrag gezüchtet seien. Er selber müsse schauen, dass er überhaupt überall Gülle und Mist auf alle Flächen ausbringen kann. Doch auch Biobauern sollen ihm zufolge zu einer bodenschädigenden Technik der Gülleausbringung gezwungen werden. Die nötigen Maschinen seien extrem teuer. „Die Betriebe können sie sich nicht leisten.“

Seiner Meinung nach wird sich an der Grundwasserqualität nichts ändern, so lange der Tierbesatz nicht reduziert wird. Problem: „Es wurde und wird Größe gefördert.“ Colsman sieht das Thema gesamtgesellschaftlich. Das Preis-Dumping bei Nahrungsmitteln mache den Bauern zu schaffen, inzwischen auch den Biobauern. Über 20 Prozent der Bio-Milchviehhalter wollen ihm zufolge aufhören.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar von Eva Weizenegger: Umweltschutz geht nicht nur die Bauern an

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