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Aichach-Friedberg

08.07.2020

Eichenprozessionsspinner: Giftige Raupen verbreiten sich im Landkreis

Mit ihren feinen Brennhaaren können Eichenprozessionsspinner Menschen unangenehme und sogar gefährliche Verletzungen zufügen.
Bild: Patrick Pleul, dpa (Symbolbild)

Plus Eichenprozessionsspinner vermehren sich im Landkreis Aichach-Friedberg. Schuld daran ist der Mensch. Gift oder Insektizid: Was tun Gemeinden gegen die Tiere?

Die Gefahr lauert überall: Vom Dasinger Freibad, auf dem Meringer Friedhof, über einer Parkbank in Friedberg wurden die Raupen von Eichenprozessionsspinnern entdeckt. Sie sind im Landkreis Aichach-Friedberg auf dem Vormarsch. Experten befürchten, dass der Befall durch die Tiere dieses Jahr nochmals stärker wird. Die Härchen der Raupen lösen bei Menschen, aber auch bei Hunden, teils heftige Symptome aus.

Manuela Riepold, Kreisfachberaterin für Gartenkultur und Landespflege, relativiert die Bedrohung allerdings: „Es handelt sich um ein heimisches Tier, das durchaus seine Daseinsberechtigung hat“, sagt sie. Dennoch schade es den Bäumen und die Haare der Raupe können für Menschen eine Gefahr darstellen. „Die Brennhaare lösen die Beschwerden beim Menschen aus“, erklärt Ralf Gang, Abteilungsleiter des Bereiches Forsten im Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten.

Eichenprozessionsspinner: Giftige Raupen verbreiten sich im Landkreis

Er sagt, dass die allergischen Reaktionen auf die Haare der Raupe unterschiedlich ausfallen: „Die Symptome variieren von Juckreiz über Quaddelbildung bis hin zu Atemnot bei Allergikern.“ Die Haare seien winzig klein, mit Widerhaken versehen und giftig. „Die Larven gibt es in den Monaten Juni und Juli“, berichtet er. „Die Haare bleiben aber lange Zeit am Baum erhalten.“ Zu finden sind die Tiere meist an lichten Stellen, etwa in Parks und an Waldrändern.

Stefan Höpfel vom Landesbund für Vogelschutz warnt vor übertriebenen Reaktionen auf die Raupe. „Wenn man sich normal draußen bewegt, passiert eigentlich nicht viel“, meint er. Er habe sogar von Forderungen gehört, alte Bäume wegen des Befalls zu fällen. Dieses Verhalten sei „hysterisch“ und ein unverhältnismäßiger Eingriff in natürliche Vorgänge.

Die giftigen Raupen sind auf dem Vormarsch: Schuld ist der Mensch

Für Eingriffe gilt daher Augenmaß. „Zu Maßnahmen gegen den Eichenprozessionsspinner kommt es in der Regel erst dann, wenn die Gesundheit des Menschen gefährdet ist“, berichtet Manuela Riepold. Zuständig sind die Kommunen.

Zur Bekämpfung gebe es verschiedene Möglichkeiten, etwa mechanische Verfahren wie Absaugen, so Gang. Für den flächendeckenden Einsatz von Insektiziden seien hingegen Auflagen zu erfüllen und Anträge zu stellen. „Mit Spritzmitteln sollte man eigentlich nicht vorgehen“, betont Höpfel. Das schade der Natur. Denn so würden auch Tiere, die zu den natürlichen Feinden des Eichenprozessionsspinners gehören, getötet.

Er hofft, dass sich das Problem an möglichst vielen Stellen durch Absperrungen und Warnschilder lösen lässt. „Wir sind einerseits Opfer des Klimawandels, weil das wärmere Klima zu mehr Eichenprozessionsspinnern führt. Andererseits sind wir durch unser Vorgehen Opfer unserer selbst“, überlegt Höpfel. Denn die Klimaveränderungen habe der Mensch selber verursacht.

Das Aufkommen der behaarten Raupen ist nach Einschätzungen Gangs in den vergangenen Jahren gestiegen. „Es wird heuer mindestens so hoch sein wie 2019“, vermutet er. Allerdings gebe es keine systematischen Erhebungen, sondern gezählt werde das, was gefunden wird. Auch eine Meldepflicht besteht laut Landratsamt nicht.

In Aichach-Friedberg gibt es viele Eichenprozessionsspinner

In unserer Region ist das Vorkommen aber vergleichsweise hoch, wie Erfahrungen der vergangenen Jahre und Statistiken der Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft bestätigen. Experten setzen teilweise auch auf natürliche Feinde der Tiere, etwa Fledermäuse und Meisen.

Der Eichenprozessionsspinner hatte sich im vergangenen Jahr im ganzen Aichacher Stadtgebiet ausgebreitet. Die Raupen hatten rund 360 Bäume befallen. Heuer kündigte die Stadt im April an, gegen die Ausbreitung vorzugehen. Sie rief auch Gartengrundbesitzer auf, ihre Eichen zu überprüfen. Die Stadt bespritzte um die 600 Eichen mit einem biologischen Präparat. Das sollte bereits im Frühjahr, wenn die Larven noch keine flugfähigen Gifthaare entwickelt haben, die Ausbreitung eindämmen. Das Vorgehen scheint Wirkung zu zeigen: Derzeit weiß der Bauhof laut Bürgermeister Klaus Habermann von ein bis zwei befallenen Bäumen. Sie seien aber im Außenbereich der Stadt, weswegen kein akuter Handlungsbedarf bestehe. „Sollten jetzt akute Fälle beispielsweise in Schulen, Kindergärten oder öffentlichen Anlagen erkennbar werden, müsste abgesaugt werden.“ Spritzen sei erst wieder im Frühjahr möglich.

Auch in Pöttmes hatte eine Firma im Frühjahr 2019 unter anderem an Spielplätzen, Kindergärten, Schule und öffentlichen Parkanlagen etwa 220 Eichen mit einem ökologischen Biozid behandelt. Diese Bäume blieben frei von Spinnerraupen. Im November wurden erneut befallene Bäume an wichtigen Standorten abgesaugt. Ebenfalls im vergangenen Jahr beschloss der Gemeinderat, ein Sprühgerät anzuschaffen. Bauhofmitarbeiter besprühten heuer im April und Mai vorbeugend circa 500 Bäume mit einem Biozid. Die Mitarbeiter hatten einen Spritzschein gemacht, um die Arbeiten ausführen zu dürfen. Es seien nur an wenigen Bäumen vereinzelt kleine Nester gesichtet worden, so Geschäftsstellenleiter Stefan Hummel. Eine Fachfirma befreite im Juni die noch befallenen Bäume davon. Hummel zufolge liegt der Erfolg der vorbeugenden Maßnahme bei etwa 90 Prozent.

Im Friedberg gibt es momentan neun gemeldete Fälle, sechs davon an öffentlich zugänglichen Plätzen. So wurde in Ottmaring ein Gespinst an einem Eichenbaum über einer Parkbank festgestellt. Frank Büschel, Pressesprecher der Stadt Friedberg, sagt: „Der Eichenprozessionsspinner ist im Stadtgebiet und darüber hinaus zweifelsfrei angekommen.“ Maßnahmen dagegen seien schon beschlossen. Der Baubetriebshof bringe Absperrungen und Hinweisschilder an. Darüber hinaus saugen Fachbetriebe befallene Bäume ab oder kratzen die Raupen ab. Der Bevölkerung rät Büschel, umsichtig zu bleiben und die Warnhinweise zu beachten.

Auch in Mering sorgte der Eichenprozessionsspinner im vergangenen Jahr für Schwierigkeiten. Wie Bürgermeister Florian Mayer berichtet, wurde auch 2020 schon ein Befall festgestellt. „Am neuen Friedhof hat man einige Nester gefunden, die allerdings nur in etwa die Größe eines Fingernagels besitzen und aufgrund der Tarnfarbe auf entsprechend hohen Bäumen schwer zu erkennen sind“, berichtet Mayer.

Gift oder Insektizid: Was tun Gemeinden gegen die Tiere?

Der Eichenprozessionsspinner ist ein Schmetterling, der einzeln stehende oder kleine Gruppen von Eichen, die gut besonnt sind, besiedelt. Im Mai geht die Raupenwanderungen los. Die Raupen verursachen massive Fraßschäden, bevor sie sich Ende Juni verpuppen. Zudem enthalten die sogenannten Brennhaare der Raupen eine Substanz, die giftig ist und bei Berührung eine allergische Reaktion inklusive Hautentzündung hervorrufen.
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Bild: Marcus Merk

Wie mit dem haarigen Problem umzugehen ist, das hat im Meringer Gemeinderat für lebhafte Debatten gesorgt. Wie berichtet, beschloss dieser, vorsorglich alle rund 100 Eichen, die sich auf kommunalem Grund befinden, mit dem Biozid „Neemprotect“ zu behandeln. Die Meringer Grünen wiesen darauf hin, dass eine flächendeckende präventive Behandlung mit dem Insektizid nicht zulässig ist. Sie machten sich für artenfreundlichere Alternativen stark.

Wie Merings neuer Bürgermeister Mayer auf Anfrage erläutert, habe man daraufhin eine neue Strategie entwickelt. Demnach sind nur etwa 50 Bäume gespritzt worden, die sich an sensiblen bzw. stark frequentierten Stellen befinden, wie Friedhof, Spielplätze, Freibad und vor allem im Bereich der Kindergärten.

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