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Eurasburg

25.06.2019

Ein Arbeitsplatz in der Baumkrone

Die uralte Linde am Kirchberg erinnert an den Dichter Johann Christoph Friedrich von Schmidt und prägt bis heute das Eurasburger Ortsbild.
Bild: Peter Stöbich

Christian Rimpl-Modlinger kümmert sich um die Linde am Eurasburger Kirchplatz. Er ist mit seiner Firma in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs.

Im grünen Gewirr der Zweige ist kaum etwas von Christian Rimpl-Modlinger zu sehen, als er geschickt den mächtigen Lindenstamm am Eurasburger Kirchberg emporklettert. Der 42-Jährige trägt einen Schutzhelm mit Visier und schneidet mit der Handsäge tote Äste aus der Krone, die sich fast 30 Meter hoch in den blauen Sommerhimmel reckt. Aus Gründen der Verkehrssicherungspflicht, wie es im Behördendeutsch heißt, hat die Gemeinde Eurasburg den Baumpfleger beauftragt, Schnee- und Sturmbrüche zu beseitigen, die Krone etwas zu kürzen und die Höhlung am mächtigen Stamm mit einem Gitter zu schützen. „Denn es wäre fatal, wenn jemand dort eine glimmende Zigarettenkippe hineinwerfen würde!“

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"Baum braucht Menschen nicht, aber Menschen den Baum"

Aufgewachsen in Harthausen, hat er sich schon in jungen Jahren für die Natur interessiert und Forstwirt sowie Kaufmann gelernt. Mit seiner Firma „Plan B“ hat er sich vor knapp 20 Jahren selbstständig gemacht und übt seinen Beruf, bei dem er das ganze Jahr über im Freien arbeitet, mit Liebe und Leidenschaft aus: „Ich kann mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen!“

Von der Rastbank beim Friedhof aus kann man fast zu seiner Wohnung nach Eismannsberg sehen. Rechts von der Bank steht die markante Linde, die seit vielen Generationen das Ortsbild prägt. „Der Baum braucht uns Menschen nicht“, sagt der Experte, „aber wir brauchen ihn für unsere Lebensqualität als Schattenspender und Sauerstoff-Lieferant.“

Ein Arbeitsplatz in der Baumkrone

Linde war einst ein heiliger Baum

Bei den Germanen und den Slawen galt die Linde als heiliger Baum. Viele Orte in Mitteleuropa hatten ihre Dorflinde, die das Zentrum bildete und Treffpunkt für den Nachrichtenaustausch und die Brautschau war. Unter dem Baum wurde das Dorfgericht abgehalten, Anfang Mai wurden Tanzfeste gefeiert. Die Eurasburger Linde erinnert an den hier als Lehrer und Priester tätigen Dichter Johann Christoph Friedrich von Schmid.

Seiner Feder entstammen mehrere Kirchenlieder, unter anderem das in aller Welt bekannte Weihnachtslied „Ihr Kinderlein kommet“. Dem edlen Freund der Jugend, dem Lehrer hoher Tugend, wie es auf einer verwitterten Inschrift heißt, ist hinter dem alten Baum ein kleines Denkmal mit der Jahreszahl 5. Mai 1834 gewidmet. Schmid wurde am 15. August 1768 in Dinkelsbühl als ältestes von neun Kindern geboren. Nach dem Abitur war er als Hauslehrer tätig, wo er sein pädagogisches und erzählerisches Talent entwickelte. Ab 1785 studierte er Philosophie und Theologie an der bischöflichen Universität Dillingen und wurde 1791 zum katholischen Priester geweiht. Er arbeitete in verschiedenen Gemeinden als Seelsorger und wurde 1827 zum Domherrn in Augsburg ernannt, wo er am 3. September 1854 im Alter von 86 Jahren starb.

Linde in Eurasburg rund 250 Jahre alt

Das Alter des Riesen schätzt der Baumpfleger auf zweieinhalb Jahrhunderte – „dafür ist er in einem sehr guten Zustand“, stellt der Fachmann fest. „Die uralte Linde könnte sicher viele interessante Geschichten erzählen“, sagt Christian Rimpl-Modlinger. „Ich kenne sie schon seit meiner Jugend; sie hat Blitzschlag, Hagel und vielen Stürmen standgehalten und kann sicher noch das 22. Jahrhundert erleben.“

Mit seiner Firma ist der 42-jährige nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich und der Schweiz unterwegs. „Baumpfleger ist kein offizieller Ausbildungsberuf“, sagt er, „obwohl diese Branche seit Jahren an Bedeutung gewinnt und sich als eigene Berufsdisziplin nahezu etabliert hat. Wir haben einen luftigen, nicht ganz ungefährlichen Arbeitsplatz, der viel Umsicht und Erfahrung benötigt.“

Seilunterstützte Baumklettertechnik kommt wie in Eurasburg überall dort zum Einsatz, wo Leitern oder Arbeitsbühnen nicht verwendet werden können. Um Unfälle zu vermeiden, darf Seilklettertechnik in der Baumpflege und Forstwirtschaft nur von entsprechend ausgebildeten Profis eingesetzt werden.

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