Newsticker

Seehofer rechnet mit Corona-Warn-App Mitte Juni
  1. Startseite
  2. Lokales (Friedberg)
  3. Ein Ex-Polizist fahndet in Aichach-Friedberg nach dem Coronavirus

Aichach-Friedberg

25.05.2020

Ein Ex-Polizist fahndet in Aichach-Friedberg nach dem Coronavirus

Fällt der Corona-Test positiv aus, spüren Manfred Losinger und seine Kollegen die Infektionskette auf.
Bild: Benedikt Siegert (Symbolfoto)

Plus Manfred Losinger verfolgt gemeinsam mit ehemaligen Polizei-Kollegen Infektionsketten der Pandemie im Wittelsbacher Land. Das erlebt er bei seiner Arbeit.

Manfred Losingers Fragen könnten ebenso gut aus einer polizeilichen Ermittlung stammen: „Wo waren Sie?“, will er wissen. „Mit wem?“ und „Wie lange ist das her?“ In diesem Fall ist Losingers Gegenüber jedoch nicht kriminell. Es ist in der Regel auch nicht verängstigt, wenn der ehemalige Kommissar seine Fragen stellt. Denn er macht es nicht mehr in seiner Funktion als Polizist, wie er es fast 40 Jahre lang tat. Seine aktuelle Jobbezeichnung heißt Corona-Tracker, also etwa Corona-Fahnder und ist ein Ehrenamt.

Seit Covid-19 die Bevölkerung auch im Wittelsbacher Land heimsucht, rekonstruiert Losinger den Weg des Virus. Dabei agiert er wie in alten Zeiten: „Wir telefonieren mit Leuten, befragen das Umfeld, müssen Informationen auf Facebook oder im Einwohnermeldeamt recherchieren“, zählt Losinger auf. Zur Verfügung stehen ihm dabei ein Laptop und ein Telefon des Gesundheitsamtes. „Sogar den Papierkram erledigen wir.“

Corona-Tracker arbeiten ohne Honorar und auch an Feiertagen

Wir, das sind Losinger, Josef Hutzmeir, Wolfgang Hamann und Helmut Beck, fünf weitere ehemalige Polizisten, dazu noch Losingers früherer Vorgesetzter Rudolf Rothhammer. „Ich bin ihnen sehr dankbar“, sagt Losinger. Es sei keine Selbstverständlichkeit, im Ruhestand eine solche Aufgabe zu übernehmen. „Wir arbeiten ja auch ohne Honorar. Und an Feiertagen.“

Manfred Losinger ist der Corona-Fahnder im Wittelsbacher Land.
Bild: Hunger&Simmeth Werbefotografie

Die Recherchearbeit nimmt eben viel Zeit in Anspruch. Hört man Losinger beim Erzählen zu, wird klar, dass sich der stellvertretende Landrat und Friedberger Stadtrat diese Zeit gerne nimmt. Insbesondere wenn er von Fällen erzählt, die er und seine Mitstreiter nach intensiver Nachforschung erfolgreich beendet haben.

Corona-Infektion in der Bäckereifiliale in Altomünster

Besonders im Gedächtnis geblieben sei eine Begebenheit in Altomünster: An einem Samstagmorgen gab es in einer Bäckerei sechs Corona-Infizierte. Losinger hatte den Auftrag sicherzustellen, dass die Kunden das Virus nicht weiterverbreiten. Also ermittelte er die Adresse einer Mitarbeiterin der Bäckerei. Sie wurde positiv getestet.

Am Vormittag waren ihre Kinder auf dem Weg zum Vater, von dem die Frau getrennt lebt. Losinger konnte sie unterwegs aufhalten und so die Kette unterbrechen. Am Montag hätte eines der Kinder in die Abschlussklasse seiner Schule gehen müssen, die Folgen wären enorm gewesen. Die Dankbarkeit der Beteiligten war Losinger und seinem Team sicher.

Ein anderes Mal war eine ältere Frau verschwunden, die Kontakt zu einem Infizierten gehabt hatte. Wie damals bei seinen polizeilichen Suchaktionen nach Vermissten griff Losinger zum Hörer und telefonierte erst einmal alle Krankenhäuser ab. Er wurde fündig. Die Frau wurde ebenfalls positiv getestet und konnte anschließend behandelt werden.

Corona-Fahndung führt Losinger nach Baden-Württemberg

Einige Zeit später, es ging wieder um eine ältere Frau, führte die „Fahndung“ Losinger sogar bis nach Baden-Württemberg. Nachdem ihr Ehemann drei Wochen zuvor gestorben war, kam die Seniorin an einem Montag in ein Krankenhaus und wurde positiv auf Covid-19 getestet. Tags darauf bekam Losingers Team Wind von dem Fall.

Auf Nachfrage gab die Patientin an, dass ihr Pfleger gehustet habe, jedoch kannte sie nur seinen Vornamen. Dennoch fand Losinger nach gründlicher Recherche heraus, dass sich der Pfleger mittlerweile bei einem anderen Patienten in Baden-Württemberg befand. Losinger machte daraufhin das dortige Gesundheitsamt auf den Fall aufmerksam und konnte so die Infektionskette unterbrechen.

Corona hat die Behörden auch in Aichach-Friedberg eiskalt erwischt

„Für ebensolche Aktionen sind wir den früheren Polizisten sehr dankbar“, sagt Dr. Friedrich Pürner. Der Leiter des Gesundheitsamtes Aichach-Friedberg findet, dass die neuen „Kollegen“ die Situation „bravourös gemeistert haben“. Wie es dazu kam? „Eigentlich wie die Jungfrau zum Kind“, sagt Pürner lachend. „Corona hat uns eiskalt erwischt, zudem wurde bei uns in den vergangenen Jahren Personal abgebaut.“

Dr. Friedrich Pürner leitet das Gesundheitsamt Aichach-Friedberg und ist dankbar für die Unterstützung.
Bild: Carmen Jung

Dieses ersetzt nun Losinger mitsamt Kollegen. Der Ex-Polizist fügt hinzu, dass er eine Rede von Markus Söder gehört habe, in der der Ministerpräsident sagte, dass er Polizeibeamte in die Gesundheitsämter schicken wolle. Mit diesem Vorschlag kam Losinger zum Landratsamt und rannte dort nach eigener Aussage „offene Tore ein“.

Erfahrene Kollegen und Beamtenanwärter arbeiten zusammen

Seit 1. April ist er nun für das Landratsamt tätig. Dem Pensionär ist anzumerken, wie gerne er das tut. Dabei hat er nicht nur die Unterstützung seiner alten neuen Kollegen, sondern auch von zahlreichen Auszubildenden. So führen zum Beispiel Medizinstudenten Quarantänegespräche. Zusätzlich hat das Gesundheitsamt 42 Beamtenanwärter zusammengestellt und in Gruppen eingeteilt. Jeder ehemalige Polizist führt eine dieser Gruppen und gibt seine Expertise an die jungen Kollegen weiter.

Was die Zukunft der „Corona-Cops“ bringt, wird sich zeigen. „Derzeit ist weniger los“, sagt Losinger. „Wir stehen aber immer zur Verfügung.“ Auch Dr. Pürner vom Gesundheitsamt freut sich über eine weitere Zusammenarbeit. „Die Kollegen machen einen derart guten Job, da wären wir wahnsinnig, diese Expertise abzulehnen.“

Verfolgung von Kontaktpersonen: Das tägliche Brot des Gesundheitsamtes

Im Grunde sei die Arbeit der Ex-Polizisten ohnehin das täglich Brot eines Gesundheitsamtes, sagt Pürner. „Auch wir verfolgen Kontaktpersonen, jedoch in einem anderen Ausmaß.“ Bei der Ausbreitung von Masern oder Meningokokken, die eine Hirnhautentzündung hervorrufen können, gab es zuletzt eine ähnliche Vorgehensweise des Gesundheitsamtes. Die Frage „Wo waren Sie gestern Abend?“ dürfte auch bei dieser Recherche gefallen sein.

Lesen Sie dazu auch:

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren