1. Startseite
  2. Lokales (Friedberg)
  3. Eine Gefahr, die man nicht spürt

AneurysmaSerie (11)

06.04.2018

Eine Gefahr, die man nicht spürt

Übergewicht gehört zu den Faktoren, die die Bildung eines Aneurysmas begünstigen. Betroffen sind vor allem Männer.
Bild: Armin Weigel, dpa

Rauchen, Sitzen und Übergewicht erhöhen das Risiko, dass eine Aorta zu platzen droht. Weil dann jede Hilfe meist zu spät kommt, raten die Mediziner der Kliniken an der Paar zur Vorsorge /

Den Begriff „tickende Zeitbombe“ mag Oberarzt Jürgen Neu nicht so gern. Aber wird im Aichacher Krankenhaus bei einem Patienten ein Aneurysma mit einem Durchmesser von sieben Zentimetern oder mehr im Bauch entdeckt, „dann lassen wir den nicht mehr nach Hause“, so Neu, der Gefäßchirurg und Notfallmediziner an den Kliniken an der Paar ist. Zu groß ist das Risiko, dass das Aneurysma platzt, und das würde ein Großteil der Betroffenen nicht überleben.

Was ist ein Aneurysma? Es handelt sich um eine krankhafte Veränderung einer Schlagader. So etwas kann auch an anderen Körperstellen auftreten, aber hier soll es um die Bauchschlagader gehen, weshalb von einem Bauchaorten-Aneurysma gesprochen wird. Vor allem zwei Faktoren wirken zusammen, damit es entsteht: Die Gefäßwand verkalkt mit zunehmendem Alter und wird weniger elastisch. Deshalb trifft ein Aneurysma vor allem ältere Menschen. Leidet man dazu unter hohem Blutdruck, dann kann sich das Gefäß ausdehnen. Die Gefäßwand wird dadurch dünner, sie sackt aus und droht einzureißen. Platzt die Aorta an dieser Stelle, dann bleibt nur noch sehr wenig Zeit, bis man innerlich verblutet. 80 Prozent der Patienten sterben laut Neu auf dem Weg in die Klinik, und von den übrigen hilft der Hälfte die Operation nicht mehr. Es ist also wichtig, das Aneurysma zu beseitigen.

Fünf Prozent der Männer ab 65 Jahren weisen ein Bauchaorten-Aneurysma auf; das gilt vor allem für Raucher, denn Rauchen schädigt die Gefäße. Auch durch zu wenig Bewegung und Übergewicht kann es begünstigt werden. Frauen sind nach den Worten von Neu seltener betroffen als Männer – warum, ist noch nicht geklärt. Es empfiehlt sich, sich ab etwa 55 Jahren per Ultraschall vorsorglich auf ein Aneurysma untersuchen zu lassen, denn in vielen Fällen merkt man von der Gefäßveränderung überhaupt nichts. Ein Aneurysma wird daher oft entdeckt, wenn man eigentlich aus anderen Gründen beim Arzt ist.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Peter F. (Name geändert) ist so ein Patient, der ganz überraschend nach einer Ultraschalluntersuchung beim Hausarzt diese Diagnose erhalten hat. Was geschieht nun? Er wird zu einem Gefäßchirurgen überwiesen. Das Aichacher Krankenhaus bietet dazu eine eigene Sprechstunde an. Hier wird nun per Computer- oder Magnetresonanztomografie das Aneurysma näher untersucht. Weist es mehr als fünf Zentimeter Durchmesser auf, dann muss operiert werden. Mit einem sehr großen Aneurysma ist man ein Notfall. Wie schnell Peter F. unters Messer muss, hängt aber auch von der Entwicklung der Aussackung ab. Im Durchschnitt wächst sie um etwa drei Millimeter pro Jahr. Wie Neu sagt, liegt das Risiko einer Blutung bei einem Durchmesser von vier bis fünf Zentimetern bei drei Prozent, bei über sieben Zentimetern schon bei 69 Prozent. Bei Peter F. ist das Aneurysma noch nicht sehr groß; die Operation kann also geplant werden.

In aller Regel wird im Augsburger Klinikum operiert. Hierzu werden die Computertomografie-Bilder mittels Datenleitung übermittelt und mit den kooperierenden Kollegen der Klinik für Gefäßchirurgie und Endovaskuläre Chirurgie besprochen. Es werden freilich nicht nur „Bilder operiert“; es findet eine patientenorientierte Therapie statt. Daher spielt in der Besprechung die klinische Einschätzung der erfahrenen Gefäßchirurgen in Aichach eine entscheidende Rolle. Nach entsprechender Vorbereitung im Krankenhaus Aichach kann der Patient dann direkt zur OP verlegt werden oder es wird für ihn ein fester OP-Termin organisiert.

Zwei Arten von Eingriffen kommen infrage: Der Chirurg kann das Aneurysma in einer offenen Operation, also mit Bauchschnitt, entfernen. Die Aussackung wird dabei durch eine Gefäßprothese ersetzt, die eingenäht wird. Zunehmend wird schonend im Schlüssellochverfahren operiert. Dann wird durch ein Gefäß im Leistenbereich ein sogenannter Stent bis zu dem Aneurysma vorgeschoben. Das ist ein winziges Drahtröhrchen, mit dem die Aussackung in gewissem Sinn von innen geschient wird. Dadurch wird der Druck von der ausgeweiteten Gefäßwand genommen; sie kann dann wieder allmählich zusammenschrumpfen.

Beide Operationsmethoden halten sich nach Aussage von Neu etwa die Waage, das minimal-invasive Verfahren mittels kleinem Schnitt in der Leistengegend ist aber auf dem Vormarsch. Bei beiden Verfahren kann es in seltenen Fällen zu Komplikationen kommen, etwa einer Undichtigkeit des Stents oder einer Infektion. Es können sich auch Blutgerinnsel bilden, die zu einem Gefäßverschluss führen. Darüber wird der Patient vorher informiert.

Das Aichacher Krankenhaus kann nach der OP wieder die Nachsorge übernehmen. „Wir fühlen uns für die Patienten in unserem Einzugsbereich zuständig“, sagt Neu. Deshalb kehrt auch unser Patient Peter F. zur jährlichen Untersuchung ins Aichacher Krankenhaus zurück. Unter anderem können sich nach der OP neue Aneurysmen bilden. Die Erfahrung hat gezeigt, dass es einen Zusammenhang zwischen einem Bauchaorten-Aneurysma und einem sich anschließend bildenden Aneurysma im Bereich des Kniegelenks gibt. Das betrifft fünf bis zehn Prozent der Patienten.

Ein bekanntes Opfer eines Bauchaorten-Aneurysmas ist der berühmte Nobelpreisträger Albert Einstein. In den 1940er- und 50er-Jahren konnte die Medizin nicht mehr tun, als die Aussackung mit Zellophan zu umwickeln. Als wenige Jahre später das Problem bei dem Physiker erneut auftrat, lehnte Einstein eine weitere Operation ab und sagte fatalistisch: „Let it burst“ – lasst es platzen. Hätte es die heutigen Möglichkeiten der Medizin schon gegeben, hätte er gerettet werden können.

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20Ein_Team%2c_das_zum_Wohle_des_Seniorenheims_St._Theresia_bestens_harmoniert_-_Generaloberin_Schwester_Gabriele_und_Einrichtungsleiterin_Eva_Finkenzeller_(2).tif

Heimelige Atmosphäre für Senioren in Mering

WhatsappPromo.jpg

Alle News per WhatsApp

Die wichtigsten Nachrichten aus Augsburg, Schwaben
und Bayern ganz unkompliziert auf Ihr Smartphone.

Hier kostenlos anmelden