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Porträt

20.10.2017

Er zeichnet ein neues Bild von Metternich

Wolfram Siemann in seinem Arbeitszimmer in Adelzhausen: Der emeritierte LMU-Professor hat eine umfangreiche Büchersammlung im Keller.
Bild: Ulrike Eicher

Wolfram Siemann aus Adelzhausen hat eine viel beachtete Biografie über den österreichischen Staatsmann verfasst und zeigt ihn als fast modernen Europäer. Warum im Buch des Professors auch Aichach eine Rolle spielt

Ordner stapeln sich kreuz und quer neben zahlreichen Kartons mit Dokumenten, überall liegt Papier verstreut. Ein alter Karteikasten steht mitten im Kellerraum. Vor dem abgedunkelten Fenster ein Schreibtisch mit zwei Bildschirmen. Und die deckenhohen Regalreihen sind voller Magazine und Bücher, darunter auch sehr alte. In Wolfram Siemanns Arbeitszimmer in Adelzhausen sieht es aus wie in einer kleinen Institutsbibliothek. Es ist sein kreatives Reich. Hier hat der emeritierte Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München „seinen“ großen Metternich geschrieben, wie er liebevoll sagt.

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Wolfram Siemann wurde 1946 in Witten an der Ruhr geboren. Er studierte Geschichte, Germanistik und im Nebenfach Philosophie und Politik in Münster, Wien und Tübingen. 1996 erhielt er den Ruf auf den Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 1999 bis 2001 war er Dekan der Fakultät für Geschichts- und Kunstwissenschaften an der LMU und 2001 bis 2003 Senator der LMU. Seit 2011 ist Siemann im Ruhestand. Seine Schwerpunkte waren die deutsche und europäische Geschichte von 1789 bis 1918. Er beschäftigte sich unter anderem aber auch mit den Themen Sozialgeschichte und Umwelt. Veröffentlicht hat er zehn Bücher und etwa 80 Aufsätze.

„Sein“ Metternich, das ist ein Buch von nahezu 1000 Seiten. Eines, das im Wochenmagazin Die Zeit als „bahnbrechende Studie“ und in der Neuen Zürcher Zeitung als „Meisterwerk“ bezeichnet wurde, nachdem es 2016 erschienen ist. So große Worte nimmt der 71-Jährige selbst nicht in den Mund, wenn er von dem Buch spricht, an dem er neun Jahre lang gearbeitet hat. „Ich kann zufrieden sein“, sagt er lediglich, „das sehe ich an der Resonanz“. Der Historiker bleibt bescheiden. Dabei hat Siemann eine gründliche Neudeutung vorgenommen. Er bewertet das Wirken des 1773 geborenen Staatsmanns im Dienste Österreichs anders als seine Vorgänger. Siemann zeichnet ein positiveres Bild des Mannes, der vier Jahrzehnte lang die Geschicke Europas prägte. Und der wie kaum ein anderer die Umbruchphase repräsentiere, in der er gelebt hat, der Übergang vom „alten Reich“ in die Moderne – was ihn in den Augen des Professors so interessant macht. Clemens Wenzel Lothar von Metternich ist in Siemanns Biografie nicht mehr der harte Reaktionär, als der er galt. Der die Unterdrückung von Freiheit und nationaler Selbstbestimmung im Sinn hatte. Der für Zensur und Überwachung steht. Siemann stellt Metternich vielmehr als einen Menschenfreund dar; als Pragmatiker, dessen Politik vor allem ein Ziel verfolgte: Krieg zu vermeiden. Als Europäer und Kosmopolit, der fast modern anmutet.

Er zeichnet ein neues Bild von Metternich

Der Historiker verlagert den Blick auf den größeren Zusammenhang. „Man muss sich ja erst einmal ansehen, wie die Situation in Europa damals war“, sagt er. 1815 sei für die Menschen wie die Stunde null gewesen, nachdem Napoleon besiegt worden war.

Nach mehr als 20 Jahren Krieg mit drei Millionen Toten sei nicht nur das Leid groß gewesen, sondern auch die Schulden überall: „Verwüstete Landstriche, konfisziertes Eigentum, entrichtete Kontributionen und vor allem die Finanzierung von Heeren in Größenordnungen, welche die Geschichte bisher nie gesehen hatte“, nennt Siemann als Gründe im Buch. Und führt nun ausgerechnet Aichach an, um das Ganze anschaulicher zu machen: „Aichach, eine Ortschaft im bayerischen Schwaben mit 220 Häusern, hatte zwischen 1796 und 1809 18699 Offiziere zu verpflegen, 194086 einfache Soldaten und 95784 Pferde.“ Aichach, eine Gemeinde von vielen Tausenden, denen es ähnlich ergangen war.

Es habe also gebrodelt in jenen Jahren, sagt Siemann. Und Metternich habe im damals aufkeimenden Nationalismus eine Gefahr für den Frieden gesehen – solange dieser Minderheiten ausgrenze. „Er hat sich für Vielvölkerstaaten und Heterogenität eingesetzt“, so der Historiker. Metternich habe sich seinen kritischen Geist bewahrt und den Verheißungen der Prediger seiner Zeit misstraut. Das macht ihn für den Adelzhauser so faszinierend.

Und Siemann kennt Metternich gut. Ein ganzes Jahr lang hat er den Nachlass des Staatskanzlers im Nationalarchiv Prag und in Wien erforscht und viele Dokumente entdeckt, die bis dahin nicht bekannt waren. Rund 130000 Scans hat er dort erstellt und auf seinem Rechner in Adelzhausen gespeichert. Darunter auch die 21 Tagebücher von Metternichs Ehefrau Melanie, die die Jahre zwischen 1819 und 1853 abdecken. „Sie galten als verschollen, ich habe sie in Prag gefunden“, sagt Siemann. Sie sind das nächste große Projekt des Historikers, der seit 2011 im Ruhestand ist.

Melanie Metternichs Schriften sind schwer zu lesen. Siemann möchte alles entziffern und die bislang unveröffentlichten Dokumente ins Internet stellen. Dafür soll eigens eine neue Seite eingerichtet werden. Die Schreiberin habe einen Blick für das Politische gehabt und sich sehr reflektiert geäußert, sagt Siemann. Er verspricht sich viel von den Tagebüchern. Sie könnten das Verständnis weiter vertiefen – vom Menschen Metternich wie auch von seiner Zeit.

Das Buch „Metternich – Stratege und Visionär“ von Wolfram Siemann ist im Verlag C.H. Beck erschienen und kostet 34.95 Euro.

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