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Aichach-Friedberg

15.11.2018

Geburtshilfe Aichach schließt

So ein Bild wird es aus dem neuen Aichacher Krankenhaus auf absehbare Zeit nicht geben. Die Geburtsstation schließt, bevor sie öffnet.
Bild: Waltraud Grubitzsch, dpa

Nur eine von vier Hebammen in Aichach steht 2019 noch zur Verfügung. Der neue Kreißsaal bleibt ungenutzt – vorerst: Landrat und Bürgermeister wollen kämpfen.

Warnungen gibt’s seit Jahren, die schwarzen Rauchzeichen sind seit Monaten und spätestens seit August weithin sichtbar, letzte Woche hat sich die schlechte Lage verdichtet und seit Donnerstag Abend ist es jetzt raus: Die Geburtsstation im nagelneuen Aichacher Krankenhaus schließt, bevor sie überhaupt eröffnet hat. Grund: Hebammen-Mangel. Landrat Klaus Metzger und insbesondere Bürgermeister Klaus Habermann zeigten sich „frustriert“, betonten aber gleichzeitig, dass sie sich mit einem endgültigen Aus keineswegs abfinden werden. Mittelfristig kommen aber keine Babys mehr bei Spontangeburten in der Aichacher Klinik zur Welt.

In einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz im Landratsamt wurde am späten Abend öffentlich gemacht, was seit Wochen schon als Gerücht waberte. Von den zuletzt vier Beleghebammen in Aichach hören zwei zum Jahresende auf. Eine weitere wird demnächst selbst Mutter, deshalb ist ab Januar nur noch eine Hebamme einsatzbereit. Man sei für die angebotene Hilfe aus Friedberg sehr dankbar, doch eine Perspektive sahen die beiden langjährigen Hebammen Dagmar Schmaus und Selma Nuray damit nicht mehr: „Die Entscheidung ist uns extrem schwer gefallen, aber wir arbeiten seit Monaten am Limit, haben teilweise zu dritt den Stationsbetrieb am Laufen gehalten. Wir fühlen uns am Rande unserer Kräfte, was sich mittlerweile auch gesundheitlich auswirkt.“

Dank an die Hebammen

Auch die Unterstützung des Landkreises konnte sie nicht mehr umstimmen: „Wir hatten große Bedenken, kurzfristig die Anzahl an Beleghebammen zu bekommen, die für einen gut funktionierenden Betrieb notwendig wäre.“ Erst am Montag sei der nagelneue Kreißsaal eingeräumt worden – ein wehmütiger Moment, beschreiben die Hebammen.

Landrat Metzger, der Aichacher Gynäkologe Sorin Turcu-Reiz und Klinik-Geschäftsführer Krzysztof Kazmierczak bedankten sich ausdrücklich bei den Hebammen für ihren jahrelangen Einsatz. Nur deshalb sei die Station unter den immer schlechter werdenden Bedingungen am Laufen gehalten worden. Metzger sprach von einem „systemischen Fehler“ bei der Organisation und Finanzierung der Geburtshilfe, der besonders ein kleines Krankenhaus wie Aichach treffe. Der Landkreis habe alles unternommen, um die Station zu sichern.

Zusammenarbeit mit der Uniklinik Augsburg

Er hofft, dass durch eine Zusammenarbeit mit der Uniklinik in Augsburg die Geburtshilfe mittelfristig wieder geöffnet werde. Da kann er mit maximaler Unterstützung vom Aichacher Bürgermeister rechnen. Klaus Habermann machte aus seinem Herzen keine Mödergrube. Er will kämpfen, vor allem für die jungen Familien in der Region: Vor eineinhalb Monaten sei das topmoderne Krankenhaus von Ministerpräsident Markus Söder eingeweiht worden. Er werde da nicht lockerlassen: „Ich mag nicht glauben, dass damit jetzt in Aichach und Schrobenhausen bis auf Weiteres keine Geburten mehr möglich sein sollen!“

Am Montag vor einer Woche hat der Werkausschuss des Kreistags noch ein Paket verabschiedet, um die Geburtsstationen an den beiden Krankenhäusern im Landkreis zu sichern. Da war auch noch die Rede von einem Probelauf zumindest bis März 2019 für Aichach. Bereits im Sommer musste die Entbindungsstation in der Kreisstadt für einige Wochen dichtgemacht werden, weil es dort nicht genügend Hebammen gibt. Während der aktuellen Umzugsphase der Klinik blieb sie ebenfalls zu. Auch in Friedberg kursierten im September Gerüchte um eine Schließung der Gynäkologie Ende 2018, weil Belegärzte offenbar an eine Kündigung dachten. Hintergrund: Geringe Vergütungen machen für die Hebammen die Arbeit im Kreißsaal uninteressant.

 Die Mediziner klagen über rasant steigende Beiträge für die Haftpflichtversicherung. Der Werkausschuss beschloss deshalb, rund 250000 Euro im Jahr für Hebammen und Ärzte draufzulegen, damit sie weitermachen. Das Geld kommt aus der Kreiskasse, denn das Wittelsbacher Land steht für die Finanzen der kreiseigenen Kliniken an der Paar gerade. Der Plan: Hebammen aus Friedberg sollten zumindest bis März 2019 in Aichach aushelfen, um den Betrieb in der Paarstadt zu sichern. Nach dem Probelauf sollte über die Zukunft der Station entschieden werden. Von der „Schließung als letzte Konsequenz“, die mit allem Einsatz verhindert werden müsse, war aber schon letzte Woche bei einem Gespräch beim Landrat die Rede. Damit zeichnete sich ab: Die Abteilung steht auf der Kippe.

In Friedberg werden 700 Kinder im Jahr geboren

Im Friedberger Krankenhaus kommen jährlich etwa 700 Kinder auf die Welt. In Aichach sind es deutlich weniger: 2016 waren es 318 und im folgenden Jahr 376 Geburten. Der Zuwachs lag unter anderem daran, dass die Station in Schrobenhausen bereits Ende 2016 geschlossen hat. In Friedberg könnte jetzt in Zusammenarbeit mit der Uniklinik Augsburg eine neue Hauptabteilung für Geburtshilfe mit fest angestelltem Personal eingerichtet werden. Die Entwicklung in Aichach reiht sich ein in eine Reihe solcher Meldungen von kleineren Krankenhäusern in Bayern und der Region in den vergangenen Jahren von Wertingen bis Schwabmünchen.

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