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ReligionSerie (Teil 7)

27.01.2020

Guter Hirte mit blutenden Wunden

Die Kapelle in Rieden birgt eine Christusfigur. Der leidende Christus wurde von den Menschen einst stark verehrt. Die Riedener funktionierten ihn allerdings in einen guten Hirten um.
Bild: Hubert Raab

Eine Figur in Rieden erzählt davon, wie die Gläubigen einst die Passion Christi verehrten /

Eine Kapelle ist in Rieden in der Uraufnahme (1808 bis 1864) am östlichen Dorfende am Weg nach Tödtenried groß eingezeichnet. Sie dürfte daher schon vor 1700 entstanden sein und als eine der wenigen Kapellen im Wittelsbacher Land die Säkularisation überdauert haben. Als die mächtige alte Linde hinter der Kapelle morsch geworden war und gefällt werden musste, wurde die alte Kapelle abgebrochen und 1950 als ein nach Westen gerichteter Rechteckbau neu gebaut. 1986 wurden die Kapelle und die Figur vom Kunstmaler Karl Müller-Liedeck restauriert. Er nannte die Figur einen Schmerzensmann. Doch die Riedener gaben ihm ein Schäflein und einen Hirtenstock in die Arme und nannten die Figur „Der gute Hirte“, trotz seiner blutenden Wunden und seines Purpurmantels.

Die Figur erzählt aber eine ganz andere Geschichte. Das Leiden und Sterben Christi war im 15. und 16. Jahrhundert das zentrale Thema der abendländischen Frömmigkeit. Beispiel ist die Entstehung der Christuswallfahrt Herrgottsruh in Friedberg. Im 17. und 18. Jahrhundert erfuhr die Verehrung der Passion Christi einen neuen Höhepunkt. Sie fand ihren Ausdruck in der Wiederentdeckung mittelalterlicher Ausdrucksformen des leidenden Jesus, der wie zum Beispiel das Gnadenbild des Christus in der Rast den Betrachter unmittelbar anzuschauen scheint und eine persönliche Identifikation mit dem Passionsgeschehen hervorruft.

Spezielle Formen des Andachtsbildes entstanden, wie der Schmerzensmann, der Heiland an der Geißelsäule oder Schulterwundenheiland in Paar, in Unterbergen, in der Kapelle unter der Treppe auf den Burgstall in Kissing, in der Franziskuskapelle und in der Pfarrkirche in Mering und weiteren. Die dargestellten Leidenswerkzeuge an den Arma-Christi-Kreuzen an Wegen wie in Ziegelbach oder in Kapellen wie in der Badangerkapelle, dienten der Passionsfrömmigkeit, dem meditativen Betrachten des Leidens Christi.

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Um auch den persönlichen Lebensbereich unter den Schutz Gottes und der himmlischen Fürbitter zu stellen, stellte man zu dieser Zeit Christus-, Gottvater-, Marien- oder Heiligenfiguren in Kapellen, Bildstöcken und Hausnischen zur persönlichen Andacht auf. Die Bildschnitzer in unserer Gegend hatten reichlich Arbeit, wie die Bildhauerfamilien Luidl und Öberl.

In der Wegkapelle an der Straße nach Tödtenried stand jahrhundertelang eine stehende Figur des Ecce homo mit Purpurmantel, Lendentuch, Dornenkrone, die Hände als Gefangener gebunden nach der Darstellung von Jesus, die Pontius Pilatus dem Volk zeigt. „Ecce homo – Seht, welch ein Mensch.“ Der weit geöffnete Umhang mit seinen tiefen Röhrenfalten stellt gewissermaßen den Rahmen für den athletischen Körper der Figur dar. Oberkörper, Arme, Hände, Beine und Füße sind bis ins Detail realistisch dargestellt. Die Knie sind leicht angewinkelt und das Spielbein nach auswärts gedreht. Wallendendes, langes Haar und Kind- und Backenbart umrahmen ein harmonisches Gesicht. Der Kopf mit dem dreistrahligen Nimbus auf dem kräftigen, muskulösen Hals wirkt etwas klein. Das Lendentuch mit den geradlinigen Falten ist über der rechten Hüfte geknotet. Alle diese Merkmale sprechen für ein frühes Werk von Lorenz Luidl. Der Ecce homo könnte zu der Zeit nach Rieden gekommen sein, als Lorenz Luidl die Filialkirche St. Peter und Paul in Hörmannsberg 1670 bis 1680 mit mehreren Skulpturen ausstattete. Im Jahr ihrer Restaurierung 1986 erhielt die Wegkapelle den kirchlichen Segen.

Gabriele Raab, Hubert Raab

Über die Kapellen der Region berichten wir in einer Serie in loser Folge.

„Kapellen im Wittelsbacher Land“, Wißner-Verlag, 190 Seiten, viele Fotografien. Das Buch ist im Verlag vergriffen. Es sind jedoch Exemplare im Landratsamt vorrätig (Kontakt: katharina.martin@lra-aic.fdb.de) sowie teilweise auch im örtlichen Buchhandel.

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