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Mering

12.01.2021

Holzwaren hielten die Familie Scholz in Mering über Wasser

Im Besitz von Walter Schelle sind noch diese Holzwaren, die seine Onkel, die Gebrüder Scholz nach dem Krieg fertigten.
Bild: Heike John

Plus In der Nachkriegszeit eröffnet der Vater von Edda Caesperlein eine kleine Werkstatt in Mering. Dabei stellte er auch Bauklötzchen her, die Legosteinen ähnelten.

In diesen Tagen, wo Rückzug angeordnet ist, wird so manches Kind zu Hause in seinem Kinderzimmer auch mit Lego bauen. Etwas ähnliches wie Lego, dem Spielzeugklassiker aus Dänemark, gab es im Hause Scholz kurz nach dem Krieg. "Mein Vater hatte einen Baukasten mit Holzbausteinen zum Zusammenstecken entwickelt", erzählt Edith "Edda" Caesperlein.

Zusammen mit ihrer Schwester und den Cousinen und Cousins, die zeitweise mit im Haus lebten, spielte die Meringerin mit diesem geliebten Spielzeug. "Das war hier heiß begehrt, denn so kurz nach dem Krieg gab es ja fast nichts für uns", erinnert sich die heute 82-Jährige. Es gab nicht nur nichts zum Spielen, sondern auch keine Arbeit und so waren viele Meringer froh, in diesen lausigen Zeiten eine Verdienstmöglichkeit zu finden. Manche fanden sie im Hause Schelle in der Münchener Straße, wo Arthur Scholz, der Vater von Edda Caesperlein, kleine Holzwaren fertigte.

Das Haus in Mering wurde zur Produktionsstätte für Holzwaren

Die Zimmerei und Schreinerei Schelle im Erdgeschoss war für einige Zeit an eine ausgebombte Firma aus Augsburg verpachtet und die Lagerräume oben wurden zu einem Teil zur Produktionsstätte für Holzwaren. Arthur Scholz war Berufssoldat gewesen und musste so kurz nach dem Krieg schauen, wie er seine Familie mit Ehefrau und zwei Mädels durchbrachte. So manch einer, der Berufsverbot hatte oder sonst keine Anstellung fand, arbeitete bei der Holzwarenproduktion mit, so auch Arthurs Bruder Waldemar Scholz. Gefertigt wurden Puppenmöbel wie Bettchen oder kleine Schränke sowie Holzdöschen, die dann auch bemalt wurden. "Wir Kinder haben oft die Holzteile nachbearbeitet", erinnert sich Walter Schelle, der Cousin von Edda Caesperlein.

Das Puppenbett, das ihr Vater nach dem Krieg hergestellte, hält Edda Caesperlein als Foto in Ehren.
Bild: Archiv Edda Caesperlein

"Ganz gut gingen die kleinen Marterl, in die man ein Heiligenbildchen stecken konnte. Die fanden auch guten Anklang in den Touristenorten. Bis ins Gebirge hat der Onkel die verkaufen können". Platz gab es genug auf dem großen Anwesen mit der Schreinerei und Zimmerei, die die Großeltern Ursula und Nikolaus Schelle aufgebaut hatten. Vier Söhne und vier Töchter hatte das Paar und im Krieg bot Ursula Schelle ihren Töchtern und Schwiegertöchtern samt Familien Zuflucht. "Die Männer waren alle im Krieg, die Familien in Berlin, Hamburg oder Frankfurt verstreut und die Oma hat gesagt, kommts her nach Mering, hier ist der Krieg nicht so schlimm und hier gibt's für jeden von euch ein Bett", so erinnert sich Caesperlein an ihre taffe Oma. "Gut um die 15 Leute waren zeitweise im Haus", weiß sie noch.

Nach dem Krieg entstanden in Mering viele Minibetriebe

Nie vergessen wird die 82-Jährige auch, wie ihre Mutter Liesel Scholz im ausgebombten Lagerlechfeld, von wo aus der Mann in den Krieg zog, den Kinderwagen mit der kleinen Schwester und sie als Sechsjährige an der Hand packte, um zur Oma nach Mering zu kommen. Die Nachbarin sagte, 'brauchst nicht los, den Bahnhof gibt's nicht mehr', aber meine Mutter hatte Glück und uns nahm ein Pferdefuhrwerk bis Prittriching mit und von dort gingen wir zu Fuß nach Mering". So kehrte sie in das Haus zurück, wo sie geboren wurde und fand in den Wirren des Krieges Geborgenheit.

Die kleinen Holzmarterl für Heiligenbilder aus der Werkstatt der Gebrüder Scholz waren auch bei Touristen beliebt.
Bild: Heike John

Doch wovon leben, so stellte sich nach dem Krieg die Frage und so kam es zur Holzwarenproduktion der Gebrüder Scholz. "Holz gab es ja in Hülle und Fülle auf dem Gelände", erinnert sich Caesperlein. In dieser Zeit, kurz nach dem Krieg, entstanden in Mering viele Minibetriebe, die in Heimarbeit Verschiedenes herstellten. Die meisten konnten davon eine Weile leben. "Aus der Not heraus wird man erfinderisch", sagt Caesperlein. Sie erinnert sich noch gut daran, wie der Vater in der Früh mit der Ware fortging, um auf Märkten die Holzwaren zu verkaufen. Geschäfte habe es in der ersten Zeit ja so gut wie keine mehr gegeben. "Wenn unser Vater zurückkam und gut verkauft hatte, dann brachte er ein Brot und Äpfel für uns mit. Das war ein Fest!"

Bis zur Währungsreform 1948 lief der Vertrieb recht gut. Danach brauchte man das Geld für nützlichere Dinge. Das ein oder andere Stück aus dieser damaligen Produktion kann man gelegentlich noch auf Flohmärkten in Mering und Umgebung ergattern. Neffe Walter Schelle hat noch einige der kleinen Holzwaren als Andenken an seine Kindheit bei sich zu Hause aufbewahrt. Später wurde Arthur Scholz Vertreter für Strümpfe und seine Frau Liesel Scholz, die Mutter von Caesperlein, eröffnete einen Strumpfladen, der später zum Wäschefachgeschäft in Mering ausgebaut wurde. 50 Jahre lang gab es den Laden im Schlickenrieder-Haus neben der Raiffeisenbank in der Münchener Straße, in dem auch Caesperlein bis zu ihrem 70. Lebensjahr mit viel Freude am Kontakt mit der Kundschaft stand.

"Irgendwo auf dem Speicher habe ich noch einen Holzbaukasten aus der Produktion meines Vaters in der historischen Schachtel. Den hüte ich natürlich wie einen Schatz", betont sie.

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