Newsticker

Wirtschaftsweise: Teil-Lockdown kaum Auswirkungen auf Wirtschaftskraft
  1. Startseite
  2. Lokales (Friedberg)
  3. Irrfahrt mit dem Zug: Rollstuhlfahrer geht mit der Bahn hart ins Gericht

Aichach-Friedberg

22.11.2020

Irrfahrt mit dem Zug: Rollstuhlfahrer geht mit der Bahn hart ins Gericht

Die ÖDP-Parteikollegen Dieter Nießer (links) und Dieter Neumann vor ihrem Friedberger Stammcafé La Vie.
Bild: Nikolai Röhrich

Plus Ein Ausflug mit dem Zug nach Memmingen endet für den Friedberger Dieter Neumann mit einem Feuerwehreinsatz in Augsburg. Die Bahn kritisiert er daraufhin scharf.

Was für Menschen ohne körperliche Einschränkungen eine alltägliche Reise ist, wurde für den Friedberger Rollstuhlfahrer Dieter Neumann zum nervenaufreibenden Abenteuer. Eine Bahnfahrt von Memmingen nach Friedberg führte den Friedberger über München nach Hochzoll – wo dann die Feuerwehr mit einem achtköpfigen Team anrücken musste, um ihn vom Bahnsteig zu befreien.

Neumann kam mit einem Genschaden auf die Welt, der eine Deformation seiner Gliedmaßen nach sich zog. Von seiner Behinderung will der Friedberger sich jedoch nicht ausbremsen lassen, engagiert sich auch politisch. Zusammen mit seinem Parteifreund Dieter Nießer war er mit der Bahn zu einem Treffen der ÖDP gefahren. Während auf der Hinreise nach Memmingen alles reibungslos funktioniert hatte, verpassten die beiden um 19 Uhr ihren Zug.

Mit der Bahn von Memmingen über München nach Augsburg-Hochzoll

Später mussten sie feststellen, dass danach keine barrierefreien Züge mehr nach Augsburg verkehrten, wo ein Umstieg nach Friedberg geplant war. Notgedrungen fuhren die beiden mit dem nächsten Zug nach Buchloe, um von dort aus weiterzufahren. Hier erwartete sie dann dasselbe Problem: Der Anschluss-Zug war ein älteres Modell ohne Zugang für Rollstuhlfahrer. Neumann fuhr auf Anraten eines Zugbegleiters also weiter nach München, um von dort aus nach Hochzoll zu kommen.

Dann der Schock: Am Hochzoller Bahnhof war der Aufzug defekt. Neumann sagt, ihm sei von einem Mitarbeiter der Bahn-Hotline zuvor die Funktionstüchtigkeit des Lifts versichert worden. „Dass der Aufzug in Hochzoll kaputt war, habe ich erst bemerkt, als mein Zug schon weg war. Ich war auf dem Bahnsteig gefangen, es war der reinste Horror“, erzählt er.

Erneut wurde die Service-Zentrale der Deutschen Bahn kontaktiert. Eine Mitarbeiterin verständigte die Augsburger Feuerwehr. Doch selbst diese acht Mann starke Truppe konnte Neumanns schweren Rollstuhl nicht die Treppen hinuntertragen. Schließlich wurde das Gefährt Stufe für Stufe abgeseilt und Neumann auf einer Trage nach unten befördert. Anschließend stand für ihn noch eine dreiviertelstündige Fahrt nach Friedberg mit seinem motorisierten Rollstuhl an.

Dieter Neumann kann von abenteuerlichen Reisen ein Lied singen. Der Friedberger hat eine Freundin in Ellwangen, die er regelmäßig mit der Bahn besucht. „Auch dort komme ich oft mit großen Verspätungen an“, berichtet er. Neumann ist mit der Mobilitätsservice-Zentrale der Deutschen Bahn unzufrieden, die Fahrgäste bei barrierefreiem Reisen unterstützt.

Friedberger Rollstuhlfahrer kritisiert die Bahn

Neben den Preisen der Hotline – ein Anruf aus dem Mobilfunknetz kostet bis zu 60 Cent – kritisiert er auch den Internet-Service. Es sei schon vorgekommen, dass trotz Online-Anmeldung an den Bahnhöfen niemand etwas von seiner Reise gewusst habe und er so Stunden habe warten müssen.

Dieter Neumann auf einem seiner Lieblingsplätze vor der Sparkasse in Friedberg. Der 57-Jährige ist in seinem motorisierten Rollstuhl viel unterwegs.
Bild: Ulrich Wagner

„Schwierig ist es vor allem, abends mit der Bahn unterwegs zu sein“, berichtet Neumann. Die Hebelifte für den Einstieg in die Fahrzeuge dürften nur von qualifiziertem Personal bedient werden, das zu später Stunde in den Bahnhöfen oft nicht mehr anwesend sei. Auch tagsüber könne es passieren, dass es zu Komplikationen beim Hebebühnen-Einstieg kommt. „Die zuständigen Mitarbeiter müssen teils über weite Strecken anreisen“, erzählt Neumann. Er wünscht sich eine bessere Infrastruktur für Behinderte.

Der Rollstuhlfahrer spricht von den Mitarbeitern der Bahn als von freundlichen, engagierten Menschen. Dennoch hält er den Einsatz von Schienenfahrzeugen, die nicht barrierefrei sind, „vor allem in einer alternden und gebrechlicher werdenden Gesellschaft“ für nicht mehr zeitgemäß.

Der ÖDP-Kreisverband Aichach-Friedberg hat sich mit der Geschichte Dieter Neumanns in Form eines offenen Briefes an Landtagsabgeordnete aus dem Wittelsbacher Land gewandt. Der Brief endet mit den Worten: „Ist es für Menschen mit Einschränkungen schon schwer genug, am Leben teilzuhaben, ist es am Abend nahezu unmöglich.“

Die Deutsche Bahn entschuldigt sich beim Rollstuhlfahrer

Auf Anfrage unserer Zeitung entschuldigte sich ein Sprecher im Namen der Deutschen Bahn bei Dieter Neumann. Man wolle dem Rollstuhlfahrer eine Entschädigung zukommen lassen und den Fall intern aufarbeiten. Auch wurde darauf hingewiesen, dass die mangelnde Barrierefreiheit der Züge über die Website oder die App der Bahn ersichtlich gewesen wäre.

Dieter Neumann ist im Rollstuhl auch beim Friedberger Altstadtfest mit von der Partie.
Bild: Andreas Schmidt (Archivbild)

Nur zwischen dem Allgäu und Augsburg seien noch Züge im Einsatz, die nicht barrierefrei sind. Alle anderen Züge, die im Raum Augsburg verkehren, seien hingegen bereits für Menschen mit körperlichen Einschränkungen zugänglich. Der Bahn zufolge werden die nicht barrierefreie Züge zwischen Augsburg und dem Allgäu unabhängig von der Tageszeit eingesetzt. Eine Nachrüstung der älteren Zugmodelle ist bis Ende 2021 geplant.

Lesen Sie dazu den Kommentar: Bahn muss mehr für behinderte Menschen tun

Mehr über Dieter Neumanns Schicksal lesen Sie hier:

Das könnte Sie ebenfalls interessieren:

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren