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Aichach-Friedberg

07.06.2019

Kliniken an der Paar droht der finanzielle Kollaps

50 Millionen haben Freistaat und Landkreis in das neue Aichacher Krankenhaus investiert. Doch trotz modernster Medizin ist die Patientenzahl seit Jahresbeginn um fast ein Viertel gesunken.
Bild: Erich Echter

Plus Das Defizit ist im ersten Quartal dramatisch höher ausgefallen als erwartet. Grund: Die Patienten bleiben weg. Der Geschäftsführer hält radikale Maßnahmen für nötig.

Alarm in den Kliniken an der Paar: In den ersten vier Monaten des Jahres 2019 ist die Zahl der behandelten Patienten in beiden Krankenhäusern des Landkreises dramatisch zurückgegangen. Allein im ersten Quartal ist dadurch das Defizit um über eine Million Euro gestiegen. „Wir müssen in den nächsten Monaten radikale Maßnahmen ergreifen, um die Leistungs- und Kostensituation der Kliniken zu stabilisieren“, mahnt Geschäftsführer Krzysztof Kazmierzak in einer vertraulichen E-Mail an die Mitglieder des Werkausschusses, die unserer Redaktion vorliegt.

Nach der nichtöffentlichen Sitzung des Gremiums zeigte sich auch Landrat Klaus Metzger besorgt über die wirtschaftliche Situation der Kliniken. Ursprünglich hatte der Landkreis für dieses Jahr ein Defizit von 3,7 Millionen für den Betrieb der beiden Häuser eingeplant.

Mit Vorsicht zu genießen

Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass es deutlich höher ausfallen wird. Hält die aktuelle Entwicklung an, dann fällt das Minus nach Berechnungen der Klinikleitung um 4,6 Millionen Euro höher als im Wirtschaftsplan vorgesehen. Metzger rät, die von der Klinikleitung genannten Zahlen mit Vorsicht zu genießen. Klar sei aber, dass man hinter dem Wirtschaftsplan zurückbleibe.

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Geschäftsführer Kazmierczak führt dies auf einen „massiven Leistungsabfall“ zurück: Zwar schlagen sich auch die Probleme der Geburtshilfe in geringem Umfang nieder, doch auch in allen anderen Fachabteilungen der Krankenhäuser blieben Patienten aus.

Eine Folge der Negativ-Schlagzeilen

Aus Sicht von Landrat Metzger ist dies eine Folge der Negativ-Schlagzeilen, in die die Kliniken durch die Probleme bei der Geburtshilfe geraten sind. „Wir bekommen die Patienten nicht mehr, wenn ein Krankenhaus stigmatisiert ist. Dann gehen die Leute eben woanders hin“, glaubt er.

Metzger kritisiert darum auch die Weitergabe der nichtöffentlichen Sitzungsunterlagen an die Medien als klaren Vertrauensbruch. Er selbst sei durchaus bereit gewesen, mit der Information an die Öffentlichkeit zu gehen. Die Reaktionen im Ausschuss seien aber geteilt gewesen, so dass weiterhin die Vertraulichkeit gelte.

Ein Viertel weniger Patienten in Aichach

Der Leistungsabfall der Kliniken ist nicht mit einem Kostenrückgang verbunden – im Gegenteil sind in Aichach sogar die Sachkosten gestiegen, obwohl die Zahl der Patienten gegenüber dem Vorjahr um fast ein Viertel gesunken ist. Weitere Mehrkosten erwartet die Klinikleitung durch die Tarifabschlüsse im ärztlichen Bereich. Zudem ist in Friedberg aufgrund der neuen Hauptabteilung für Geburtshilfe laut Kazmierczak künftig mit massiven Kostensteigerungen zu rechnen.

Der Werkausschuss des Kreistags hat darum in nichtöffentlicher Sitzung Geschäftsführung und Ärztliche Direktoren aufgefordert, eine Strategie zu entwickeln. „Zentrale Aufgabe ist, sich auf das Kerngeschäft zu konzentrieren, die Stärken an beiden Standorten auszuloten und das Ganze neu zu strukturieren und zu organisieren“, sagte Landrat Metzger unserer Zeitung. Das vor zwei Jahren erstellte Organisationsgutachten ist laut Metzger noch nicht in allen Punkten umgesetzt.

Der Landkreis Aichach-Friedberg kann das nicht auf Dauer stemmen

In der nächsten Sitzung am 22. Juli soll das Papier dem Werkausschuss vorgestellt werden. Metzger hat in einer E-Mal an die Geschäftsleitung eine klare Agenda aufgegeben und an die Verantwortlichkeiten erinnert. Man habe Vertrauen, müsse aber sehen, was am 22. Juli vorgelegt werde, betonte er im Gespräch mit unserer Zeitung. Der Landkreis werde auf Dauer keine achtstelligen Defizite der Krankenhäuser stemmen können.

Landrat Metzger kritisiert Bundestagsabgeordnete

Zumal auf kommunalpolitischer Ebene mit großer Sorge betrachtet wird, wohin die Bundespolitik steuert. „Sie verfolgt den Plan, kleine Häuser zu schließen“, fürchtet Landrat Metzger. Dass gerade dort aber die Grund- und Regelversorgung geleistet werde, blendeten die Gesundheitspolitiker völlig aus. Als Beispiel nennt er den Pflegepersonalschlüssel: In der Unfallchirurgie mussten Betten unbelegt bleiben, weil der Schlüssel nicht erfüllt wurde. Dabei gebe es das Personal gar nicht, um den Anforderungen gerecht zu werden.

Metzger verhehlt nicht, dass er von den örtlichen Bundestagsabgeordneten Einsatz erwartet. „Sie müssen ihre Verantwortung wahrnehmen. Man kann nicht immer sagen, wir wollen den ländlichen Raum stärken, und dann Gesetze beschließen, die das Gegenteil bewirken“, kritisiert er.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar von Thomas Goßner: Wo bleiben unsere Abgeordneten?

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07.06.2019

Geht es eigentlich bei einem Krankenhaus nicht in erster Linie darum Menschen zu versorgen und zu betreuen oder ist es zu einem Industriebetrieb mutiert, dem es nur um Umsätze in jeglicher Form geht? Müssen jetzt die Ärzte Klinken putzen und von Haus zu Haus bei den niedergelassenen Kollegen um Patienten werben, damit das Soll erfüllt werden kann?
Außerdem muss man sich fragen, ob es zum jetzigen Zeitpunkt unbedingt ein neues Haus sein musste? War das alte wirklich schon so marode und technisch überholt? Alles nur auf die "Fehlplanung" Geburtenabteilung zu schieben ist etwas schwach, sie hat ganz bestimmt nichts mit dem angeblich drohenden finanziellen Kollaps zu tun.

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