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06.06.2009

Mit 87 Jahren immer noch "Tante Emma"

Kissing Rechts die Nägel, sauber nach Größe sortiert. Daneben ein Satz Schrauben - das passt noch. Auch, dass die Hämmer neben den Meißeln, das Maßband neben den Bleistiften liegt. Schweift der Blick im Laden von Klara Merkl etwas nach links, bleibt er unweigerlich an Tüten voller Luftballons, Schafkopf-Spielen und Kinderspielzeug hängen. Schweift er weiter - die Aufzählung allein, was alles in den Regalen und im Raum liegt und hängt, würde Stunden dauern. Über allem wacht eine 87-jährige Frau und verliert nie den Überblick: Seit fast einem halben Jahrhundert ist sie Kissings "Tante Emma". Und das extrem zuverlässig, trotz des leichten Chaos im Laden.

Wie die Mutter, so die Tochter

Das sagen jedenfalls ihre Kunden. Hedwig Groß beispielsweise: Die 66-Jährige hat sogar noch Kindheitserinnerungen an die Mutter Maria Dosch, die 1919 zusammen mit ihrem Mann Johann vom Kissinger Unterdorf raufzog ins Haus gegenüber dem Zehentstadel. Um die Kurve rum steht heute der Maibaum. "Wir haben als Kinder schon dort eingekauft, das waren ganz liebenswürdige Leute", weiß die ehemalige Nachbarin. Bei ganz ausgefallenen Wünschen fährt sie heute noch vom Neuort extra Richtung Kissinger Schloss, neben dem der Laden von Klara Merkl liegt. "Etwa, wenn ich einen Wäschedämpfer brauche."

Meist sind es nicht so ausgefallene Bedarfsdinge, die gebraucht werden. Maria Vogel etwa kommt vom Kirchberg herunter, weil ihr Mann für den neuen Zaun Schlossschrauben benötigt. Die angefragte Länge wäre vorhanden, aber nur mit stärkerem Durchmesser. Die ehemalige Chefsekretärin im Rathaus versucht es, kommt aber kurz darauf wieder. Jetzt kann selbst Klara Merkl nicht mehr helfen, denn die Schrauben werden sofort benötigt. "Jetzt habe ich gemeint, ich komme um den Weg nach Mering herum", klagt Maria Vogel. In Kissing gebe es ja sonst keinen Laden, der bietet, was die letzte "Tante Emma" hat.

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Das ist auch der Grund, warum Petra Nemeth eintritt: Sie braucht Bast. Und bleibt mehr als eine Stunde zum Ratschen. "Hier ist Ruhe, hier ist Erholung, hier fühlst Du Dich wohl", sagt sie. Menschlichkeit stehe an erster Stelle, der Kunde sei nicht nur König, sondern Kaiser. "Bei ihr weint man zusammen und lacht auch zusammen."

Der nächste Kunde weiß nach ein paar Minuten gar nicht mehr, warum er den Laden eigentlich betreten hat. Zu stark hat ihn die Erinnerung an "Glugger" (die bunten Glasmurmeln) fasziniert, die plötzlich im Gespräch hochkam. Norbert heißt er, ist jenseits der 50 und schwelgt: "Ich war der berühmteste Gluggerspieler in Kissing." Ein Loch in den Boden gemacht und los sei es gegangen mit dem Spiel der Glaskugeln. "Und wehe, Du hattest die besten davon verloren": Auch Petra Nemeth wusste, wo es welche zu kaufen gab. Und Klara Merkl schmunzelt: "Drum bin i bei de Buam so gut g'standen, weil i immer Glugger g'habt hab."

Wie kommt eine Frau dazu, mit einem Sortiment von Porzellan bis zum Putzmittel, vom Sauerkrauttopf bis zum Strohbesen zu handeln? "Ich war schon immer ein halber Bub", erzählt die dreifache Mutter, deren Tochter Anna mit fünf Jahren schon starb.

Sie hielt den Vater auf Trab

Sie war das vierte von fünf Mädchen, der Vater hätte immer gerne einen Buben gehabt. Versonnen blättert sie im Familienalbum, weiß unendlich viele Geschichten zu erzählen. Der Vater war Spenglermeister, habe von seinem "Treibauf" Klara immer gesagt: "Was die kaputt macht, kanni nimmer verdienen."

Anno 1963 stieg das Mädchen dann ins Geschäft mit ein, hätte am liebsten alles umgekrempelt. Das Dosch-Anwesen und das Nebengebäude des Bäckerwirts waren damals noch so errichtet, dass es nur eine gemeinsame Wand gab. Lange musste Klara Merkl kämpfen, bis der Vater eine eigene Wand errichten ließ und zwei Fenster so einbauen, dass sie zum neuen Straßenniveau passten. Der Kissinger Berg wurde damals erst asphaltiert. Und 1963 dann eröffnete sie das Geschäft.

Ihr Sohn Hans, Spenglermeister und mit 67 jetzt in Rente, riet ihr vor 14 Jahren, als Klaras Mann starb, zuzumachen. Dem stand aber der Ratschlag der Nachbarin entgegen: "Lass doch der Mutter den Laden. Die lebt nimmer lang, wenn Du ihr den nimmst", sagte Annemarie Schlech.

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