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Asylbewerber

29.07.2015

Muslime fühlen sich im Pfarrhof wohl

In Ried lebt eine syrische Familie seit zwei Monaten (oben). „Wenn Problem, dann Siggi fragen“, lautet die Devise der syrischen Familie, die ein enges Vertrauensverhältnis zu Verwaltungsmitarbeiterin Sieglinde Kistler aufgebaut hat (links). Mohmoud hat Spaß an der Gartenarbeit (rechts).
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In Ried lebt eine syrische Familie seit zwei Monaten (oben). „Wenn Problem, dann Siggi fragen“, lautet die Devise der syrischen Familie, die ein enges Vertrauensverhältnis zu Verwaltungsmitarbeiterin Sieglinde Kistler aufgebaut hat (links). Mohmoud hat Spaß an der Gartenarbeit (rechts).

Seit zwei Monaten lebt eine syrische Familie in Ried und erhält viel Unterstützung

Mit seligem Blick schwingt Abdullah auf seiner Schaukel im Garten hinter dem alten Rieder Pfarrhof hin und her. Die gleichförmige Bewegung tut dem Vierjährigen gut, denn er ist Autist und oft sehr unruhig und reizbar. In Ried hat er zusammen mit seiner Mutter und seinem Vater sowie den beiden Schwestern fürs Erste eine neue Bleibe gefunden. In seiner Heimat Syrien hätte er keine Berechtigung zu leben, sagen seine Eltern. Samah und ihr Ehemann Mohmoud sind mit ihm und den beiden Töchtern aus ihrer Heimatstadt Daraa geflohen. Die Stadt südlich von Damaskus wurde inzwischen fast dem Erdboden gleichgemacht.

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Die fünfköpfige Familie war wochenlang zu Fuß unterwegs, sie schliefen unter Brücken und setzten mit einem Schlauchboot von der Türkei nach Griechenland über, um von dort nach Deutschland zu kommen. All dies erfuhren Bürgermeister Erwin Gerstlacher und Verwaltungsmitarbeiterin Sieglinde Kistler bei der Ankunft der Flüchtlinge in Ried durch einen Übersetzer.

Inzwischen sind schon mehr als zwei Monate vergangen und die fünf Syrer haben sich gut eingelebt. Die Kommunikation findet größtenteils zwar immer noch mit Händen und Füßen statt. Doch die Herzlichkeit auf beiden Seiten ersetzt so manche fehlende Vokabel. „Wenn Problem, ich zu Siggi“, lacht Mutter Samah. Vom alten Rieder Pfarrhof muss sie nur über die Straße gehen und schon ist sie im Rathaus. Dort hat Sieglinde Kistler immer ein offenes Ohr für die Belange der Flüchtlingsfamilie.

Muslime fühlen sich im Pfarrhof wohl

Aber auch Erwin Gerstlacher kümmert sich viel. „Einmal hatte sich die Familie ausgesperrt und kam zu mir rüber, damit ich wieder aufschließe“, erzählt er. Er ist froh, dass die Aufnahme der Familie in seiner Gemeinde so reibungslos läuft. Der erste Schritt dazu war das Entgegenkommen der Kirchenverwaltung, die die notwendigen Renovierungsarbeiten im ehemaligen Rieder Pfarrhof übernahmen.

Auch Pfarrer Michael Würth spricht von einer Erfolgsgeschichte, wenn er von der muslimischen Familie in „seinem“ früheren Pfarrhaus erzählt. Natürlich ist es allen bewusst, dass sie mit nur einer Familie im Vergleich zu den Flüchtlingsströmen in anderen Orten im Moment geradezu paradiesische Verhältnisse haben. Aber trotzdem ist es nicht selbstverständlich, dass alles gut zu klappen scheint.

Die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung ist groß. Auch Rieder aus anderen Ortsteilen kümmern sich um die Beschaffung von benötigten Dingen oder bieten ihre Unterstützung an. So hatte Sieglinde Kistler auch nach einem Staubsauger gefragt, da der erste Stock im alten Pfarrhof größtenteils mit Teppichboden ausgelegt ist. Schon am nächsten Tag brachte eine Frau ein Gerät vorbei. Es bestehen wenig Berührungsängste, denn längst hat sich herumgesprochen, dass man im alten Pfarrhof nur klingeln muss und schon wird man freundlich von der Hausfrau zum Kaffeetrinken hereingebeten.

Gerne bieten die Syrer auch landestypische Spezialitäten an. Dazu haben sie im großzügigen Garten vor dem Pfarrhof beispielsweise neben Tomaten, Paprika und Gurken auch Wein zur Zubereitung von gefüllten Weinblättern angepflanzt. Täglich bringt Vater Mohmoud seine zwei Töchter zum Rieder Kinderhaus. Die sechsjährige Rafif geht in den Kindergarten, die siebenjährige Shahd gleich nebenan in die erste Klasse. Sie lernen schnell die Sprache. Zu den Erwachsenen kommt zweimal die Woche die Rieder Abiturientin Julia Helfer ins Haus und gibt Deutschunterricht. Das ist nicht zuletzt auch deshalb eine große Herausforderung, weil Samah lesen und schreiben kann, ihr Mann es aber nie gelernt hat. Um die Situation für beide Seiten gut zu gestalten, ist man übereingekommen, dass Julia im Gegenzug etwas Arabisch lernt.

Mit den ihr zur Verfügung gestellten Fahrrädern besucht die syrische Familie auch gerne andere Landsleute, die seit längerer Zeit in Bachern leben. Trotz aller Hilfsbereitschaft stellt sich bei der Beschaffung von Kleidung die Schwierigkeit, für die zierliche Sabah eine passende Garderobe zu finden. Als gläubige Muslimin trägt sie lange Arm- und Beinkleidung und einen Mantel, wenn sie auf die Straße geht. Kein Problem war es hingegen, als der Wunsch nach einer Schaukel aufkam. „Ich habe das Material besorgt und zwei Handwerker bauten das Ding zusammen“, erklärt Gerstlacher. Im Dorf geht eben viel auf dem „kurzen Dienstweg“.

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