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Aichach-Friedberg

11.10.2019

Nach tödlichen Unfällen: Kurs für E-Biker

Auf dem Friedberger Verkehrsübungsplatz an der Vinzenz-Pallotti-Schule konnten Teilnehmer kostenlos bei einem Fahrsicherheitstraining der Kreisverkehrswacht Aichach-Friedberg Runden mit einem Pedelec drehen. Hermann Schrader (links) war mit seinem eigenen Rad da. Er probierte sich unter den Augen des Experten Wolfgang Hamanns im Slalom.
Bild: Denis Dworatschek

Nach Unfällen mit E-Bikes bietet die Kreisverkehrswacht in Friedberg ein Fahrsicherheitstraining. Teilnehmer berichten von ihren Problemen - und bekommen Tipps.

Hermann Schrader tritt in die Pedale. Gekonnt schlängelt sich der 75-Jährige durch die aufgestellten Hütchen. Alles ohne Anstrengung. Denn Schrader fährt ein Pedelec: ein Fahrrad mit einem Elektromotor. Er ist einer von neun Teilnehmern, die an einem verregneten Nachmittag beim Fahrsicherheitstraining der Kreisverkehrswacht Aichach-Friedberg auf einem E-Bike Runden drehen.

Seit mittlerweile sechs Jahren fährt Schrader ein Pedelec. „Für mich ist es eine Erleichterung“, sagt er. Dabei fahre er nur auf der mittleren Stufe und niemals schneller als 20 Stundenkilometer. Einen Unfall oder Probleme mit dem Rad habe er nie gehabt. Aber: „Es ist schon wichtig, sich mit dem Rad vertraut zu machen“, erklärt Schrader.

Das sehen auch Wolfgang Hamann und Helmut Beck von der Verkehrswacht so. Sie leiten den kostenlosen Kurs am Verkehrsübungsplatz an der Pallotti-Schule. „Wir mussten irgendwas tun“, sagt Beck und spielt auf die schweren Unfälle mit Pedelecs in der vergangenen Monaten an; zwei Menschen waren tödlich verunglückt.

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Er selbst ist pensionierter Polizist und fährt seit drei Jahren E-Bike. „Man muss mit diesen Rädern das Fahrradfahren neu lernen“, erklärt er.

Die erste fahrt mit einem Pedelec, das gemeinhin auch E-Bike genannt wird: Um das höhere Gewicht des Elektrorads durch den Slalomparcours zu lenken, braucht es viel Konzentration. Ein Fahrfehler und schon fällt die Pylone.
Bild: Marcus Merk

Im Kurs geht Hamann anfangs auf die Probleme ein. „Die menschlichen Sinne sind für Geschwindigkeiten zwischen zehn und 22 Stundenkilometern ausgelegt – das Pedelec schafft aber 25“, erklärt er. Als junger Mensch seien die Geschwindigkeiten kein Problem – aber im Alter. „Die Konzentration, Seh- und Hörkraft nehmen ab und auch die Beweglichkeit und Reaktionsschnelle lässt nach“, sagt Hamann. Folglich könne bei höheren Geschwindigkeiten eine Sekunde schnell einen großen Unterschied machen. „Kinder können in einen Bruchteil einer Sekunde reagieren, bei älteren Menschen liegt die Reaktionszeit schon bei 1,5 Sekunden“, erläutert er.

"Der Friedberger Berg ist kein Problem mehr"

Beck und Hamann sind sich im Klaren, dass die Pedelecs praktisch sind. „Die pure Herausforderung, der Friedberger Berg, ist mit dem Pedelec kein Problem mehr“, sagt Beck. Es sei ein tolles Gefühl, wenn man in die Pedale trete und unterstützt werde. Jedoch sei die hohe Geschwindigkeit nicht nur praktisch für Radfahrer. „Andere Verkehrsteilnehmer unterschätzen schnell einen älteren Menschen mit einem solchen Pedelec“, sagt Beck. Da komme es schon einmal vor, dass ein Autofahrer einfach aus einer Ausfahrt fährt, weil er die Geschwindigkeit des Radlers falsch einschätzt. Deshalb rät der Vorsitzende der Kreisverkehrswacht, vorausschauend zu fahren und bremsbereit zu sein.

Beim Seminar gehen die Kursleiter außerdem auf viele grundlegende Dinge wie Verkehrszeichen, toter Winkel und Straßenverkehrsordnung ein. Sehr wichtig ist Beiden, dass ein Helm getragen wird. „Mein Kopf ist das Wichtigste, was wir haben. Also lasst es uns schützen“, sagt Hamann. Nach dem dreiviertelstündigen Theorieteil geht es dann hinaus an die kühle Luft.

Werner Pfundmeir vom gleichnamigen Fahrradladen stellt kostenlos Testräder zur Verfügung und erklärt die Technik, während die Teilnehmer erste Runden drehen. Einige haben ihr eigenes Rad dabei, so wie Schrader. Sie dürfen sich an einem Slalom versuchen und gezielt Bremsen üben.

"Das E-Bike war mir unheimlich"

Und auch Sabine Schröder traut sich an diesem Nachmittag wieder aufs Pedelec. Sie hatte sich schon einmal eines gekauft. „Es war mir aber unheimlich, weil es so schnell beschleunigte und sich anders verhielt“, sagt die 69-Jährige. Hamann kann die Kursteilnehmerin verstehen und erklärt: „Es ist wichtig, bestimmte Dinge wieder zu verinnerlichen und man muss selbst damit üben.“

Beim Pedelec empfiehlt er daher, dass man zunächst „einsteigt“ und erst dann „aufsteigt“. „Einfach über den Sattel springen und losfahren ist nicht“, so der Experte. Das Pedelec verhalte sich anders als ein Fahrrad, da es schon bei der kleinsten Trittbewegung durch den Motor mitbeschleunigt. „Dadurch ist der Wendekreis in Kurven höher“, sagt Hamann. Deshalb lieber nicht treten und in der Kurve rollen lassen. „Und nicht den Motor einschalten, bevor ich aufsteige, sonst fährt das Rad plötzlich los.“

Schröder fand die paar Runden auf dem Pedelec sehr angenehm. Gerne will sie wieder eines haben und gibt zu, dass sie damals einfach übereilt ein Pedelec gekauft habe. Und auch die restlichen Teilnehmer und Kursleiter waren mit dem zweistündigen Kurs zufrieden. „Wir überlegen eine gemeinsame Ausfahrt zu unternehmen, damit die Teilnehmer einmal auf der Straße fahren können“, sagt Hamann. Er ist sich jedenfalls sicher, dass die Pedelecs in Zukunft noch attraktiver werden.

5 Tipps für E-Bike- und Pedelec-Fahrer

  1. Die Experten von der Verkehrswacht empfehlen, erst auf das Rad aufsteigen und dann den Elektromotor einschalten.
  2. Wenn man an einer Kreuzung oder der Ampel anhalten muss, sollten die Füße weg vom Pedal. Schon der kleinste Tritt beschleunigt das Rad.
  3. In Kurven den Motor abschalten oder einfach rollen lassen, andernfalls vergrößert die zusätzliche Beschleunigung den Wendekreis.
  4. Vorausschauend fahren: Andere Verkehrsteilnehmer unterschätzen womöglich die hohe Geschwindigkeit des Pedelecs.
  5. Nie ohne Helm fahren. Jedoch raten die Experten überhaupt nie darauf zu verzichten – ob Pedelec oder Rad.

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