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Natur

03.11.2017

Ohne Glyphosat wird es teurer

Auch im Landkreis Aichach-Friedberg setzen die Landwirte das Pflanzenschutzmittel Glyphosat ein.
Bild: Fotolia

Das Herbizid steht in der Kritik. Noch ist unklar, ob es weiterhin zugelassen wird. Doch hätte ein Verbot wirtschaftliche Folgen – auch für Bauern im Wittelsbacher Land.

Fast die Hälfte der Felder in Deutschland wurde bislang mit Glyphosat besprüht. Neusten Untersuchungen zufolge ist das Herbizid krebserregend. Doch läuft die Erlaubnis um den Einsatz des Pflanzengifts bald aus. Eine Verlängerung der Lizenz steht noch aus. Die Glyphosat-Debatte gewinnt indes auch im Wittelsbacher Land an Brisanz. Würde der Stoff verboten, so ginge der konventionellen Landwirtschaft ein wirksames und günstiges Instrument zur Bodenbearbeitung verloren.

Reinhard Herb, Landwirt und Kreisobmann beim Bayerischen Bauernverband (BBV) Aichach-Friedberg, verfolgt die Entwicklungen mit Spannung. „Bei uns in der Region kommt Glyphosat nicht oft zur Anwendung“, weiß er. Doch sei der Stoff ein wichtiges Mittel im sogenannten Mulchsaatverfahren. „Bevor der Mais angepflanzt wird, wird eine Zwischenfrucht angesät“, erklärt der Sielenbacher. Auf diese Weise bliebe der Boden bewachsen, Erosionen im Acker würden verhindert. Im Frühjahr kommt schließlich das Glyphosat zum Einsatz. „Die Mulchsaat wird abgetötet und der Mais hat optimale Bedingungen, um zu wachsen“, so der Landwirt weiter. Auch Albert Höcherl vom Fachzentrum für Pflanzenbau im Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Augsburg bestätigt: „Glyphosat ist bei uns im Prinzip von untergeordneter Bedeutung.“ Der Wirkstoff komme vor allem in der Stoppelbodenbearbeitung zur Anwendung, um Unkrautprobleme in der vegetationslosen Zeit in den Griff zu bekommen.

Hierzulande versprühen Bauern jährlich 5000 Tonnen des Unkrautvernichtungsmittels auf ihren Flächen. Es ist effizient, preiswert und nahezu überall einsetzbar. Verschwindet es vom Markt, wären die wirtschaftlichen Konsequenzen immens. Experten sprechen von einem Schaden in Milliardenhöhe. Auch Wolfgang Gutmann vom BBV-Kreisverband Aichach-Friedberg moniert: Sollte das Mittel nicht mehr verfügbar sein, hätte der herkömmliche Ackerbau ein Problem. „Glyphosat ist so nicht ersetzbar“, sagt der Geschäftsführer. Alternativen gebe es seines Wissens nicht. „Biobetriebe gehen gegen das Unkrautaufkommen maschinell vor.“ Doch ziehe das höhere Kosten mit sich – für Erzeuger und Verbraucher. Gleichzeitig sei der Verbraucher oft nicht bereit, diesen Preis zu tragen. Landwirt Reinhard Herb vertritt einen vergleichbaren Standpunkt. „Früher hat der Frost die Mulchsaat abgetötet.“ Auf diesen sei heute nicht mehr Verlass. Mechanische Maßnahmen wie das traditionelle Pflügen „zerkleinern, zertrümmern und zerschlagen die Mulchsaat.“ Dazu seien Surrogate zeit- und kostenintensiver, so Herb. Albert Höcherl vom Landwirtschaftsamt prophezeit: „Es werden mehr Bearbeitungsgänge nötig, andere Verfahren werden zunehmen.“ So würden nach Befragungen von Landwirten geschätzt etwa 180000 Tonnen Diesel deutschlandweit mehr verbraucht. Resistenzen auf dem Acker nähmen zu.

Der Gebrauch von Glyphosat gilt nicht erst seit gestern als umstritten. Immer wieder bescheinigen Organisationen wie die Internationale Agentur für Krebsforschung im März 2015 dem Stoff eine potenzielle gesundheitsgefährdende Wirkung. Nun hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Herbizid abermals als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft. Umweltschützer machen das Unkrautvernichtungsmittel ohnehin für den rasanten Artenschwund verantwortlich. „Die Vogelwelt der Wiesen- und Feldflure ist die gefährdetste in ganz Deutschland“, sagt Dr. Hans Günter Goldscheider, stellvertretender Kreisleiter des Landesverbunds für Vogelschutz (LBV). Als Ursachen lägen die Landwirtschaft und ihre Methoden nahe, denkt der Vogelexperte. So benötigten Jungvögel Insekten als wichtige Eiweißquelle. Die würden aber durch den Einsatz von Pestiziden wie Glyphosat drastisch reduziert. „Wir müssen mehr auf die Biologie der Umwelt achten als auf die Optimierung der Landwirtschaft“, fordert er. LBV-Kreisvorsitzender Gustav Herzog findet ebenso klare Worte: „Glyphosat ist ein Gift.“ Es müsse aus der Landwirtschaft verbannt werden – und zwar sofort.

Wolfgang Gutmann vom BBV betrachtet etwaige Studien wie die der WHO mit Skepsis: „Die Institute konnten nicht endgültig beweisen, ob eine krebserregende Substanz vorliegt.“ Ähnlich kritisch sieht es BBV-Kreisobmann Herb. „Alle Institute schätzen das Risiko als gering ein. Trotzdem vertraut man nicht darauf“, klagt der Landwirt. Der Glyphosat-Debatte fehle die sachliche Grundlage. „Sie ist zu einem Machtkampf geworden.“ Dass die Diskussion emotional wird, beobachtet auch Albert Höcherl vom Landwirtschaftsamt. Er plädiert für eine Beachtung der Faktenlage: „Im Vergleich zu anderen chemischen Daten ist der Wirkstoff wenig besorgniserregend.“ Glyphosat sei in seiner Giftigkeit niedrig anzusiedeln, schnell abbaubar und wirke nur für kurze Zeit. „Das ist ein Vorteil“, so der Experte. Dazu unterliege das Mittel hohen Prüfstandards. „Wenn solche Wirkstoffe von Sachkundigen richtig und verantwortungsvoll eingesetzt werden, sind sie sicher.“ Bald läuft die aktuelle Erlaubnis aus. Das EU-Parlament strebt ein völliges Verbot des Stoffes bis 2022 an. Wird man sich bis Jahresende nicht verständigen können, dürfte das Pflanzengift nur in den darauffolgenden sechs Monaten verkauft und binnen eines weiteren Jahres verwendet werden. Die nächste Debatte ist für den 9. November geplant. 

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