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Aufführung in Friedberg

19.11.2018

Schwere Kost mit leichten Liedern im Friedberger Schloss

Der Dramatiker Ernst Toller ist die Hauptfigur im aktuellen Stück der Theaterwerkstatt Augsburg, das dieses im Friedberger Schloss zeigte.
Bild: Daniel Weber

Die Theaterwerkstatt Augsburg erweckt im Friedberger Schloss den Dramatiker Ernst Toller wieder zum Leben. Er steht vor den Trümmern seines Lebens.

Die Verzweiflung war dem Publikum schon gegenwärtig, bevor das Stück begann. Koffer, eine Schreibmaschine und ein Sessel standen auf der Bühne. Dazwischen, achtlos über den Boden verstreut: Ordner, Bücher und Zeitungen. Eine halb leere Flasche Alkohol nebst Glas sprach für sich.

Im so gestalteten Hotelzimmer stand Ernst Toller vor den Trümmern seines Lebens. Der Erste Weltkrieg, die Bayerische Revolution samt blutiger Gegenrevolution, nun hatten die Nazis das Sagen – zu viel Gewalt hatte der Pazifist erlebt, den Matthias Klösel von der Theaterwerkstatt Augsburg den Zuschauern präsentierte. Auch privat stand er 1939 vor einer Ruine: Das Geld war aus, die Frau hatte ihn verlassen, wegen seiner jüdischen Herkunft musste er aus Deutschland nach Amerika fliehen.

Tragik fesselt die Zuschauer im Rittersaal des Schlosses

In seinem Zimmer erinnerte sich Toller an die Stationen seines Lebens, an viele Höhen und Tiefen. In den Ersten Weltkrieg zog er begeistert, fühlte sich ganz als Deutscher. Doch das sinnlose Töten verändert seine Perspektive. „Ein Jude bin ich mit einer kriegsgeschädigten deutschen Seele“, kommentierte er trocken. Der Titel „Hoppla, wir leben!“ ließ Ausgelassenheit und Scherz vermuten. Das Einpersonenstück fesselte das Publikum im Rittersaal des Friedberger Schlosses stattdessen mit seiner Tragik. Klösel spielte die Rolle des am Boden zerstörten Toller sehr überzeugend, rief die Aufbruchsstimmung der Revolution herbei und die tiefe Niedergeschlagenheit, als das vielversprechende Gesellschaftsexperiment misslang.

Die Bayerische Revolution im Jahre 1918 förderte er mit vollem Einsatz, aus dem Königreich Bayern wurde ein Freistaat. Toller war selbst ein Führer der neuen Räterepublik und sah seinen Traum von der Selbstverwaltung der Menschen ohne Staat und Kapitalismus fast erfüllt. Doch dann musste er zusehen, wie alles an der Gegenrevolution wieder zugrunde ging. Für Toller bedeutete das fünf Jahre Festungshaft. Und allen seinen Warnungen zum Trotz laufen die Menschen Hitler hinterher. „Falsche Propheten haben Konjunktur“, klagte der Dramatiker. Einer Enttäuschung folge die nächste.

Amüsante Lieder schließen den Abend

Das Publikum musste sich jedoch nicht mit tristen Gedanken auf den Heimweg machen, denn Klösel schloss den Abend mit einigen teils amüsanten Liedern aus der Feder von Erich Mühsam, einem Zeitgenossen Tollers. Tom Gratza begleitete den Schauspieler am Flügel. Sowohl das Theater als auch der musikalische Part wurden mit großem Applaus belohnt.

Die Aufführung ist Teil einer ganzen Reihe von Projekten rund um die Anfänge des Freistaates Bayern vor 100 Jahren mit dem Namen „Rote Fahnen über Augsburg. Revolution und Räterepublik in Bayern 1918/19“. Die Veranstaltungen finden bis Mitte Januar statt. „Hoppla, wir leben!“ wird noch mehrmals zu sehen sein, das nächste Mal am Samstag, 24. November, im City Club in Augsburg.

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