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Friedberg

23.03.2016

Sie ziehen an Glockenseilen wie Quasimodo

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2 Bilder
In der alten Derchinger Kirche läutet Mesnerin Monika Lechner beide Glocken.
Bild: Andreas Schmidt

Auch Schulbuben und eine Frau erledigen das Läuten in Handarbeit. In Derching hebt die Mesnerin schon mal ab.

Am Karfreitag schweigen die katholischen Kirchenglocken. Damit haben die Glöckner dieser Kirchen Ruh. Üblicherweise haben die Nachfolger des berühmten Quasimodo von der Pariser Kathedrale Notre-Dame aber eh nicht mehr allzu viel zu tun. Die meisten Kirchenglocken werden längst mit Elektromotoren angetrieben. Dann genügt ein Knopfdruck des Mesners, um das Geläut zu starten. Doch ganz ausgestorben sind die Glöckner noch nicht, die am Glockenseil ziehen. Zumindest vereinzelt ist dies noch Handarbeit in kleineren Kirchen oder Kapellen. Diese Glöckner sehen aber ganz anders aus als der Bucklige von Notre-Dame.

Ein Jungspund ist Benedikt Ottmann. Der Fünftklässler ist erst elf Jahre alt und läutet doch schon seit drei Jahren in St. Stephan in Friedberg-Süd. Am Anfang wurde für ihn sogar extra das Seil verlängert, das oben auf der Empore von der Decke herabhängt. „Ich darf glöcknern“, sagt Benedikt. Eigentlich ist das auch dort eine Aufgabe der Mesner. In St. Stephan sind diese gleich zu viert. Und zu dem Team zählt auch Benedikts Mutter Anita Ottmann. Sie überlässt das Läuten ihrem Sohn, wenn sie Dienst hat. So ruft zuweilen ein Schulbub mit dem Geläut zum Gottesdienst nach St. Stephan – mit einer Glocke. „Wenn es mehrere wären, würde es die Anwohner aus dem Bett lupfen“, meint Anita Ottmann.

Etwas Kraft ist nötig

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Benedikt läutet den Gottesdienst zweimal ein. „Solange ich Lust habe“, sagt der Elfjährige. Er schätzt, gut eine Minute lang. Wichtig ist es, die Spannung im Seil zu halten. Und das kann auf Dauer durchaus anstrengend sein, wie Benedikt vorführt. Auch um das Geläut zu stoppen, ist Kraft erforderlich.

Enkel läutet Glocke seines Opas

Ein anderer Benedikt läutet in St. Stephan ähnlich lange wie sein Namensvetter. Beim heute 16-jährigen Ministranten Benedikt Greppmair spielte dabei seine Verwandtschaft eine Rolle. Sein Großonkel Hugo Fendt kümmert sich seit Längerem um die Glocke von St. Stephan und fragte Benedikt, ob er läuten wolle. Die Glocke hatte Hugo Fendts Bruder, der verstorbene Friedberger Ehrenbürger Georg (Schorsch) Fendt, zusammen mit seiner Frau Erna in den 1970er-Jahren gestiftet. Die alte Vorgängerglocke habe furchtbar gescheppert, weil sie einen Sprung hatte, erzählt der 80-jährige Hugo Fendt und sagt: „Das konnte der Schorsch nicht mehr hören.“ Somit läutet mit Benedikt Greppmair inzwischen auch ein Enkel des Glockenstifters. Das Glöcknern hat sich Benedikt Greppmair selber beigebracht. „Ich habe es einfach ausprobiert“, sagt der 16-Jährige. Wenn man es einmal heraus habe, bekomme man ein Gefühl für das Läuten.

Einer Glocke drohte das Einschmelzen

Dass zwei Glocken gut zusammenklingen, beachtet Monika Lechner, wenn sie in der alten Derchinger Dorfkirche St. Sebastian läutet. Seit 25 Jahren ist sie Mesnerin in der Derchinger Pfarrei. Gelegenheit, in der Dorfkirche wieder zu läuten, hat sie seit der Wiedereinweihung 2002 nach einer umfangreichen Renovierung. Dass die gut 300 Jahre alte Marienglocke immer noch zu hören ist, ist keineswegs selbstverständlich. Wiederholt drohte ihr das Schicksal, eingeschmolzen zu werden. Die zweite Glocke wurde 1997 gegossen. Sie heißt Martinsglocke nach ihrem Stifter, dem verstorbenen Derchinger Altbürgermeister Martin Lindermeir. Bis 1963 hingen sogar drei Glocken in dem alten Kirchturm, weiß Leonhard Knauer vom Derchinger Heimatkundeverein. Doch seit 1965 läutet die dem heiligen Florian geweihte größte Glocke der alten Kirche zusammen mit drei neuen Glocken in der neuen Marienkirche.

Damit sich auch in der alten Kirche „Maria“ und „Martin“ schön zusammen anhören, gilt es, die Glockenseile im richtigen Rhythmus zu ziehen. Würde es Monika Lechner verkehrt machen, bekäme sie es von ihrem Mann Wilhelm zu hören. „Der war früher Ministrant“, sagt die Mesnerin.

Gerne zeigt sie es den Ministranten, wie es geht. Dazu zählt auch, wie man das Geläut stoppt, indem man sich an dem Glockenseil festhält. Dann hebt der jeweilige Glöckner für einen kurzen Moment ab. Monika Lechner führt es vor und schmunzelt. Manchmal kann es richtig Spaß machen, Glöcknerin zu sein – anders als bei Quasimodo.

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