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Psychiatrietage

09.03.2015

So normal wie ein Beinbruch

Sie eröffneten die Psychiatrietage im Landkreis Aichach-Friedberg: (von links) Beate Ragnit, Eleonore Broitzmann, Xaver Deniffel und Gerd Schulze. Foto: Brigitte Glas

Veranstalter werben für einen achtsamen Umgang mit den Patienten. Die Referenten berichten, welchen Vorteil Betroffene und Angehörige davon haben

„Achtsamkeit und Psychiatrie“ lautet das Motto der 9. Psychiatrietage im Landkreis. Dass dieses Thema auf großes Interesse stößt, zeigte schon die Eröffnungsveranstaltung im voll besetzten Friedberger Pfarrzentrum. Eleonore Broitzmann, die Zweite Vorsitzende des Vereins „Kennen und Verstehen“, sah dies auch als Gradmesser der Wertschätzung für den Veranstalter, der sich zur Aufgabe gemacht hat, die Bevölkerung aufzuklären und das Verständnis für psychisch Kranke und deren Situation zu fördern. „Wir sollten Vorurteile als eigene Ängste identifizieren“, sagte Broitzmann, es liege bei jedem, sich so zu verhalten, dass es zu keiner Ausgrenzung komme. Irgendwann solle es so weit kommen, dass eine psychische Erkrankung so normal wie ein Beinbruch sei.

Sie räumte allerdings auch ein, dass „Kennen und Verstehen“ längst nicht alle Ziele erreicht habe. Die seit Langem geforderte Tagesklinik im Landkreis sei bis heute nicht verwirklicht. Auch Friedbergs Dritte Bürgermeisterin Martha Reißner bezeichnete die Tagesklinik als „wünschenswert“. Achtsam miteinander umzugehen, sollte nicht nur ein Wunsch sein. Bezirkstagsvizepräsident Wolfgang Bähner schätzte psychische Gesundheit als wertvolles Gut ein und betonte, dass auch immer Wissen und Erfahrung von Betroffenen in die Therapie einfließen müssten. „Der Landkreis schätzt die Leistung von ,Kennen und Verstehen‘ unglaublich hoch ein“, sagte Landratsstellvertreter Manfred Losinger, er wisse aus eigener Erfahrung, wie schwer man sich mit psychisch Kranken tue.

Beate Ragnit vom Landesverband der Angehörigen psychisch Kranker befürwortete die eigene Achtsamkeit der Angehörigen, da diese größten Belastungen ausgesetzt seien. Sie sollten „das eigene Leben in Balance halten“. Achtsamkeit ist per Definition eine bestimmte Form der Aufmerksamkeit, die absichtsvoll ist, sich nur auf den Moment bezieht und nicht wertet. Xaver Deniffel vom Landesverband Psychiatrie-Erfahrener bezeichnete sie darüber hinaus als den ersten Schritt, mit jemand in Kontakt zu treten: „Fünf Sinne bedeuten fünf Wahrnehmungen und fünfmal Kontakt.“

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Der Festvortrag zum Thema „Entdeckung der Achtsamkeit als innere Haltung und für die Zusammenarbeit mit psychisch kranken Menschen“ konnte nicht wie geplant gehalten werden, da der Referent Achim Donat der Grippewelle zum Opfer gefallen war. Gerd Schulze, der Vorsitzende von „Kennen und Verstehen“, hatte auf der Basis des Redemanuskripts einen eigenen Vortrag erarbeitet. Er wollte nicht nur vorlesen. In zehn Punkten erläuterte er die Vorteile der Achtsamkeit und kam zu folgendem Fazit: „Achtsame Haltung ermöglicht aus der aufmerksamen Distanz ein aktives Umgehen mit belastenden Erfahrungen. Gerade in der Begleitung psychisch kranker Menschen gilt es, den Wert von Langsamkeit wiederzuentdecken, Prozessen Zeit zu lassen und wo nötig, auch Umwege zuzulassen.“

Für die musikalische Umrahmung hatten sich drei Herren zusammengefunden: Thomas Deisenhofer (Klarinette), Erwin Bier (Kontrabass) und Christian Küster (Gitarre). Die Psychiatrietage gehen weiter am heutigen Montag, um 19.30 Uhr. Im Cineplex-Kino in Aichach wird der Film „Suicide Club“ gezeigt. Ein beteiligter Schauspieler und eine Psychiatrie-Patientin diskutieren anschließend mit dem Publikum.

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