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Friedberg

26.03.2019

So sieht der neue Chefarzt die Chancen der Geburtshilfe

Dr. Siegbert Mersdorf wird Chefarzt für Gynäkologie und Geburtshilfe in Friedberg.
Bild: Andreas Schmidt

Dr. Siegbert Mersdorf fängt am 1. Mai am Krankenhaus Friedberg an. Er setzt auf Zusammenarbeit. Denn es droht die Abwanderung der Hebammen.

Gerade hatten Dr. Siegbert Mersdorf und seine Frau ein altes Feuerwehrauto zum Wohnmobil umgebaut und schmiedeten Pläne. Schließlich wird der Gynäkologe, der zurzeit am Sana-Klinikum Hof beschäftigt ist, im Mai 66 Jahre alt. Da ereilte ihn der Hilferuf aus Friedberg.

Mersdorf disponierte um und tritt am 1. Mai als Chefarzt für Gynäkologie und Geburtshilfe an. Der Werkausschuss der Kliniken an der Paar stimmte dem am Montag zu. Im April wird es voraussichtlich keine Geburtshilfe in Friedberg geben; die Belegärzte können die Rufbereitschaft nicht abdecken. Auch Mersdorf, der in Hof gebunden ist, kann nicht früher antreten.

Mersdorf war bis 2017 als Frauenarzt in Friedberg tätig

In die Gespräche mit der Uniklinik, die nach Wunsch des Landkreises die Geburtshilfe ab 2020 ganz übernehmen soll, wird er aber bereits eingebunden. Im Mai soll der Friedberger, der von 1998 bis 2017 hier als niedergelassener Arzt tätig war und auch Belegbetten im Krankenhaus hatte, mit einem kleinen Team starten. Bis zu vier Fachärzte seien vorläufig nötig, um den Dienst – 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche – zusammen mit Belegärzten abzudecken, hatte Dr. Krzysztof Kazmierczak, Geschäftsführer der Kliniken an der Paar, im Werkausschuss erläutert. (Wir berichteten bereits über die Sitzung.)

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Die Personalfrage gilt als großes Problem; es herrscht Mangel an Gynäkologen. Mersdorf bringt, wie er unserer Redaktion sagte, daher gleich selber einen Kollegen aus Hof mit. Weitere Mediziner wollen die Kliniken über Personalagenturen suchen. Langfristig soll die Station mindestens zehn Ärzte haben, darunter einen Neonatologen, der sich mit Neugeborenenmedizin und -vorsorge beschäftigt. Das ist Standard der Uniklinik.

Mersdorf sieht sich als „Interims-Chefarzt“, wie er betont. Er freue sich, helfen zu können. „Friedberg war schon immer eine schöne, familiäre Geburtsklinik“, sagt er. Man müsse miteinander alles versuchen, sie zu retten.

Der Friedberger setzt auf gute Zusammenarbeit mit der Uniklinik Augsburg

Sobald die Uniklinik übernimmt, werde es wohl personell eine andere Lösung geben. Er setze auf gute Zusammenarbeit, auch mit der Uniklinik und dem dem neuen Leiter der Frauenklinik dort, Prof. Christian Dannecker, den er bereits kennt. Auch in die Gespräche mit den Hebammen, die sich Sorgen um ihre künftigen Arbeitsverhältnisse machen, wird er eingebunden sein.

Die Kliniken hatten Hebammen angeboten, sie ab April anzustellen, damit sie keinen Einkommensverlust erleiden. Nach Mitteilung von Landrat Klaus Metzger hat der Werkausschuss in nichtöffentlicher Sitzung beschlossen, Hebammen, die sich für ein Angestelltenverhältnis entscheiden, bei Vorliegen der tariflichen Voraussetzungen eine Zulage zu gewähren. Die Hebammen wollen aber lieber freiberuflich arbeiten, weil das in der Arbeitsgestaltung und finanziell vorteilhafter sei, hatten sie in der Sitzung gesagt.

Die Probleme der Hebammen

Mersdorf zeigt Verständnis: „Es ist wichtig, dass die Hebammen nicht weggehen. Viele von ihnen sind junge Frauen, sie wollen Geld verdienen.“ In Hof gebe es eine ärztliche Hauptabteilung mit Beleghebammen. Das funktioniere dort und andernorts gut.

In Friedberg sind zehn Beleghebammen tätig, die Hälfte schließt laut Christine Schack, die sich im Werkausschuss zu Wort meldete, eine Festanstellung prinzipiell aus. Landkreisweit gibt es insgesamt über 50 Hebammen. Man habe alle angeschrieben und Stellenanzeigen in diversen (Fach-)Medien veröffentlicht, berichtete Kazmierczak.

Eindringlich versicherte Landrat Metzger, man werde versuchen, alle Beschäftigungsverhältnisse für Hebammen möglich zu machen: fest angestellt, freiberuflich oder gemischt. Trotzdem haben die Frauen das Gefühl, die Verantwortlichen setzen sich nicht ausreichend mit ihnen auseinander und fühlen sich nicht gut informiert. Eine Kinderkrankenschwester sagte in der Sitzung: „Wenn sich das alles noch lange verzögert, gehen die Hebammen – und wir auch.“

Die Resonanz sei sehr überschaubar geblieben. Eine Kinderkrankenschwester sagte in der Sitzung: „Wenn sich das alles noch lange verzögert, gehen die Hebammen – und wir auch.“

Kreisrat Richard Scharold (CSU) appellierte an allen Beteiligten, an einem Strang zu ziehen, um die Geburtshilfe in Friedberg zu retten. „Wir haben nur diese Chance!“ Dies auch sagte er auch mit Blick auf Aichachs Bürgermeister Klaus Habermann (SPD), der Befürchtungen hegte, wenn es in Friedberg eine Hauptabteilung mit 1000 Geburten im Jahr gebe, würde für Aichach nichts mehr bleiben. Eine Chance und einen Qualitätsschub durch die Uniklinik sieht auch Renate Magoley (FW). Sie meinte rückblickend: „Ich hatte gehofft, wir können alle zusammenarbeiten, um den April zu überbrücken.“ Doch das sei wohl gescheitert, auch wegen „einer Primadonnenhaltung – wobei sich der Begriff nicht auf Frauen bezieht“.

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