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06.07.2010

Tonnenschweres Problem

Augsburg/Region Karla Ebert-Linzen hat Glück. Sie sitzt auf einem Stuhl und den gibt sie nicht mehr her. "Ich bleibe hier sitzen bis der Zug kommt," erklärt die resolute Dame aus Düsseldorf. Das kann dauern. Schauplatz Oberhauser Bahnhof gestern Nachmittag: Am zweiten Tag nach dem Güterzug-unfall auf der Strecke zwischen Hauptbahnhof und Oberhausen gleicht der in die Jahre gekommene Vorstadtbahnhof einem Taubenschlag. Gestresste Bahnmitarbeiter blättern in Fahrplänen, bedrängt von ratlosen Reisenden, die wissen wollen, wie sie weiter kommen.

An die 40 000 Zugpassagiere werden täglich am Augsburger Hauptbahnhof abgefertigt, gestern landete ein Großteil von ihnen unfreiwillig in Oberhausen. Dort wird es auch heute wieder eng werden. Gestern, am späten Nachmittag, gab die Bahn bekannt, dass die Regionalzüge von Donauwörth über Augsburg nach München (und Gegenrichtung) zwischen Hauptbahnhof und Oberhausen auch heute durch Busse ersetzt werden. Ursache scheint vor allem die schwierige Bergung der havarierten Güterwaggons zu sein.

Ein Waggon kippte um

In der Nacht zum Sonntag war in Höhe der Ecke Stadtjäger-/Dammstraße in Augsburg ein Güterzug auf dem Weg von Österreich nach Polen entgleist. Fünf von 16 Waggons sprangen aus den Schienen, einer kippte um. Die viel befahrene Bahnstrecke ist auf einer Strecke von 500 Metern beschädigt, doch die Reparaturtrupps kommen nur langsam voran. Gestern Nachmittag noch saßen die Waggons an der Unglücksstelle fest - und die müssen zuallererst weg.

Tonnenschweres Problem

Dass deren Bergung ein schweres und vor allem langwieriges Stück Arbeit ist, hatte sich um die Mittagszeit abgezeichnet. Mit einem Eingeständnis, das Tausenden ihrer Kunden die Planungen erleichtern würde, tat sich die Deutsche Bahn schwer. Lange bestätigte das Unternehmen Betriebsstörungen nur für den gestrigen Dienstag.

Jeder der Waggons ist mit 55 Tonnen Marmormehl beladen. Die Werksfeuerwehr des Gersthofer Industrieparks muss die zähe Flüssigkeit erst mühsam abpumpen - der Einsatz von Kränen ist wegen der Oberleitungen schwierig. Dabei hätte es noch schlimmer kommen können: Nur etwa 100 Meter von der Unglücksstelle entfernt verläuft die Bahnbrücke über die Holzbachstraße: Ein Unglück an dieser Stelle hätte den Zugverkehr noch wesentlich schlimmer beeinträchtigt.

Genervte Kunden

Vielen Bahnkunden reichte es gestern so schon. Zwar hatte das Unternehmen im Laufe der Nacht zum Montag ein blockiertes Gleis mühsam frei geräumt, sodass Regionalzüge von Ulm über Dinkelscherben und Augsburg nach München, ebenso wie der "Allgäu-Frankenexpress" nach Nürnberg wieder normal verkehren konnten. Aber die Regionalzüge von Donauwörth Richtung München endeten in Oberhausen, in der Gegenrichtung war am Hauptbahnhof Schluss. Pendelbusse sollten die Lücke schließen. Alle Fernzüge wurden über den Rangierbahnhof am Hauptbahnhof vorbei geleitet und machten in Oberhausen Station.

Wer umsteigen wollte, musste eilends mit Ersatzbussen zum Hauptbahnhof zurück. Die Folge waren überfüllte Züge und massive Verspätungen, die Deutsche Bahn sprach von Verzögerungen von bis zu einer Stunde, einzelne Regionalzüge fielen sogar komplett aus.

Was da auf sie zukommt, scheinen viele Bahnreisende nicht geahnt zu haben. Eine Kundin, die von München nach Schwabmünchen fuhr, berichtet von zahlreichen genervten Mitreisenden, die aus vollem Herzen über die Bahn wegen deren Informationspolitik schimpften. Sie habe zwar von dem Güterzugunfall gewusst, nachdem es am Montagmorgen keine Warnungen an den Bahnsteigen in München gab, aber angenommen, dass die Probleme behoben seien, so die Münchnerin. In die gleiche Kerbe schlägt Marcus Willauer aus Mering: "Besonders ärgerlich war, dass es in München Pasing zu dem Vorgang keinerlei Hinweise oder Durchsagen gab."

So wurden auch am Gersthofer Bahnhalt - ob seines erbarmungswürdigen Zustands in der ganzen Region bekannt - versprengte Bahnreisende gesichtet, die nicht mehr weiter wussten. Ein paar Kilometer weiter, am "Aushilfshauptbahnhof" in Oberhausen, quälten sich derweil Reisende mit Koffern, Taschen und Kartons treppauf, treppab und umlagerten jeden Bahnmitarbeiter, dessen sie gewahr wurden. "Ich habe hier noch keine Durchsage gehört, gar nichts," ärgerte sich Karla Ebert-Linzen aus Düsseldorf. Aber sie hatte ja - wie gesagt - wenigstens einen Stuhl, auf dem sich das Warten auf den Zug nach Düsseldorf halbwegs bequem aussitzen ließ.

Unklar ist nach wie vor die Ursache für den Güterzugunfall. Ein Sprecher der für die Bahn zuständigen Bundespolizei in Augsburg schloss gestern Sabotage aus und tippte auf einen technischen Defekt. Doch ob nun die Gleisanlagen oder die aus Österreich stammenden Waggons ihren Dienst versagten, darüber könne man nur spekulieren.

Denn die mit den Untersuchungen betrauten Experten von Polizei und Eisenbahnbundesamt müssen ebenso wie Tausende Bahnreisende warten. Warten, bis die havarierten Waggons endlich von der Unglücksstelle entfernt worden sind.

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