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Ausstellung in Ried

31.10.2016

Totenbräuche aus alter Zeit

Zenzi und Joachim Döringer (rechts) sowie Anni Drexl wohnen auf dem Hof in Glon, aus dem das Totenbrett stammt.
Bild: Heike John

Per Zufall stieß der Archivar Jürgen Bode auf ein Totenbrett aus Glon bei Baindlkirch. In der von ihm gestalteten Ausstellung erfährt man auch, was ein „Beda“ ist.

Allerseelen, Volkstrauertag, Totensonntag – der November ist voller Gedenktage an die Verstorbenen. Und so passt die neue Ausstellung im Rieder Rathaus, die sich mit der Bestattungskultur früherer Tage befasst, hervorragend in diese Zeit. Für etwa ein halbes Jahr sind in der Vitrine im Foyer Rosenkränze, ein Versehgarnitur und alte Messbücher ausgestellt.

Herzstück der kleinen Ausstellung, die im Detail auch in ausführlichen Texten und Bildern beschrieben wird, ist jedoch das Totenbrett aus Glon. „Zum Andenken der ehrsamen Magdalena Robeller Bäurin von Glon, geb. den 17 Juli 1997, gestorben am 31 Jäner 1848“ steht auf dem schmalen Brett, das an seiner Spitze in ein Kreuz ausläuft. In einer Zeit, als es noch keine Särge gab und in den noch weitgehend unerschlossenen Dörfern weder ein Leichenwagen vorfuhr, noch ein Friedhof oder eine Kapelle mit Aussegnungshalle existierte, war das Totenbrett gängiger Brauch, wie Jürgen Bode dem Publikum bei der Ausstellungseröffnung erklärte.

Auf das schmale, zunächst noch unbehandelte Holzbrett wurde der Verstorbene gelegt und festgebunden und mehrere Tage konnten Freunde, Verwandte und Nachbarn Abschied nehmen. Nicht selten dienten lediglich zwei Stühle als Unterlage. Nach rund drei Tagen kam die Einmacherin und nähte den Verstorbenen in ein Leinentuch ein. Auf dem Brett wurde er zum Grab getragen und man ließ ihn dann vorsichtig herunterrutschen.

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Das Sterben nannte man umgangssprachlich deshalb auch „aufs Brett kommen“ oder „vom Brett rutschen“. Erst danach wurden die Totenbretter in der Regel künstlerisch bearbeitet. Aus dem echten Totenbrett wurde anschließend das Totengedenkbrett, vom Dorfschreiner bearbeitet und von einem Stol-Maler farbig gefasst.

Diese Details des heutzutage schon fast vergessenen Brauchs brachte Archivar Jürgen Bode bei seinen Recherchen ans Licht. Gleich nach Entdecken des Totenbretts von Glon fuhr er zusammen mit seinem Freund Horst Nemetz in den Bayerischen Wald, wo der Brauch in Form von schön gestalteten Erinnerungsbrettern noch gepflegt wird. All dies hat er fotografisch festgehalten und in Fotos und Texten an der Wand hinter der Vitrine dokumentiert. Gehbehinderte, die nicht mehr so lange stehen können, haben die Möglichkeit, an einem separaten Sitzplatz alle Unterlagen einzusehen. Magdalena Robeller, der das Totenbrett gewidmet ist, hatte wohl kein leichtes Leben, mutmaßt Bode.

Im Rahmen der Ausstellung recherchierte er auch über die Zeitumstände, in denen die Bäuerin von Glon lebte. Zur Eröffnung der Ausstellung kam auch Anni Drexl, die Frau des früheren Rieder Bürgermeisters Anton Drexl, die nun auf dem genannten Hof in Glon nun wohnt. Aber weder sie noch ihre ebenfalls dort lebende Schwägerin Zenzi Döringer samt Ehemann Joachim haben je von einer gewissen Magdalena Robeller gehört, noch ist ihnen der Brauch der Totenbretter geläufig. Interessiert betrachteten sie die Exponate in der Vitrine, zu denen auch eine Versehgarnitur zur letzten Ölung sowie Gebetbücher, Handkreuze und Rosenkränze gehören. Diese nannte man in Rieder Mundart einfach „Beda“, weil mit ihnen in der Hand intensiv gebetet wurde. All dies hat Jürgen Bode aus Leihgaben zusammengetragen. Manche einem der Besucher kamen die Totenbretter doch irgendwie bekannt vor. Vor Sielenbach beispielsweise sind einige davon in der Nähe der Kreuzigungsgruppe aufgestellt.

Geöffnet Die Ausstellung „Das Totenbrett aus Glon“ läuft bis Ende April 2017 und kann zu den Öffnungszeiten des Rieder Rathauses besichtigt werden: Montag, Dienstag und Freitag von 8 bis 12 Uhr und Donnerstag von 14 bis 18 Uhr.

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