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Krankheit

15.10.2017

Überall Depressionen?

Zwischen Lebkuchen und Tiefkühlpizza hängen sie: Porträts depressiver Menschen, die der Aichacher Fotograf Alexander Andres von ihnen angefertigt hat.
Bild: Elisa Glöckner

Immer mehr Menschen leiden unter psychischen Erkrankungen. Nun widmet sich eine Ausstellung im Friedberger Supermarkt dem Thema. Was die Kunden davon halten.

Sorgsam geschlichtete Konserven, frisches Obst, knackiges Gemüse: Supermärkte stehen für unbeschwerten Konsum. Michael Wollny bricht damit. Seit kurzem sind in seiner Edeka-Filiale Werke von Alexander Andres zu sehen. Der Fotograf aus Aichach hat Menschen in depressiven Phasen fotografiert. Das Resultat auf seinen Bilden ist trist, oft wütend, manchmal melancholisch – und immer persönlich. Eindrücke, die in den Edeka-Kosmos so nicht zu passen scheinen.

Depressionen sind hierzulande keine Seltenheit. Etwa jeder fünfte Deutsche leidet einmal in seinem Leben darunter. Dr. Michael Hennig vom Gesundheitsamt erklärt: „Man unterscheidet Depressionen in unterschiedliche Schweregrade.“ Auch unterliege die Krankheit jahreszeitlichen Schwankungen. Gerade in den Herbstmonaten scheine es mehr depressive Gefühle zu geben, so Hennig weiter.

Seinem Kenntnisstand zufolge nehmen psychische Erkrankungen zu – sowohl bundes- als auch bayernweit. Wie viele Betroffene tatsächlich in der Region mit Depressionen leben, sei aber schwierig zu beziffern. „Im Gegensatz zu Infektionskrankheiten gibt es bei psychischen Erkrankungen keine Meldepflicht.“

Lange Wartezeiten erschweren eine schnelle Behandlung

Dr. Thomas Reinertshofer von den Bezirkskliniken Schwaben in Augsburg glaubt nicht, dass die Zahl depressiver Erkrankungen steigt. Dass dennoch das Gefühl einer solchen Entwicklung existiert, ist seiner Ansicht nach zum Teil auf besser geschulte Hausärzte zurückzuführen. „Nicht die Erscheinung nimmt zu, sondern die Diagnose wird schneller und besser gestellt“, erklärt der Oberarzt. Gleichzeitig würden die Symptome zunehmend auch von Männern geschildert. „Inzwischen ,outen’ sie sich häufiger.“

Laut Reinertshofer reicht eine psychotherapeutische Behandlung im Fall schwerer Depressionen nicht mehr aus. „Man braucht einen Psychiater“, so der Mediziner. Doch kämpfen viele Nervenärzte mit überlaufenen Wartezimmern. „Es kann sein, dass man rund drei Monate auf einen Termin warten muss.“

Ein vergleichbares Bild zeichnet sich im Bereich der Psychotherapie ab. „Hier sind die Wartezeiten für eine Behandlung teilweise noch länger – bis zu einem halben Jahr.“ Für die Patienten sei das frustrierend. Aus Sicht von Medizinern müssten von 450000 Einwohnern im Raum Augsburg etwa 10000 bis 15000 behandelt werden. Den Bezirkskliniken in Augsburg stehe dafür eine Station mit 22 Plätzen zur Verfügung, sagt Reinertshofer. Ein Anbau verspricht aber Besserung.

Mangel an Psychotherapeuten

Ähnlich schlecht steht es um Hilfsangebote im Landkreis Aichach-Friedberg. „Die Situation ist traurig“, räumt Michael Hennig vom Gesundheitsamt ein. „Die Zahl an Psychotherapeuten und Psychiatern ist dünn gesät.“ In Kissing bietet Erika Breimeir Psychotherapie auf Heilpraktiker-Basis an. Auch in ihre Praxis kommen immer wieder Menschen, die unter Depressionen leiden. Die Heilpraktikerin sieht die Region in diesem Bereich gut aufgestellt.

Anders präsentiert sich die Landschaft klassischer Psychotherapie. So ist die Nahversorgung in den Augen Eberhard Pöhners, Diplom-Psychotherapeut in Mering, ein Dilemma. „Es gibt zu wenige Psychotherapeuten“, findet er. Einen der begehrten Plätze zu bekommen, scheint fast unmöglich. „Zwar hat die Kassenärztliche Vereinigung seit April eine Terminvermittlungsstelle eingerichtet. Doch was nützt das, wenn es zu wenige Therapeuten gibt?“, fragt er sich.

Selbsthilfegruppen bieten eine Alternative

Unterstützung finden Betroffene auch bei Selbsthilfegruppen. Im zweiwöchigen Rhythmus trifft sich zum Beispiel die Selbsthilfegruppe für Menschen mit Depressionen und Ängsten im Friedberger Bürgertreff. Initiator ist der Verein „Kennen und Verstehen“.

Mit der Vernissage „Gesicht zeigen“ um Fotos Depressiver in einem Supermarkt wollen Michael Wollny und Alexander Andres dem Thema Raum verschaffen. Noch bis 4. November ist die Ausstellung in der Edeka-Filiale zu sehen. Die Resonanz sei bisher gut, sagt Wollny. „Am ersten Tag sind einige Leute ganz bewusst zum Schauen gekommen.“ Dagegen nähmen andere die Ausstellung nicht wahr oder lehnten sie ab.

Die Kundin Ulrike Liebert etwa sieht einen zu heftigen Kontrast zwischen der Stimmung der Bilder und der Supermarkt-Atmosphäre: „Für einen Lebensmittelladen sind sie unpassend. Sie werten ihn ab.“ Einen anderen Standpunkt vertritt Sonngard Reinhardt, die die Idee außergewöhnlich findet. „Es inspiriert“, lobt sie.

Für den Inhaber selbst ist die Vernissage eine Herzensangelegenheit. Er möchte Menschen für ihr Umfeld sensibilisieren. Dazu liegen Informationen aus, die Interessierten „Hilfe an die Hand“ geben soll. Denn: Depressionen sind kein Schicksal. „Sie sind ambulant und stationär gut behandelbar“, bekräftigt Thomas Reinertshofer von den Bezirkskliniken in Augsburg.

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