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Archiv in Kissing

11.09.2014

Vom Armutszeugnis bis zur Petition

Kaum entzifferbar sind die alten Gemeinderechnungen aus dem Jahr 1791. Es ist das älteste Dokument das Petra Narr bisher im Kissinger Gemeindearchiv entdeckt hat.
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Kaum entzifferbar sind die alten Gemeinderechnungen aus dem Jahr 1791. Es ist das älteste Dokument das Petra Narr bisher im Kissinger Gemeindearchiv entdeckt hat.
Bild: Gönül Frey

Büchereileiterin Petra Narr baut das Gedächtnis der Gemeinde Kissing auf und findet spannende Hinweise darauf, wie das Leben hier in vergangenen Zeiten war

Dass eine gewisse Fanny kein Vermögen, nichts zu pfänden und auch künftig keine Aussicht auf ein Erbe oder eine sonstige Änderung der Verhältnisse hat, das bescheinigte der Armenpflegschaftsrat Kissing der Frau im Jahr 1912. Dieses Armutszeugnis ist einer der Funde, der bei Petra Narr die Augen leuchten lassen. Seit etwa einem Jahr arbeitet die Leiterin der örtlichen Bücherei daran, ein Gemeindearchiv für Kissing aufzubauen. Die Kommune hat dafür ihre Halbtagsstelle auf eine ganze aufgestockt.

„Das Gemeindearchiv ist eine kommunale Pflichtaufgabe“, erläutert der geschäftsleitende Beamte Hubert Geiger. Alle Amtsvorgänge wandern irgendwann in den Rathauskeller. Das Archiv muss auswählen, was aufbewahrt wird und den Bestand so sortieren, dass man auch etwas findet. Als Petra Narr die Aufgabe übernahm, stapelten sich Akten und Dokumente vom Boden bis zur Decke. Jetzt macht der künftige Archivraum einen recht aufgeräumten Eindruck. Einen groben Überblick habe sie bereits, sagt die Kissingerin.

Ältestes Dokument ist eine Gemeinderechnung aus dem Jahr 1791. Die Schrift ist verblasst und auf dem handgeschöpften Papier kaum leserlich. Was darin steht, hat Petra Narr noch nicht entziffern können. Erst muss sie eine Grundordnung herstellen, bevor sie einzelne Funde im Detail studieren kann. Interessante Entdeckungen markiert sie aber gleich, damit sie eine Chance hat, sie bei Bedarf schnell wieder zu finden.

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Spannend findet sie Dokumente, die etwas über die geschichtlichen Hintergründe und den Zeitgeist offenbaren. Sie zeigt detaillierte Einquartierungskataster aus den 1830er Jahren, der Zeit der Franzosenkriege. Sämtliche Kissinger Anwesen sind hier aufgelistet: Wer bei einer Mobilmachung wie viele Pferde, Mannschaft und Offiziere aufnehmen kann, ist darin festgelegt. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sind es dann die Flüchtlinge, die ein neues Zuhause brauchen. Die Wohnungszuweisungen für das Kissinger Gebiet befinden sich ebenfalls im Archiv.

Ortspolitische Themen, die früher die Wogen hochgehen ließen, schlagen sich in den Dokumenten nieder. „Als im 19. Jahrhundert die Paar begradigt wurde, das hat die Menschen sehr bewegt“, gibt Petra Narr als Beispiel. Viele Petitionen reichten die Menschen dazu ein. Jetzt ist das Thema erneut ganz aktuell. Wegen der vielen Überschwemmungen soll die Paar mit viel Aufwand wieder naturnaher gestaltet werden (FA berichtete). Auch die Originalpläne für die damals neue, heute „Alte Schule“ aus dem Jahr 1863 finden sich in einem Ordner. Die aufwändige Sanierung des Gebäudes steht in nächster Zeit an.

Die wirklich alten Papiere machen jedoch nur einen Bruchteil des Bestands aus. Die neueren Akten sind es, die reihenweise die Regale füllen. Hier muss Petra Narr noch viel aussortieren. „Der Weg ist eher, alle zehn Jahre mal ein ganzes Jahr aufzuheben, um zu dokumentieren, wie hat eine Verwaltung im 21. Jahrhundert gearbeitet“, sagt sie. Beim Jahr 1978 macht sie einen Schnitt.

Wenn alles bis dahin erfasst und sortiert ist, erstellt sie ein Findbuch. Neuere Dokumente werden dann künftig in einem eigenen Abschnitt erfasst. „Es ist noch wahnsinnig viel Arbeit und ich kann es gar nicht abschätzen. Fünf bis zehn Jahre kann das schon dauern“, meint Petra Narr.

Einzelne Stücke sollen jedoch schon bald öffentlich zu sehen sein. Im November zeigt die Bücherei die Ausstellung „Meilensteine der Kissinger Kulturgeschichte“ – von Bürgern für Bürger. Dazu will die Büchereileiterin passend zum 100. Jahrestag des 1. Weltkriegs die Gemeinderechnung von 1914 zeigen. Damals hatte Kissing beispielsweise für ein Königsbild mit Rahmen die Firma Kutscher+Gehr zu bezahlen sowie eine Rechnung bei der vereinigten Pulverfabrik in Rosenheim zu begleichen.

Fast ausschließlich Verwaltungsdokumente machen bisher den Bestand aus. Doch Petra Narr und Hubert Geiger hoffen auf die Kissinger: „Wir nehmen gerne die Schätze, die bei den Leuten im Keller oder auf dem Dachboden schlummern“, sagt sie. Alte Briefe, Tagebücher oder Abzeichen – alles was die Geschichte widerspigelt ist für sie interessant. „Das Archiv soll das Gedächtnis der Gemeinde Kissing sein“, sagt Hubert Geiger. Wenn zum Beispiel ein ehemaliger Vereinsvorsitzender stirbt und die Nachkommen noch alte Dokumente von seiner Tätigkeit finden – so etwas passe gut ins Archiv. "Kommentar Seite 1

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