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Kinderheim Friedberg

24.12.2015

Weihnachten ist für sie Neuland

Auch wenn es in ihrer Religion kein Weihnachten gibt, kommt zumindest ein bisschen Weihnachtsstimmung auf. Die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge Ridwan, Alaadin, Mohammad, Erzzadin und Ulpian (von links) verbringen einen gemeinsamen Abend mit gutem Essen, selbstgebasteltem Adventskranz und Geschenken. Yvonne Laumer und Marie Weiß (rechts) kümmern sich um die jungen Männer.
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Auch wenn es in ihrer Religion kein Weihnachten gibt, kommt zumindest ein bisschen Weihnachtsstimmung auf. Die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge Ridwan, Alaadin, Mohammad, Erzzadin und Ulpian (von links) verbringen einen gemeinsamen Abend mit gutem Essen, selbstgebasteltem Adventskranz und Geschenken. Yvonne Laumer und Marie Weiß (rechts) kümmern sich um die jungen Männer.
Bild: Sebastian Richly

Im Friedberger Kinderheim erfahren minderjährige Flüchtlinge, worum es beim Fest der Liebe geht. Wie sie ihren „Heilig-Abend“ erleben und warum es keinen Christbaum gibt.

Kein geschmückter Christbaum steht im Wohnzimmer. Im Zimmer erklingen auch keine Weihnachtslieder – dennoch feiern die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge im Friedberger Kinderheim „Heilig-Abend“ schon vor dem 24. Dezember – die meisten von ihnen zum ersten Mal.

Die sechs jungen Männer zwischen 17 und 18 Jahren kommen aus Syrien, Somalia und dem Kosovo. Sie sind allesamt Muslime – nicht nur deshalb unterscheidet sich ihr Weihnachtsfest von dem deutscher Familien. Während bei den meisten Jugendlichen ihres Alters ein neues Fahrrad, ein Laptop oder Handy auf dem Wunschzettel stehen, sind für die Asylbewerber andere Dinge wichtiger. „Ein Praktikum, eine eigene Wohnung und eine Zukunft in Deutschland und natürlich ihre Familien wieder zu sehen“ – die Ziele sind die selben und daran arbeiten sie täglich. Alle lernen fleißig Deutsch und machen große Fortschritte. Alaaedin, dessen Asylantrag mittlerweile angenommen wurde, hofft im nächsten Jahr sogar auf einen Studienplatz: „Ich möchte Bauingenieurwesen studieren. Das ist mein Wunsch.“

Weihnachtsmärkte, Adventskränze und Nikoläuse – schon lange vor dem Heilig-Abend merken die Flüchtlinge, dass die Adventszeit etwas Besonderes für die Deutschen ist. Unbekannt ist manchen das weihnachtliche Treiben aber nicht. „Auch in Syrien leben viele Christen. Wir kennen die Bräuche“, erklärt Erzzadin. Ulpian aus dem Kosovo hatte sogar extra einen Adventskranz gebastelt. Abwechselnd durften die Sechs ein Türchen des Adventskalenders öffnen. Die Freude war groß, Ulpian hätte am liebsten alle auf einmal geöffnet, „aber das soll man ja nicht.“

Weihnachten ist für sie Neuland

Das wünschen sich die Flüchtlinge zu Weihnachten

Für Mausliid und Ridwan aus Somalia sind die Gepflogenheiten ungewohnt. Zwar kamen sie im vergangenen Jahr kurz vor Weihnachten nach Friedberg, aus ihrem Heimatland sind ihnen die Bräuche aber nicht bekannt. Deshalb werden die Flüchtlinge von Gruppenleiterin Marie Weiß aufgeklärt: „Sie sollen die christliche Tradition kennenlernen, damit sie manches besser nachvollziehen können. Aber wir wollen sie zu nichts zwingen.“ Deshalb gebe es auch keinen Christbaum oder Weihnachtslieder: „Das wäre zu aufwendig und wir möchten die Jungs auch nicht gleich überfordern“, sagt sie.

Weihnachten ohne Geschenke, das geht aber auch im Friedberger Kinderheim nicht. Viele Firmen haben gespendet. Damit jeder auch etwas Nützliches bekommt, haben auch die Flüchtlinge Wunschzettel geschrieben. Erzzadin wünscht sich neue Schuhe, während Ulpian unbedingt einen Föhn möchte. Alaaedin braucht neue Boxen, Mausliid einen Rasierer und Mohammed einen Rucksack. Die Augen der jungen Männer leuchten, als sie das glitzernde Geschenkpapier herunterreißen. Süßigkeiten, Kino-Gutscheine und die Sachen vom Wunschzettel – am Ende ist jeder zufrieden. Sogar die Weihnachtskarten werden laut vorgelesen und schließlich das Geschenkpapier weggeräumt.

Auch ein Weihnachtsessen darf nicht fehlen. Jeder hilft mit. Während Mohammed Chili kocht, decken die anderen den Tisch und räumen später ab. Auch wenn das Weihnachtsfest aufgrund ihres Glaubens nur eine geringe Bedeutung hat, so ist der Abend doch etwas Besonderes. „Unser Alltag ist sehr deutsch, sagen sie.“ Sie besuchen verschiedene Schulen, gehen dann in den Deutschunterricht, da bleibt nur wenig Zeit für Hobbies. Auch der Haushalt muss gemacht werden. Mausliid spielt Fußball bei den Sportfreunden Friedberg und hat deshalb abends oft keine Zeit. Gemeinsam Essen die jungen Männer eigentlich nie.

Weihnachten ist trotzdem ein Stück Heimat

Nur bei der Weihnachtsfeier sind alle beisammen: Genau das macht den Abend besonders. Für die meisten ein Stück Heimat. Denn dort haben sie immer gemeinsam mit ihren Familien gegessen. „Bei uns gibt es immer eine große Feier, bei der die ganze Familie zum essen zusammenkommt, fast jedes Wochenende“, erinnert sich Mausliid.

Nach dem Geschenkeauspacken sitzen alle gemeinsam am Tisch. Ulpian trägt zum Abschluss ein Weihnachtsgedicht vor. Währenddessen sind zum ersten Mal am Abend alle ganz leise. Wer möchte, kann noch mit Marie Weiß und Kollegin Yvonne Laumer auf den Friedberger Adventmarkt. Der heutige Tag, der 24. Dezember, ist dann nichts Besonderes: kein gemeinsames Essen und keine Geschenke.

Aufruf: Wer einen Praktikumsplatz oder einen Nebenjob für die minderjährigen Flüchtlinge hat, kann sich unter betreutes.wohnen@kinderheim-friedberg.de  melden. Vor allem in handwerklichen Arbeiten wie Schreinern oder Mechanik haben die jungen Männer schon Erfahrungen gesammelt.

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