Newsticker

Moderna will Zulassung für Corona-Impfstoff in EU beantragen
  1. Startseite
  2. Lokales (Friedberg)
  3. Wenn die Hochleistungspumpe ins Stottern kommt

Herzinfarkt

02.02.2018

Wenn die Hochleistungspumpe ins Stottern kommt

Mit einem Stent aus feinem Metallgeflecht können die Mediziner beschädigte Blutgefäße am Herzen wieder stabilisieren.
Bild: Waltraud Grubitzsch

Die Warnsignale fallen bei Frauen und Männern unterschiedlich aus. Dann ist für die Mediziner in den Kliniken an der Paar höchste Eile geboten

Viele wissen: Ein Druckgefühl und Schmerzen in der linken Brust, die eventuell in den linken Arm, die Schulter oder den Kiefer ausstrahlen, sind ein ernstes Warnsignal für einen Herzinfarkt. Man sollte dann so schnell wie möglich ins Krankenhaus gehen – und zwar nicht selbst fahren, sondern dazu den Notarzt rufen. Der Leitende Oberarzt und Kardiologe am Aichacher Krankenhaus, Sinan Pehlivanli, weist jedoch darauf hin: Diese Symptome treten vorrangig bei Männern auf. Bei Frauen können sie auch ganz anders aussehen.

Aufgrund eines hormonellen Schutzes erleiden Frauen einen Herzinfarkt typischerweise in höherem Lebensalter als Männer. Ein sich ankündigender Infarkt ist bei Frauen zudem häufig nicht so leicht zu erkennen. Im Gespräch mit unserer Zeitung sprach Pehlivanli einen Fall anhand einer fiktiven Patientin durch. Nennen wir sie Susanne P., 67 Jahre alt. Bei ihr treten plötzlich Schmerzen im Oberbauch auf; ihr wird übel, und kalter Schweiß tritt aus. Man denkt da nicht gleich an einen Herzinfarkt.

Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems sind, noch vor Krebserkrankungen, die häufigste Todesursache in Deutschland. Wie die Deutsche Herzstiftung kürzlich mitteilte, starben im Jahr 2015 56 von 100000 Einwohnern an einem Herzinfarkt. In Bayern waren es 51. Die Risikofaktoren sind bekannt: Rauchen und schlecht behandelter Diabetes schädigen die Blutgefäße; hinzukommen Bluthochdruck, zu viel „schlechtes“ Cholesterin sowie eine familiäre Belastung für Herz-Kreislauferkrankungen. Die meisten dieser Faktoren können Patienten selbst beeinflussen – durch Rauchstopp, richtige Ernährung und möglichst viel Bewegung.

Wie Pehlivanli sagte, sei das menschliche Herz eine Hochleistungsmaschine. Pro Minute pumpt es – im Ruhezustand – fünf Liter Blut durch den Körper; bei Leistungssportlern in Beanspruchung können es auch 30 bis 50 Liter sein. Pro Jahr sind das, grob gerechnet, 2,6 Millionen Liter Blut, in einem Leben überschlägig 200 Millionen Liter. Diese Aufgabe erfüllt das Herz in der Regel sehr zuverlässig.

Zurück zu unserer Patientin Susanne P. Sie tut das Richtige und lässt sich kurz nach dem Auftreten der Schmerzen ins Aichacher Krankenhaus bringen. Mittels eines sofort in der Notaufnahme geschriebenen Elektrokardiogramms (EKG) kann in vielen Fällen bereits eine Diagnose gestellt werden. Wie Pehlivanli erläutert, sieht man eindeutig, ob eine akute Durchblutungsstörung vorliegt oder es Zeichen für bereits abgelaufene Herzinfarkte gibt. Zudem kann die Diagnose durch eine ergänzende Blutuntersuchung mit Bestimmung herzspezifischer Marker erhärtet werden.

Letzten Aufschluss bringt dann eine Herzkatheteruntersuchung. Dabei wird über einen dünnen Plastikkatheter – eingebracht entweder über die Leiste oder über das Handgelenk – Kontrastmittel direkt in die das Herz mit Blut versorgenden Gefäße (sogenannte Koronararterien) eingespritzt. Der Arzt kann dann am Bildschirm genau erkennen, ob die Koronargefäße Engstellen aufweisen oder frei durchgängig sind. Susanne P. ist bei diesem Eingriff nur örtlich betäubt. Sie erhält zudem ein Medikament zur Entspannung.

So kommt es in vielen Fällen zum Infarkt: An den Wänden von Blutgefäßen setzen sich über einen langen Zeitraum Stoffwechselabbauprodukte ab; es bilden sich arteriosklerotische Plaques. Dadurch verengt sich an dieser Stelle das Gefäß, zugleich verliert es an Elastizität. Oft treten daher zuerst bei Belastung, etwa beim Treppensteigen oder Fahrradfahren, Probleme auf, denn dann müssen sich die Gefäße weiten und mehr Blut durchlassen.

Fatal ist, wenn eine solche Plaque aufreißt und das darunterliegende Gewebe eine Zusammenballung von Blutplättchen, ein Gerinnsel, nach sich zieht. Eigentlich eine natürliche Reaktion auf eine Verletzung, aber hier bildet sich ein Pfropf, der das Gefäß wie bei unserer Patientin akut verstopft. Nun kann das Herz an dieser Stelle nicht mehr mit Blut versorgt werden; der Bereich „leidet“ und kann sogar absterben, wenn nicht schnell Abhilfe geschaffen wird. Das ist der Infarkt.

Um den Schaden am Herzmuskel auf ein Minimum zu begrenzen, muss schnell gehandelt werden. Damit nicht noch mehr Teile des Herzens absterben, wird durch die Herzspezialisten im Herzkatheterlabor am Krankenhaus Aichach mit einem Ballon das Gefäß wieder geöffnet (in der Sprache der Medizin ‚rekanalisiert‘) und die aufgebrochene Plaque mit einem Stent versorgt.

Die Dauer des Eingriffs ist laut Dr. Pehlivanli sehr unterschiedlich: von 20 Minuten bis zu mehreren Stunden bei komplizierten Fällen. Manche Patienten kommen dann für eine Nacht auf die Intensivstation und können am darauffolgenden Tag nach einer Kontrolluntersuchung entlassen werden. Hat, wie bei Susanne P., ein Herzinfarkt stattgefunden, dann sollte man noch drei bis vier Tage zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben. Der Patient kommt dann wieder in die Obhut des Hausarztes; er muss nun dauerhaft Medikamente nehmen, damit seine Blutwerte richtig eingestellt sind. Auch zur Verträglichkeit des Stents gibt es spezielle Medikamente. Nach einem Herzinfarkt sollte man ein- bis zweimal pro Jahr einen Herzspezialisten aufsuchen, um das Herz nachuntersuchen zu lassen.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren