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Interview

17.01.2021

Wie die Leiterin den Corona-Ausbruch bei Pro Seniore erlebte

Jeanette Kleespies, Leiterin der Seniorenresidenz Pro Seniore Friedberg, hat sich sofort impfen lassen. Sie sagt: "Ich mache das nicht nur für mich selber."
Foto: Pro Seniore

Plus 105 Bewohner hat Pro Seniore in Friedberg, vier sterben an Corona. Die Leiterin Jeanette Kleespies erzählt, wie ihr Team es schafft, Schlimmeres zu verhindern.

Frau Kleespies, Senioreneinrichtungen waren von Corona stark betroffen - auch die Pro-Seniore-Residenz in Friedberg-Süd. Was macht für Sie das Jahr 2020 aus?

Jeanette Kleespies: Der 2. April und der 19. November sind die beiden Tage, die mir von 2020 im Kopf bleiben. An diesen Tagen bekam ich am Abend noch die Meldungen, dass Bewohner positiv getestet wurden. Ich bin umgehend in die Einrichtung gefahren, um weitere Maßnahmen einzuleiten und die Mitarbeiter zu informieren. In der Früh hat mich dann Herr Wegner vom Gesundheitsamt angerufen und mich gefragt: "Wie geht es Ihnen?" Ich habe gesagt: "Mein Kopf ist wie leer."

Vier Bewohner von Pro Seniore Friedberg starben an Corona

Von 105 Bewohnern waren 32 infiziert, vier sind gestorben. Davon waren zwei bereits zuvor Palliativpatienten. Von Ihren 87 Mitarbeitern waren 20 infiziert. Das Gesundheitsamt hat Sie und Ihr Team für die Vorgehensweise gegen das Virus gelobt. Was haben Sie gemacht, um Schlimmeres zu verhindern?

Kleespies: Beim ersten Ausbruch ist es bei einer Infektion geblieben. Der zweite Ausbruch war im ersten Stock in einem Wohnbereich, in dem 40 Bewohner leben. Der erste infizierte Mann teilte sich mit einem anderen ein Doppelzimmer, auch der andere Mann war später positiv. Wir haben zuerst versucht, alle positiv Getesteten in einem abgeschlossenen Bereich zu zentrieren, später haben wir in Absprache mit dem Gesundheitsamt den ganzen ersten Stock in eine Pandemiestation umfunktioniert. Um den Wohnbereich im Erdgeschoss zu schützen, haben wir alle Laufwege verändert. Alle mussten außen herum über die Feuertreppen in die anderen Wohnbereiche. Wäsche, Essen und Abfall wurde zu festgelegten Zeiten und unter Vorsichtsmaßnahmen mit dem Aufzug transportiert. Vor der Tür zum Sperrbereich standen Warnschilder und Schleusen, in denen man sich umziehen musste. Die Bewohner mussten in Ihren Zimmern bleiben, der Speisesaal wurde in einen Pausenraum für die Mitarbeiter umfunktioniert, wo immer nur einer alleine zur Pause sein durfte. Unter unseren Mitarbeitern sind einige Paare. Wenn ein Partner im ersten Stock tätig war, wurde auch der andere dort eingesetzt. So haben wir es geschafft, dass das Virus auf keinen anderen Wohnbereich überspringt.

Die erste Corona-Reihentestung bei Pro Seniore in Friedberg fand im November im Freien statt.
Foto: Jeanette Kleespies

Sie haben fast alle kranken Bewohner in Ihrer Seniorenresidenz gepflegt, teils bis zum Tod. Wie ging das - und wie geht es den gesundeten Menschen inzwischen?

Kleespies: Unsere Heimärztin Dr. Susanne Wartenberg, die schon das ganze Jahr die Tests durchgeführt hatte, rief mich an und sagte: "Wir müssen da jetzt gemeinsam durch." Alle Bewohner haben Vitamin D und Vitamin C bekommen, die Erkrankten erhielten Heparinspritzen sowie Infusionen, weil sie weniger essen und trinken wollten. Außerdem habe ich Sauerstoffflaschen, die dazugehörigen Ständer, Brillen und Masken besorgt. Jeder, der das Bedürfnis hatte, hat zur Unterstützung Sauerstoff bekommen. Das halte ich für sehr wichtig - es gibt nichts Schlimmeres, als jemanden ersticken zu sehen, und so schnell hätte ich sie im Fall des Falles nicht ins Krankenhaus bekommen. Wir haben regelmäßig die Sauerstoffsättigung des Blutes überprüft - sogar während des Schlafs.

Und Sie haben Pizza bestellt...

Kleespies: Im ersten Stock durften sie am Telefon sagen, was sie wollen, Obst, Schokolade, Pizza, ganz egal, wir haben es bestellt und hochgeschickt. Und dann haben wir eine 60-jährige Bewohnerin. Sie hatte Corona, wollte aber rauchen. Ich habe ihr dafür die Dachterrasse aufgesperrt. Und als sie sich als Geburtstagsessen Spaghetti Bolognese und eine Cola light gewünscht hat, habe ich den Pizzaservice angerufen.

Und es geht ihr wieder gut?

Kleespies: Eine Woche später war sie negativ. Jetzt geht es ihr wie vorher. Ich glaube, hätte ich sie in ihr Zimmer "gesperrt" und emotionalen Druck ausgeübt, hätte sie sich vielleicht aufgegeben.

Bei Pro Seniore in Friedberg gab es einen massiven Corona-Ausbruch.
Foto: Alexandra Sieber

Wie war es, unter Pandemie-Bedingungen Menschen bis zum Tod zu pflegen?

Kleespies: Menschen zu pflegen ist unsere Aufgabe, auch bis zum Tod. Wir haben alles mit unserer Heimärztin besprochen und sie hat dann mit den Angehörigen geredet. Die Senioren und Angehörigen wollten das Krankenhaus nicht. Ausnahme war eine Frau, ein sehr schwieriger Krankheitsfall. Sie hat gesagt, sie geht ins Krankenhaus. Zum Abschied sagte sie, sie komme nicht mehr zurück. So war es auch. Ich weiß nicht, ob unsere Entscheidung richtig war. In der Klinik hat man ihr nur Sauerstoff gegeben, sie nicht beatmet. Das hätten auch wir tun können, sie hätte hier sterben können - oder vielleicht überlebt....

Und wenn es Zeit zum Abschiednehmen war?

Kleespies: Die Angehörigen durften kommen. Es ist wichtig, dass sich Angehörige oder enge Freunde verabschieden. Auch für die Mitarbeiter war es in dieser Zeit elementar, Familien diese Möglichkeit zu geben. Wir haben sie über die Feuertreppe nach oben gebracht und sie mussten Schutzkleidung tragen. Auch ein Pfarrer kam so ins Haus - auch in ein anderes Stockwerk. Menschen starben ja nicht nur an Corona in dieser Zeit. Die Angehörigen kannten das Risiko, dass sie sich trotz Schutz infizieren können. Ob sie, wenn wir nicht im Zimmer waren, trotzdem die Hand gehalten haben - wir wissen es nicht.

Inzwischen gilt Pro Seniore als corona-frei. Wie geht es denen, die wieder gesund sind? Spüren sie noch Spätfolgen?

Kleespies: Die Mitarbeiter stärker als die Bewohner. Aber natürlich können die Mitarbeiter sich über ihren Zustand auch besser äußern. Aber wir haben hier eine alte Dame um die 90. Sie war als eine der Ersten und eine der Letzten positiv. Man dachte zeitweise, sie schafft es nicht. Jetzt sitzt sie wieder in ihrem Rollstuhl und freut sich des Lebens, bekommt Besuch von ihren Kindern und dem Hund.

Es hieß 2020 immer wieder, Corona bringt die Altenheime an ihre Grenzen. War das so?

Kleespies: Ich habe 2020 als seltsames Jahr erlebt. Alles drehte sich um Corona, viele Abläufe wiederholten sich täglich und es war immer begleitet von der Angst: Schaffen wir das? Wir mussten unsere Aktivitäten wegen der Vorschriften sehr reduzieren und konnten und mussten uns voll und ganz auf das konzentrieren, was in der Einrichtung passiert. Natürlich war die Urlaubzeit eine Herausforderung, aber auch die Kinderbetreuung.

Kamen Sie personell an Ihre Grenzen?

Kleespies: In solchen Situationen merkt man erst, wie stark ein Team ist, da meine ich nicht nur den betroffenen Wohnbereich. Jeder, ob von Verwaltung, Küche, Betreuung oder anderen Bereichen, hat mitgeholfen, egal wie. Und ich bin sehr stolz auf uns ALLE. Manche Mitarbeiter haben ihre Urlaube verschoben, andere für einige Wochen von 80 auf 100 Prozent aufgestockt. Es mussten ab 19. November viele Mitarbeiter in Quarantäne, am 23. November war die erste Reihentestung. Draußen im Besucherzelt, das noch vom Sommer dort stand. Die Belastung war enorm, weil viele erst einmal weg waren. Wer negativ war, wurde vor jedem Dienstantritt getestet, in Absprache mit dem Gesundheitsamt. Für alle Bewohner haben wir Symptomlisten geführt, das hilft bei der Früherkennung - wir führen sie immer noch.

So verliefen die Corona-Impfungen bei Pro Seniore in Friedberg

Musste Pro Seniore Ihnen Hilfe aus anderen Einrichtungen schicken?

Kleespies: Es kam eine überregionale Pflegedienstleitung von Pro Seniore, die mich in der Organisation, bei den Listen und im Kontakt mit dem Gesundheitsamt unterstützt hat. Sie brachte eine Pflegefachkraft mit, die bereits in einer Einrichtung mit Corona Erfahrungen gesammelt hatte. Der Kollege ist in die Arbeit im ersten Stock eingestiegen, das war sehr hilfreich. Wir haben zwei Minijobber und eine Vollzeitkraft eingestellt, einen davon über den Aufruf des Landratsamtes. Er hat eine einjährige Pflegeausbildung und wird bei uns bleiben. Mittlerweile helfen zwei Mitarbeiter von uns in anderen Häusern von Pro Seniore aus, in denen Corona ausgebrochen ist.

Wie war es, als nach Weihnachten die Impfungen begannen?

Kleespies: Super. Am Montag wird bei uns das dritte Mal geimpft - 56 Personen, davon 29 zum zweiten Mal. Wir haben dann alle Bewohner geimpft, bis auf eine Frau, die es nicht will, und eine Frau, die Allergien hat. Sie bekommt noch Beratung. Selbst unsere 103-Jährige hat sich impfen lassen.

Haben Sie sich impfen lassen?

Kleespies: Ja, und ich habe außer zwei Tage lang Druckschmerz nichts gespürt. Auch alle geimpften Mitarbeiter und Bewohner sind symptomfrei. Man muss die Firma Vitolus loben und den Landkreis, dass er sie eingesetzt hat. Die Zusammenarbeit funktioniert sehr gut, auch wenn alles aufwendig ist wegen des hohen Dokumentenaufwands. Aus anderen Häusern von Pro Seniore weiß ich, dass es nicht überall so gut läuft.

Corona ist eine Herausforderung für die Seniorenheime. Jeanette Kleespies, Leiterin von Pro Seniore in Friedberg, erholt sich von der Arbeit bei Spaziergängen mit Mops Carlos und Shiba Inu Ayko.
Foto: Jeanette Kleespies

Die Belastung muss für Sie als Einrichtungsleiterin sehr groß gewesen sein, zeitlich und psychisch. Wie verkraften Sie das?

Kleespies: Ich gehe zum Ausgleich viel mit meinem Hund spazieren. Mein Mann und meine Tochter unterstützen mich. Und ich sage immer zu meinen Kollegen: "Was wir haben, ist Luxus. Wir sehen einander und haben Sozialkontakte, wenn auch am Arbeitsplatz." Aber zusammen weggehen, an einem Lauf teilnehmen oder feiern, dass der Corona-Ausbruch jetzt vorbei ist - das fehlt.

Was wünschen Sie sich von 2021?

Kleespies: Dass Normalität einkehrt und unsere Bewohner wieder mit uns in die Gesellschaft raus können. Wir sind eigentlich bekannt dafür, dass wir sehr viel unternehmen. Wir hatten jetzt die erste Neuaufnahme seit dem Ausbruch. Die Person ist erst einmal sieben Tage in einem Isolierzimmer. Und ich möchte gerne Herrn Wegner vom Gesundheitsamt kennenlernen. Er hat uns die ganze Zeit so toll begleitet - und ich hab ihn noch nie gesehen.

Zur Person: Jeanette Kleespies von Pro Seniore Friedberg

Jeanette Kleespies, 42 Jahre, ist gelernte Altenpflegerin, gerontopsychiatrische Fachkraft, Pflegedienstleitung und durchlief ein Trainee-Programm zur Residenzleitung bei Pro Seniore (Victor's Group) und der IHK. Seit 2012 leitet sie die Seniorenresidenz in Friedberg-Süd. Sie lebt mit Mann, Hund und Katze in Rederzhausen.

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