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Reportage

10.01.2015

Wie eine Gemeinde ihre Asylbewerber erfolgreich integriert

Moussa Diagme und Meta Kondjira helfen beim Stutzen der Gebüsche. In Kissing arbeiten die Asylbewerber im Bauhof mit.
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Moussa Diagme und Meta Kondjira helfen beim Stutzen der Gebüsche. In Kissing arbeiten die Asylbewerber im Bauhof mit.

In Kissing sind die Flüchtlinge auf vielfältige Weise ins tägliche Leben eingebunden

Morgens in Kissing. Der Verkehr auf der Bundesstraße brummt gemächlich vor sich hin. Im tristen Nebelgrau leuchtet am Straßenrand ein orangefarbenes Fahrzeug auf. Drei Männer prüfen die Grünflächen entlang der B2. Ihre Westen reflektieren das Scheinwerferlicht der vorbeifahrenden Fahrzeuge. Die Männer vom Bauhof sind unterwegs. Ein alltägliches Bild, das außergewöhnlicher nicht sein könnte. Denn mehr als die Hälfte der Männer lebt erst seit Kurzem in Deutschland. 19 Asylbewerber sind vor knapp drei Monaten nach Kissing gekommen. In kleinen Teams arbeiten sie mit den Bauhofleuten zusammen und sind – nicht nur deshalb – bereits ein fester Bestandteil der Gemeinde.

Reiner Waldmann von der Bauverwaltung lenkt seinen weißen Dienstwagen durch die Straßen und Wege. Er ist unterwegs zum nächsten Team, will schauen, wie es läuft. „Bisher klappt alles ganz gut“, sagt er. Etwas Negatives sei ihm nicht zu Ohren gekommen.

Entlang der Bahnlinie haben sich die Gebüsche bereits weit über die Feldwege gebeugt. Drei Männer stutzen sie zurecht. Die Kettensäge knattert und beißt sich durch das Geäst, während zwei der Männer die herabfallenden Äste aufsammeln. Es ist kalt geworden. Moussa Diagme und Meta Kondjira haben ihre Mützen tief in ihre Gesichter gezogen. In ihrer Heimat Senegal ist es jetzt viel wärmer.

Wie eine Gemeinde ihre Asylbewerber erfolgreich integriert

Trotzdem arbeiten sie gerne im Bauhof. „Das ist mir wesentlich lieber zu arbeiten, als den ganzen Tag rumzusitzen“, sagt Moussa auf Englisch, während er zusammen mit seinem Landsmann beim Aufsammeln hilft. Er fühlt sich wohl in der Gemeinde. Und das nicht nur, weil er im Bauhof mitarbeiten darf. „Ich mag den Ort und die Leute, die hier leben.“

Die Asylbewerber arbeiten in zwei Schichten im Bauhof. Sie verdienen 1,05 Euro pro Stunde. Das können sie zusätzlich als Taschengeld behalten. Die Gemeinde gewinnt doppelt. „Jetzt können Arbeiten erledigt werden, die sonst liegen bleiben. Und die Bürger können mit den Asylbewerbern in Kontakt kommen“, sagt Reiner Waldmann.

Darüber hinaus hat sich in Kissing auf Initiative von Bürgermeister Manfred Wolf hin ein Helferkreis gebildet. Er will die Asylbewerber in die Gemeinde integrieren. Und den Senegalesen und Eritreern zeigen, dass sie hier herzlich willkommen sind.

Im Mehrgenerationenhaus. Der Raum ähnelt einem Klassenzimmer. Bunte Bilder strahlen von den Wänden. Sechs Schüler sitzen auf hellen Holzstühlen um zwei zusammengestellte Tische. Sie blicken konzentriert in ihr Lehrbuch. „Schritte plus“ steht in gelben Buchstaben auf dem Umschlag. Mit prüfendem Blick beugt sich Regina Diepold über zwei Schüler. „Habt ihr das verstanden?“, fragt sie. Laut. Deutlich. Auf der anderen Seite des Tisches erklärt Anke Reil erneut die Aufgabe. Ihre Stimme ist ruhig und geduldig. Die beiden Frauen geben einen von mehreren Sprachkursen des Helferkreises. Eigentlich wollte sich Regina beim ersten Treffen der Freiwilligen nur informieren. Um Bescheid zu wissen, „wenn Unsicherheiten und Ängste bei den Menschen aufkommen“. Und um den kritischen Stimmen etwas entgegenhalten zu können. Dann hat sie aber beschlossen, selbst aktiv zu werden. „Weil sich viele bedeckt halten, die helfen könnten.“

Trotz aller Strenge, „die man bei den jungen Burschen auch braucht“, hat Regina etwas Fürsorgliches, Mütterliches an sich. „Das sind junge Menschen zwischen 20 und 30, die alleine hier sind. Jemand muss sich um sie kümmern“, sagt sie. Den Sprachkurs macht sie, weil jemand ausgefallen ist. Viel lieber hilft sie ihren Schützlingen bei der Bewältigung des Alltages und spricht mit ihnen bei jeder Gelegenheit. Als selbstständige Architektin ist sie es gewohnt, mit den verschiedensten Menschen umzugehen und sich durchzusetzen.

Im Sportklub. 22 Paar Füße springen zu den rockigen Beats von AC/DC auf und ab. Discolicht flackert durch den Raum und hinterlässt bunt gesprenkelte Kreise auf dem Fußboden. Die meisten Sportler tragen schwarze T-Shirts. Auch die sechs Flüchtlinge, die hier mittrainieren. Auf ihrem Rücken steht in gelben Lettern „Respect all. Fear none.“ Respektiere alle. Fürchte keinen. Ein Leitspruch, den man hier ernst nimmt. Ein „Stopp“ schallt durch den Raum. Trainer Wolfgang Vogl geht zu den Bodenübungen über. „Hinsetzen! Sit down!“ Mit der Teilnahme der Asylbewerber am Training habe sich nichts verändert, sagt Vogl. Außer, dass es jetzt zweisprachig ist. „Beine hoch! Legs up!“ Die ganze Gruppe folgt seinen Anordnungen. „And now we make Push-ups!“ Auch ohne Übersetzung wissen alle, was nun zu tun ist und gehen in die Liegestützstellung. Nach jeder Runde lassen sich die Sportler unter Ächzen und Stöhnen zu Boden fallen. Die Anstrengung zeigt sich auch in den Gesichtern. Aber keiner gibt hier auf.

Aufgeben, das gehört auch nicht zur Art von Matthias Haman, Leiter der Kickboxer. Das Training kann er wegen einer Verletzung gerade nicht leiten. Die Asylbewerber, seine Kumpels, besucht er so oft es geht in ihrer Unterkunft. Dass sich die jungen Männer beim Sport austoben können, ist sein Verdienst. Mit seinem Einsatz will er ein Zeichen setzen. „Manch einer glaubt, dass die uns die Unterhosen von der Leine klauen“, sagt er. Die Leserbriefe in der Zeitung voller Vorurteile und Angst ärgern ihn. „Die Asylbewerber sind ja noch nicht mal da gewesen. Und trotzdem haben die Leute schon dagegen geschrieben.“ Deshalb hat sich der Polizist beim Bürgermeister gemeldet und gleich klargestellt: In Kissing gibt es Menschen, die helfen wollen. Eine starke Integration sei sowieso viel besser, dann käme es auch weniger zu Fehlentwicklungen, sagt er. Dennoch hat er Verständnis, wenn es mal kracht. „Das ist wie eine Klassenfahrt, die nie endet.“

Inzwischen wurde er von anderen Gemeinden angesprochen, die gehört haben, was in Kissing los ist. Dort will er von den positiven Auswirkungen erzählen, auch auf die Helfer. „Mein Englisch hat sich inzwischen stark verbessert“, sagt er und lacht. Im Trainingsraum haben alle inzwischen die „Fighting position“ eingenommen. In Kampfposition stehen sie Seite an Seite. Und kämpfen. Miteinander, nicht gegeneinander.

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