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Ärger im Kreistag von Aichach-Friedberg

08.02.2012

Wird ein Nazi im Jahrbuch verharmlost?

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Dr. Otto Dickel, der Gründer von Dickelsmoor, war einer der führenden Nazi-Ideologen. 
Bild: Jahrbuch Altbayern in Schwaben

Die Kreisräte scheuen die Diskussion über einen problematischen Beitrag im Jahrbuch des Landkreises. Der handelt von einem Mann mit zweifelhafter Vergangenheit.

Für Dr. Otto Dickel waren die Dinge klar. „Den Abendländer und den Juden trennen nicht Glaube, nicht Rasse. Sie sind verschiedene Menschenarten“, schrieb er in seinem 1922 erschienenen Buch „Die Auferstehung des Abendlandes“. Es ist, wie auch andere Veröffentlichungen Dickels, gespickt mit antisemitischen und rassistischen Anwürfen.

Otto Dickel war ein Mann der ersten Stunde in der NSDAP

Kein Wunder, denn Otto Dickel war ein Mann der ersten Stunde in der NSDAP, der im Kampf um die Führung der Partei in Gegnerschaft zu Hitler geriet. Um ihn bzw. um einen Aufsatz über ihn im neuen Jahrbuch „Altbayern in Schwaben“ kreist derzeit ein Streit im Kreistag von Aichach-Friedberg.

Seit zehn Jahren gibt der Landkreis diese Reihe heraus, in der Fachleute und versierte Laien heimatkundliche Themen aufgreifen – von den Taubenhäusern im Wittelsbacher Land bis zu den Folgen der Montgelas-Reformen. Der aktuelle Band enthält eine Abhandlung über die Geschichte des heutigen Friedberger Stadtteils Dickelsmoor, der in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts von eben diesem Otto Dickel gegründet wurde.

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Aufsatz über Nazi verharmlosend und wissenschaftlich ungenau?

Nach Dickels Vorstellungen sollte auf den nassen Wiesen im Nordosten von Augsburg „freie unverschuldbare Heimstätten“ geschaffen werden, um den Menschen ein Auskommen frei von den Zwängen der Finanzwirtschaft zu bieten – allerdings nur solchen, die „deutschblütiger Abstammung und nicht mit Juden versippt“ waren.

Der Autor des Beitrags, Hobby-Historiker und Vorsitzender eines heimatkundlichen Kreises, beschäftigt sich auf fast 20 Seiten nicht nur mit Dickelsmoor, sondern ausführlich auch mit Otto Dickel und dessen germanischer Ideologie. Aus Sicht der Grünen im Kreistag von Aichach-Friedberg geschieht dies allerdings verharmlosend und wissenschaftlich ungenau. So bedient sich der Autor der Nazi-Terminologie, etwa mit dem „Joch des Versailler Vertrags“, ohne dass dieser Begriff als Zitat kenntlich gemacht und historisch eingeordnet wird.

Die „Deutsche organische Volkswirtschaftslehre“ des promovierten Bienenzüchters Dickel stuft er als „wissenschaftlich begründet“ ein und kommentiert die Einlassungen in dessen Schriften mit den Worten „Erstaunliche Parallelen zum heutigen Wirtschaftsgeschehen!“ Mit der Kapitelüberschrift „Die letzte Konsequenz“ rückt der Autor Dickel in die Nähe des demokratischen Widerstands im Dritten Reich. Und in der Zusammenfassung schließlich bescheinigt er Dickel gar „demokratische Selbstbestimmung“ und „wahre Humanität“ als Ziel.

Die Grünen wollten schon einmal Auslieferung des Buches stoppen

Schon Mitte Dezember versuchten die Grünen, mit einem Eilantrag im Kreistag die weitere Auslieferung des Buchs zu stoppen – vergeblich. Eine besondere Dringlichkeit konnten die übrigen Kreisräte nicht erkennen, obwohl da noch kaum einer einen Blick in den Band geworfen hatte. Schließlich bekamen sie ihn erst in der fraglichen Sitzung vom Landrat als Dank für die gute Zusammenarbeit geschenkt.

Jetzt unterlagen die Grünen erneut mit einem Antrag, den Aufsatz vom Institut für Zeitgeschichte in München begutachten zu lassen. Der Kreistag müsse sich um eine fundierte, distanzierte und wissenschaftliche Bearbeitung und Richtigstellung bemühen, argumentierten sie und untermauerten dies mit einer neunseitigen Auflistung von Zitaten aus Dickels Büchern, die keinen Zweifel an dessen Geisteshaltung aufkommen lassen.

Kreisverwaltung spricht von Zensur

Doch Kreisverwaltung und Kreisheimatpflege rieten davon ab, das Institut für Zeitgeschichte einzuschalten. „Eine derartige Bewertung würde eine Zensur des Artikels bedeuten“, fürchtet man im Landratsamt. Es beruft sich dabei auf das Urteil eines Braunschweiger Literaturprofessors, der früher als Archivpfleger im Landkreis tätig war, und eines Historikers, der selbst zum Redaktionsteam des Jahrbuchs gehört. Nur drei von 60 Kreisräten stimmten nach kurzer Diskussion mit den vier Grünen für eine wissenschaftlich fundierte Überprüfung. Die Mehrheit wollte dem Buch lieber nicht noch mehr Aufmerksamkeit verleihen: „Wenn man Dreck weit zieht, dann stinkt er weit“, wurde ein bayerisches Sprichwort zitiert.

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