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Region Augsburg

07.12.2017

Wohnblocks statt Bauernhöfe - das sorgt für Konflikte

Ein typischer Fall für viele Gemeinden in der Region ist Horgauergreut: Auf aufgelassenen Bauernhofflächen mitten im Ort sind jetzt Wohnblocks geplant.
Bild: Michael Kalb

In vielen Dörfern werden Bauernhöfe abgerissen, um Neubauten Platz zu machen. In den Konflikten geht es um Geld, dringend nötige Unterkünfte und die Angst vor einer Verschandelung.

30 Reihenhäuser auf einer alten Hofstelle, zwei Wohnblocks statt der Schule, dreistöckige Gebäude statt eines Handwerksbetriebs: Jeder kennt solche Veränderungen aus seinem Heimatort. Sie werden zunehmen. Der Siedlungsdruck steigt, Flächen für Neubaugebiete sind knapp, Baubehörden setzen zunehmend auf Verdichtung der Ortskerne, Grundstückseigentümer wollen Areale zu Geld machen.

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So sagt Andres Richter, Kreisbaumeister von Aichach-Friedberg: „Man muss Neubaugebiete ausweisen. Aber die Innenentwicklung muss Priorität haben – und damit die Auseinandersetzung mit der Ortsmitte, die für die Menschen wichtig ist.“ Er weiß, dass solche Projekte zweischneidig sind: „Sie können zu Unmut bei Gemeinderäten und in der Bevölkerung sorgen.“ Auf der anderen Seite seien sie nötig, um Verödung der Ortskerne zu vermeiden und bestehende Infrastruktur zu nutzen – und zu schützen.

Das Thema treibt Kommunen landauf, landab um. Auslöser ist der Strukturwandel der Landwirtschaft. Bauernhöfe werden aufgegeben oder Landwirte vergrößern sich auf Aussiedlerhöfen. Zwölf Ortsteile hat die Stadt Friedberg. Bürgermeister Roland Eichmann schätzt: „In jedem Dorf haben wir ein halbes Dutzend Höfe, die aktuell oder womöglich bald zur Disposition stehen.“ Unlängst diskutierte der Stadtrat über ein Projekt in Derching. Bürger zeigten sich besorgt bis wütend, dass ihr Dorf verschandelt würde. In Mering denkt der Gemeinderat deshalb über einen Bebauungsplan für den Innenort nach. In Dasing muss die Gemeinde dagegen sogar Druck auf Grundstückseigentümer machen. Hier ist klar, dass erst die vielen Lücken in dem Ort an der A8 geschlossen werden müssen, weil das Landratsamt vermutlich bald keine Neubaugebiete mehr genehmigen wird.

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Bürgerentscheid in Horgau

Wie solche Projekte einen Ort spalten können, zeigte sich in Horgau. Hier kam es sogar zum Bürgerentscheid, weil der Augsburger Bauträger Deurer eine alte Hofstelle und landwirtschaftliche Flächen an der Hauptstraße von Horgauergreut bebauen will: 85 Wohneinheiten in Reihen- und Mehrfamilienhäusern auf 1,7 Hektar, darunter betreutes Wohnen und Wohnraum für Menschen mit Behinderung. Zu viel, zu hoch, zu dicht, hielten Bürger dagegen. Schließlich stimmten die meisten aber dafür. Der Bedarf ist groß: Unlängst gingen für 40 Bauplätze 160 Bewerbungen ein. Außerdem wollen viele Senioren in kleinere Wohnungen am Ort umziehen.

Kreisbaumeister Richter sieht alle Beteiligten in der Verantwortung: Bauherren, die nicht nur auf Profitmaximierung achten sollten, Planer, die zuhören und beraten, und Kommunen, die ihre Planungshoheit wahren müssen. Problem: Rechtlich ist an solchen Stellen fast alles möglich. Die Bebauung richtet sich nach dem Umfeld, und da ist in Sachen Höhe, Dichte und Stil viel Spielraum. Viele Gemeinden denken daher über Bebauungspläne für ihre Ortsmitten nach. Dazu rät Richter nicht unbedingt. Es sei ein langwieriges, auch teures Verfahren. Er favorisiert städtebauliche Entwicklungskonzepte, die Bürger einbinden und eine Rahmenplanung vorgeben. In diesem Rahmen könne man dann zum Beispiel Erhaltungs- oder Gestaltungssatzungen erlassen.

Konzepte entwickeln

Zwei ganz unterschiedliche Kommunen im Wittelsbacher Land gehen diesen Weg: Friedberg mit seinen 30.000 und Ried mit nur 3000 Einwohnern. Friedberg hat extra die Stelle einer Stadtplanerin geschaffen. Sie soll solche Konzepte für zwei Ortsteile pro Jahr entwickeln. Eichmann ist wichtig: „Wenn es Projekte gibt, sollen sie maßstäblich sein.“ Es sei Konsens im Stadtrat, Entwicklung zu steuern.

Ried wiederum nutzt eine Fläche nahe von Kirche und Rathaus, um einen Ort der Begegnung zu schaffen. Hier stand einst ein heruntergekommener Bauernhof, ein Schandfleck – geplant sind nun ein Supermarkt, Seniorenwohnen, womöglich eine Arztpraxis und eine angrenzende Grüngestaltung. Weitere der zwölf Ortsteile sollen folgen.

Den Weg der beiden Kommunen sieht Richter als vorbildlich. Aber ist es dafür nicht schon zu spät? Bürgermeister Eichmann räumt ein: „Wir sind nicht ganz früh dran.“ Aber zuvor seien andere Themen virulent gewesen. Momentan helfe bei Projekten der Dialog – und notfalls die Drohung mit einem Bebauungsplan. Zu spät sei es nie, meint Richter: „Es ist wichtig, ein Gesamtkonzept, eine Vision zu haben, statt Stück für Stück dem Druck hinterherzurennen.“

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07.12.2017

Früher - vor 40- 50 J. - gab´s doch auch, -teilweise sehr strenge- Bauvorschriften. Es wurde sehr genau festgelegt, was und wie gebaut werden durfte. Und es wurde trotzdem gebaut.

Und jetzt diese Anarchie. Wenn man durch die Dorfer fährt, könne einem übel werden. Was dort gebaut werden darf. Und aus maximalem Gewinnstreben gebaut wird. Nach dem Motto: Nach mir die Sintflut, und hauptsache ich habe meine Schäfchen mühelos im Trockenen.

Wenn Bauern bauen, zählt nicht dieÄsthetik,sondern das Geld. Die meisten sind ja ruiniert, trotz harter Arbeit.

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07.12.2017

>> Hier ist klar, dass erst die vielen Lücken in dem Ort an der A8 geschlossen werden müssen, weil das Landratsamt vermutlich bald keine Neubaugebiete mehr genehmigen wird. <<

.

Der Ärger resultiert auch daraus, dass die Bürger nicht mehr verstehen oder nachvollziehen können, was der Staat eigentlich will. Hohes Bevölkerungswachstum, Flächenschutz, Nachhaltigkeit, wenig neue Straßen - irgendwann passt das alles nicht mehr zusammen.

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07.12.2017

Ja, was stellt man sich auf dem Land, in den Dörfern denn vor, was dort geschehen soll? Verfallende ehemalige landwirtschaftliche Anwesen sind in den seltensten Fällen eine Augenweide (Stichwort: Unser Dorf soll schöner werden). Bayern ist Zuzugsregion, was man als Chance bewerten kann, von aussterbenden Gemeinden hat jedenfalls niemand was, und benötigt Platz. In den Großstädten wird es eng undWohnraum ist teilweise unbezahlbar, also wird wie früher schon mal aufs Land ausgewichen. Kleine Wohnanlagen, Infrastruktur dazu - das kommt doch dem Bestand auch zugute. Einfügen müssen sich die Neuplanungen halt, aber das müssen sie auch oder gerade ohne Bebauungsplan.

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