1. Startseite
  2. Lokales (Friedberg)
  3. Zeit nehmen, auch wenn der Stress am größten ist

Senioren

30.06.2018

Zeit nehmen, auch wenn der Stress am größten ist

Copy%20of%20Trotz_knapper_Zeit_nimmt_sich_Martina_Kussauer_im_gem%c3%bctlichen_eingerichteten_Aufenthaltsraum_auch_imme_rmal_wieder_Zeit_f%c3%bcr_Gespr%c3%a4che_mit_den_Bewohnern_.tif
4 Bilder
Trotz knapper Zeit nimmt sich Martina Kussauer im Aufenthaltsraum auch immer mal wieder einige Minuten für Gespräche mit den Bewohnern.

Für Altenpflegerin Martina Kussauer und ihre Kollegen im Seniorenheim St. Theresia in Mering steht der Mensch im Vordergrund. Vor allem das Abschiednehmen von Bewohnern fällt ihnen nicht leicht

Der Arbeitstag von Martina Kussauer beginnt früh morgens um 6 Uhr. Dann setzt sich die Pflegefachkraft in der Wohngruppe 1 im Caritas-Seniorenzentrum St. Theresia mit dem Nachtdienst zum Übergabegespräch zusammen. Über jeden einzelnen Bewohner ihres Bereichs bestens informiert beginnt sie zusammen mit ihren Mitarbeitern die Frühschicht. Zunächst macht sie sich auf einen Rundgang zum Wecken. An jeder Tür klopft sie an und tritt mit einem freundlichen Morgengruß ein.

In der Ruhe liege die Kraft, betont Martina Kussauer, auch wenn in ihrer über zwei Stockwerke verteilten Wohngruppe immerhin 34 Bewohner in Doppel- und Einzelzimmern zu versorgen sind. Da müssen neue Verbände angelegt, Diabetiker gespritzt, Stützstrümpfe angezogen oder Hilfe bei Toilettengängen geleistet werden. Wer sich selbst waschen und anziehen kann, dem werden im Sinne der gesetzlich vorgeschriebenen aktivierenden Pflege nur wenige Handreichungen zur Unterstützung angeboten.

Dabei sei Stress ein denkbar schlechter Pflegebegleiter, erklärt Martina Kussauer. „Ich mache alles in Ruhe und bin ich noch so unter Zeitdruck. Hektik überträgt sich auf die Bewohner. Begegnet man dementen Bewohnern in ihrem eigenen Rhythmus, dann machen sie gut mit“, weiß die gerontopsychiatrische Fachkraft aus langjähriger Erfahrung. Mit den Bewohnern während der Pflege immer den Kontakt zu halten und viel zu sprechen, sei wichtig. Dies bewährt sich auch bei auch der Medikamentengabe.

ecsImgBannerWhatsApp250x370@2x-5735210184021358959.jpg

Der Vormittag ist mit pflegerischen Tätigkeiten ausgefüllt, hinzu kommen Gespräche mit Ärzten, neue Medikamente müssen bestellt, und alles muss dokumentiert werden. „Viele verteufeln die zeitraubende Dokumentation, die der Gesetzgeber vorschreibt“, berichtet Martina Kussauer. „Doch die Wünsche und Bedürfnisse der Bewohner zu notieren und die Verordnungen der Ärzte genau aufzuschreiben ist nötig, damit jeder im Team Bescheid weiß.“

Verständnis zeigt die Pflegefachkraft in Konfliktsituationen mit Bewohnern und Angehörigen. „Man muss gut zuhören, sich in das Gegenüber hineinversetzen und auf Ängste und Sorgen eingehen“, sagt sie.

Martina Kussauer stammt aus Leipzig, wollte immer Krankenschwester werden, doch zu DDR-Zeiten sei das nicht gegangen, erzählt sie. So wurde sie zunächst Maschinistin in einem Fachbetrieb, der Umzug in den Westen brachte ihr dann die Erfüllung ihres Berufswunsches. Seit 26 Jahren ist sie nun in der Pflege, davon 13 Jahre in St. Theresia.

Begeistert von ihrem Beruf ist auch Alina Müller. Sie machte vor drei Jahren im Berufsbildungszentrum (BBZ) die Ausbildung als Betreuungsassistentin. „Ich arbeite mit der Pflege Hand in Hand, kann mir für den einzelnen Bewohner aber ganz anders Zeit nehmen.“ Wichtig sei dabei, jede Biografie gut zu kennen.

Schon das einfache Fingernägel- lackieren könne Würde und ein gutes Gefühl geben. „Abwechslung bieten und begleiten, das ist wunderschön“, findet Alina Müller. Abschied zu nehmen sei dabei das Schwierigste. „Wenn man aus dem Urlaub kommt und ein Bewohner ist nicht mehr da, ist das ein schwerer Moment.“

Die Mitarbeiter lernen in ihrer Ausbildung, im Verhältnis zum Bewohner eine gewisse Distanz zu wahren. „Doch Trauer ist eine normale Empfindung und hat Platz im Arbeitsalltag“, betont Einrichtungsleiterin Eva Finkenzeller. Wer sich damit schwertut, für den stehen Wohnbereichs- oder Pflegedienstleitung zum Gespräch bereit. „Der Tod macht mir schon noch zu schaffen“, gibt Christine Fries, Pflegeschülerin im dritten Lehrjahr, zu. Gleichwohl nennt sie ihren Beruf „wunderschön, weil man sich mit einem Menschen auseinandersetzen und seine Geschichte erfahren kann“. Sie war zunächst Metzgereifachverkäuferin. „Ein Job im Pflegebereich ist mit Kind aber besser zu vereinbaren“, findet die junge Mutter. Sie bedauert, dass die Pflegeberufe zu wenig gewürdigt und in den Medien oft sehr negativ dargestellt werden.

Auch der Schichtdienst habe durchaus Vorteile, weil man dann auch mal unter der Woche einen freien Tag genießen könne. Die Erwartungshaltung sei jedoch bei Angehörigen und auch beim Bewohner groß, bestätigt Martina Kussauer. „Sie läuten und denken, man steht schon parat. Viele haben ein ganz falsches Bild von der Pflege, denn sie ist weit mehr als nur Waschen und Hilfe bei Toilettengängen. Neben Empathie und sozialer Kompetenz seien auch gute Kenntnisse im medizinischen Bereich erforderlich. „Das ist eine große Verantwortung, das machen sich viele nicht bewusst“, stellt die Pflegefachkraft immer wieder fest.

Andererseits habe sich der Heimalltag auch sehr gewandelt, ergänzt Pflegedienstleiterin Petra Schubert. „Früher war der Pflegeberuf längst nicht so arbeitsteilig. Da war einer für alles zuständig, fürs Putzen, die Wäsche, das Essenanrichten und auch die Pflege der Bewohner. Jetzt haben wir Reinigungskräfte, Betreuungsassistenten und Wohngruppenhelfer zur Unterstützung.“ Der Anspruch an die Pflege sei dadurch jedoch nicht geringer.

Der Vormittag in St. Theresia ist schon fast vorbei, und noch ist für Martina Kussauer nicht an Feierabend zu denken. Denn schon steht das Mittagessen an, wieder müssen Medikamente vorbereitet werden, die Bewohner zu Tisch geholt oder ihnen das Essen im Zimmer angereicht werden. Danach werden einige zur Bettruhe gebracht, Schwerstpflegebedürftige versorgt. Nach der erneuten Dokumentation erfolgt das Übergabegespräch, damit auch die Pfleger der Spätschicht wissen, wie es jedem Bewohner geht.

„Egal ob Frühschicht, Spätschicht oder Nachtschicht, der Tagesablauf ist prall gefüllt, und man muss es sich gut einteilen, damit man nicht ins Schleudern gerät, wenn ein Notfall dazwischen- kommt.“

Mehr als acht anstrengende Stunden liegen hinter Martina Kussauer, als sie gegen 14.30 Uhr das Haus verlässt. „Erst wenn alles übergeben ist, kann ich guten Gewissens gehen“, sagt sie. „Dann nehme ich aber auch keine Last mit nach Hause. Die Pflege ist mein Beruf. Ich würde nie etwas anderes machen wollen.“

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren