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Buchneuheit

15.05.2015

Zwischen Federn und Raketen

Norbert Scheuers neuer Roman „Die Sprache der Vögel“ war in diesem Jahr für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.
Bild: Anna Schubert

Norbert Scheuer schickt seinen Protagonisten in den Krieg nach Afghanistan. Dieser flieht innerlich

Paul Arimond steht auf einem Wachturm im Bundeswehrlager und beobachtet den blauen Himmel über Afghanistan. Den Himmel sucht er ab nach seiner größten Angst und seiner größten Sehnsucht. Nach den Raketen, die das Lager anfliegen, und nach den Vögeln, die Paul so gerne studiert.

Norbert Scheuer liest in Friedberg aus seinem neuen Roman „Die Sprache der Vögel“. Im Buch erzählt er die Geschichte des 23-jährigen Paul Arimond. Nach einem Autounfall für den er sich die Schuld gibt, meldet Paul sich freiwillig als Sanitäter bei der Bundeswehr und kommt nach Afghanistan. Das Land, in dem sich auch schon sein Vorfahr Ambrosius der Vogelbeobachtung widmete. In seinen Tagebucheinträgen beschreibt Paul die teils grausamen Kriegserlebnisse. Berichtet von einem zerfetzen Soldaten, dessen Organe er auf der Straße einsammelt, von der Todesangst, von der sengenden Hitze. Gegenüber der belastenden Realität schildert Paul fasziniert die afghanische Vogelwelt, in die er sich flüchtet, um wie es scheint, bei Verstand zu bleiben. Das Lager ist für Paul ein Käfig. Der Eingesperrte träumt davon, so frei wie die Vögel zu sein, um ihnen an den See im Sperrgebiet zu folgen, den er vom Turm aus beobachten kann. Dort hofft Paul unbekannte Vogelarten zu finden. Irgendwann kann ihn auch der Befehl nicht mehr zurückhalten.

Wie alle seine Protagonisten kommt auch Paul Arimond aus dem Örtchen Kall in der Eifel. Selten hat Norbert Scheuer seine Hauptfigur so weit in die Ferne geschickt. Warum sein Heimatort Kall Teil all seiner Romane ist, dafür hat der Autor eine einfache Erklärung: „Ich schreibe über Orte, die ich kenne. Da sind Bilder bei mir vorhanden.“ Afghanistan hat der Autor jedoch nicht besucht. Die Idee entstand durch eine Begegnung in seinem Lieblings-Café. Dort traf er auf einen jungen Mann, der einen Bundeswehrparka trug und eine Schildkröte bei sich hatte. Norbert Scheuer sprach ihn an und erfuhr, dass er Soldat in Afghanistan gewesen war. Eines Tages verschwand der junge Mann. Hinterlassen hatte er bei Norbert Scheuer die Idee für den Schauplatz seiner Geschichte.

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In der Friedberger Buchhandlung Lesenswert trifft Norbert Scheuer auf ein überschaubares 35-Mann-Publikum, das sich so intensiv mit seinem Roman auseinandergesetzt hat, dass der Autor schmunzelnd zugibt: „Manchmal weiß der Autor weniger als die Leser.“ Sein Buch enthält auch deshalb so viel Gesprächsstoff, weil es voller Rätsel steckt, das Naheliegende nicht in Worte zwängt und somit Platz für eigenen Gedankenstoff lässt. So erfährt auch der Buchtitel „Die Sprache der Vögel“ keine Auflösung und bleibt eine Metapher für das Nichtbegreifen der Menschen. Nur Paul Arimonds Vater glaubt sie zu verstehen – in dem Moment zwischen Leben und Tod, als er über das Geländer einer Autobahnbrücke springt.

Eine Aussage des Buches ist jedoch eindeutig: „Man muss irgendetwas im Leben haben, das einen ablenkt. Eine Besessenheit, um all die Grausamkeiten, die es im Leben gibt, vergessen zu können“, sagt der Autor Norbert Scheuer gedankenversunken. „Bei Paul Arimond ist es das Vögelbeobachten. Bei mir ist es das Schreiben.“

Die Lesung von Norbert Scheuer ist eine von drei Lesungen aus der Reihe „Literatur im Frühling 2015“, angeboten von der Buchhandlung Lesenswert in Friedberg und dem Taschenbuchladen Krüger in Augsburg. Am Dienstag, 19. Mai, um

20 Uhr, geht es in Augsburg weiter mit Andrej Kurkow, der aus seinem Roman „Jimi Hendrix live in Lemberg“ liest.

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