Erika Wiesner aus Oberottmarshausen steht an diesem Vormittag schon kurz nach der Öffnung vor einem der langen Tische im Dr.-Josef-Zimmermann-Haus in Kissing. Zwischen Stoffkisten und Wollkörben herrscht reges Treiben. Wiesner greift routiniert nach einem Wollknäuel, lässt es durch die Finger gleiten, prüft die Qualität und nickt kurz. Sie ist Stammgast beim Kissinger Handarbeitsmarkt des Frauenbundes. Und das aus gutem Grund.
Schnäppchenjagd steht in Kissing nicht im Vordergrund
Seit Jahren kommt sie regelmäßig hierher, oft gleich zu Beginn. „Hier finde ich Dinge, die es so nicht mehr neu zu kaufen gibt“, erklärt sie. Für Wiesner ist der Handarbeitsflohmarkt kein Ort des schnellen Kaufens. Es geht ihr nicht um Schnäppchenjagd oder volle Taschen. Vielmehr ist es ein Ort des Entdeckens. Sie nimmt sich Zeit, lässt den Blick über die Tische schweifen, bleibt stehen, kommt ins Gespräch. Manchmal entsteht aus einem kurzen Austausch eine längere Unterhaltung über frühere Projekte, über Muster, über Lieblingsfarben. Was sie immer wieder nach Kissing zieht, ist vor allem die Atmosphäre. Es ist das Miteinander, das diesen Flohmarkt für sie besonders macht. Der freundliche Empfang an der Tür, das Lächeln an den Verkaufstischen, der kurze Austausch über Strickmuster oder Nähprojekte. „Man kennt sich irgendwann“, sagt Wiesner, „und man fühlt sich willkommen“.
Neben ihr greift eine Besucherin nach einem Stoffrest, ein paar Schritte weiter wird leise gelacht. Erika Young aus Kissing, die ebenfalls jedes Jahr dabei ist, nickt zustimmend, während sie sich ein Stück Kuchen aussucht. Für viele gehört die Pause bei Kaffee und Kuchen genauso dazu wie das Stöbern selbst. Auch für die Kissinger Künstlerin lohnt sich der Weg jedes Mal aufs Neue. Nicht nur wegen der Materialien, die hier ein zweites Leben bekommen, sondern auch wegen der besonderen Ruhe, die zwischen all dem Trubel spürbar ist.
Auch für Neulinge bietet der Kissinger Handarbeitsflohmarkt viele Besonderheiten
Für Young ist der Flohmarkt ein fester Termin im Kalender. Dem stimmt auch Evelyn Westermann zu. „Zwischen Stoffballen und Wollkörben finde ich nicht nur Material für neue Projekte, sondern auch Inspiration“, sagt sie überzeugt. Die Auswahl sei vielfältig, oft überraschend. „Nichts wirkt austauschbar, vieles erzählt eine Geschichte“, schwärmt Westermann, die erst seit kurzem in Kissing wohnt und den Markt für sich entdeckt hat. Ein paar Tische weiter strahlt die Kissingerin Josefine Seifert. In ihren Händen hält sie goldene und rote Bordüren. Sie hat sie für ihre selbst gebastelten Engel gefunden. „Hier findet man einfach alles“, freut sie sich. Auch Young ist inzwischen noch einmal fündig geworden. Sie hat neue Gardinen entdeckt. „Die im Schlafzimmer werden langweilig“, verrät sie schmunzelnd. „So kann mal etwas Neues her.“
Genau diese Mischung aus Entdecken, Begegnung und Wertschätzung für Handarbeit macht den Markt für Erika Young, Evelyn Westermann und Josefine Seifert so besonders. Während sie weiterstöbern, ist Erika Wiesner inzwischen schon wieder auf dem Heimweg nach Oberottmarshausen – mit neuen Ideen im Kopf.
„Im vergangenen Jahr haben wir über 300 Besucherinnen und Besucher gezählt“, sagt Organisatorin Theresia Obermayer und faltet Stoffreste, die eine ältere Dame gerade begutachtet. Stammgäste? „Wir haben viele Wiederholungstäter“, berichtet sie lachend.
In diesem Jahr hat der Frauenbund außerdem etwas Besonderes vorbereitet. An einer langen Leine hängen verschiedene Kleidungsstücke. Daneben ein Zettel, der genau verrät, wie viel Wasser für ihre Herstellung benötigt wurde. Eine Information, die viele Besucherinnen und Besucher nachdenklich stimmt. So benötigt man für die Produktion einer einzigen Jeans durchschnittlich rund 8.000 Liter Wasser.
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