Man kann sie fast nicht verfehlen, die Ran-Tankstelle in Kissing: Direkt an der B2, gleich nach dem Kreisverkehr am Ortsausgang Richtung Augsburg ist das rot-weiße Gebäude nicht zu übersehen. An diesem Vormittag sind die Parkplätze meist stärker ausgelastet als die Zapfsäulen. Denn hier wird nicht nur Sprit verkauft, die Tankstelle ist ein beliebter Treffpunkt. Auch heute ist die Terrasse gut gefüllt mit den verschiedensten Menschen: Ein Vater hat seinem Sohn ein Eis gekauft, ein älterer Herr genießt sein Bier. An seinem Tisch wird sich auch nur ein wenig unterhalten, lieber scheinen diese Menschen die Sonne zu genießen.
Gäste aus nah und fern machen an der B2 Halt
Nicht so der Tisch direkt an der Tür, hier wird gerade heiß diskutiert. Stammgäste seien sie, aus Kissing und Umgebung, erzählen sie. Es gibt wohl eine Gruppe, die hier immer wiederzusehen ist: „An sich ist es bisschen Zufall, aber man weiß ungefähr, wer wann da ist, der harte Kern kennt sich.“ Ganze Runden treffen sich ihnen zufolge hier an gewissen Wochentagen. Von Arbeiter bis Akademiker sitzen hier alle zusammen: „Das ist wie bei Motorradtreffen“, meint einer, „da spielt der Beruf auch keine Rolle.“ Apropos Motorrad: Hin und wieder spielen sich auch spektakuläre Szenen ab, wie zuletzt, als eine Kolonne aus Schwandorf mit 100 Leuten in Kissing Station machte. „Die haben dann den Verkehr gesperrt, damit sie wieder im Pulk ausfahren können, das war krass.“
Aber warum treffen sie sich ausgerechnet hier? Da haben die Stammgäste verschiedene Erklärungen: Zunächst schmecken hier die unterschiedlichen Getränke von Kaffee bis Bier. „Ich kann immer entscheiden, was ich möchte, je nachdem, ob ich noch Auto fahren muss“, erklärt einer und ergänzt, dass die Kissinger eigentlich oft mit dem Fahrrad kämen. Gleichzeitig wird ein Mangel an Alternativen angeführt: Viel Gastronomie hätte während und nach Corona aufgeben müssen, die Tankstelle sei noch da, mit großzügigen Öffnungszeiten. „Inzwischen ist das so ziemlich der Mittelpunkt von Kissing.“ Während andere Kult-Tankstellen wie zuletzt die Esso in Augsburg abgerissen werden, soll hier demnächst unter anderem die Außenterrasse überdacht und erweitert werden. Der harte Kern findet das super und notwendig.
Wenn es mal schlechtes Wetter ist, sitzen die Gäste innen. Dort lockt nicht nur ein einladender Sitzbereich, sondern auch die „sehr gute Pizza“, so die Kundschaft, ein Backshop und ein gut sortierter Getränkebereich – nicht umsonst soll ja auch das Getränkerückgabelager erweitert werden. Schon seit über 15 Jahren stehen Karin Raskob und Stefanie Denis hinter der Theke. Sie kennen ihre Kunden: „Kriegst du nochmal eines?“ „Heute gar keine Allgäuer Seele?“ Eben wie ein Tante Emma-Laden, ein Vergleich des Pächters Volkan Kadir Esen anlässlich des Ausbaus. „Wir sind auch fast jeden Sonntag da“, bekräftigt Raskob, „wenn man es nicht von Herzen macht, kann man es gleich sein lassen, die Leute sollen gerne kommen.“
Ran-Tankstelle ist für Kissing ein wichtiger Treffpunkt
Auch im Innenbereich ist viel Kundschaft, die sich Essen oder Getränke holt und dann meist weiterfährt, etwa die Besatzung eines Rettungswagens. Raskob begrüßt die Umbaupläne: „Zeit wird es, das Gebäude ist zwanzig Jahre alt, jetzt muss was gemacht werden.“ Denn dieser Treffpunkt, es muss unbedingt erhalten bleiben. Auch gesellschaftlich ist er wertvoll, finden die Stammgäste: „Hier wird alles diskutiert, es gibt keine Grenzen“ Ganz im Sinne des Goethe-Zitats, das den Sitzbereich ziert: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein.“
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