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Gesundheit

03.11.2020

Darf am Arbeitsplatz über psychische Erkrankungen gesprochen werden?

Viele Menschen, die an Suizid denken, geben indirekte Hinweise - etwa, indem sie ihre Hoffnungslosigkeit zum Ausdruck bringen.
Bild: Victoria Bonn-Meuser, dpa

Psychische Erkrankungen verursachen die längsten Fehlzeiten je Krankschreibung. Obwohl jährlich etwa 18 Millionen Deutsche betroffen sind, ist das Thema tabu.

Psychische Erkrankungen waren im Jahr 2019 der zweithäufigste Grund für Fehltage. Sie verursachten im Durchschnitt eine Fehlzeit von rund 35 Tagen je Krankschreibung. Aus Sicht von Nicole Joisten, Professorin und Dozentin für Wirtschaftspsychologie an der International School of Management (ISM) Köln, können Arbeitgeber das Thema psychische Erkrankungen deshalb nicht einfach ignorieren. "Ein offener Umgang mit psychischen Erkrankungen kann dabei helfen, die Stigmatisierung psychisch kranker Menschen weiter abzubauen." Doch wie sollen sich Vorgesetzte verhalten? Wann können Betroffene ihre Erkrankung im Unternehmen offen ansprechen? Und gibt es Situationen, die es erfordern, dass Erkrankte über ihren Gesundheitszustand unbedingt schweigen?

Für kleine Unternehmen ist ein offener Umgang wirtschaftlich schwierig

Eine Unternehmerin aus München, die ihren Namen nicht in der Öffentlichkeit sehen möchte, schreibt auf Anfrage: Ein offener Umgang mit psychischen Erkrankungen im beruflichen Umfeld "grenzt in Deutschland tatsächlich schon fast an das Absägen des berühmten Astes, auf dem man selbst sitzt. Das macht doch kein wirtschaftlich denkendes Unternehmen!?" Die Münchnerin berichtet, sie habe selbst einen Mitarbeiter mit chronischen Depressionen eingestellt. Seine Erkrankung sei bereits in der Probezeit sichtbar geworden. Sie habe ihm nicht gekündigt, weil sie gedacht habe: "Wir schaffen das." Bei Ausfällen erstatte die Krankenkasse ihr allerdings nur 50 Prozent des Nettolohns. Für den Rest müsse sie selbst aufkommen.

Joisten meint, eine größere finanzielle Investition in die psychische Gesundheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter könne für kleinere Firmen möglicherweise schwierig sein. Doch auch ein kleines Unternehmen könne seine Mitarbeiter aufklären und informieren, mit Adressen von Hilfsangeboten versorgen und dafür Sorge tragen, dass psychische Erkrankungen eine höhere Akzeptanz erfahren. Unternehmen sollten daran denken: "Je früher ich in die psychische Gesundheit der Arbeitnehmenden investiere, desto weniger Schaden wird durch mögliche Krankheitszeiten entstehen.", sagt die ISM-Professorin. Einen offenen und unterstützenden Umgang mit psychischen Erkrankungen zu pflegen, stelle auch eine Art von Personalmarketing dar. Die Firma zeige damit, dass sie am Wohlergehen ihrer Angestellten interessiert sei. Die Bindung der Mitarbeiter an das Unternehmen könne steigen, ebenso die Arbeitszufriedenheit. Zudem bestehe die Möglichkeit, dass potentielle Bewerber das Unternehmen besser bewerten.

Matthias Weisbrod ist Chefarzt der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie am SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach Baden-Württemberg. Er beobachte, dass die Bereitschaft, Menschen mit psychischen Erkrankungen zu unterstützen, immer größer werde. Bis vor einigen Jahren sei es schwierig gewesen, für ältere Menschen mit psychischen Erkrankungen eine Förderung zu erhalten. Man habe sie schnell in Rente geschickt. "Heute versucht man, qualifizierte, erfahrene Mitarbeiter zu halten", sagt Weisbrod. Doch es würden noch immer mehr als 40 Prozent der Menschen, die in Frührente gehen, aufgrund einer psychischen Erkrankung früher berentet. Das birgt für die Betroffenen ein Armutsrisiko. Für junge Menschen gebe es mehr Fördermöglichkeiten.

Ein früher Therapiebeginn ist bei psychischen Erkrankungen wichtig

"Psychische Erkrankungen beginnen meist früh im jungen Erwachsenenalter", sagt Chefarzt Matthias Weisbrod. Sie würden dazu führen, dass manche erkrankten junge Menschen keinen guten Schulabschluss schaffen und sich nicht von den Eltern lösen. Es sei wichtig, sie zu unterstützen, bevor sich diese Fehlentwicklungen verfestigt hätten und damit zu der psychischen Erkrankung nicht noch soziale Probleme hinzukämen. Junge Menschen fürchten, dass eine Psychotherapie ihnen Schwierigkeiten in der beruflichen Laufbahn bereitet. Eine psychotherapeutische Behandlung kann ein Problem darstellen, wenn jemand verbeamtet werden, eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen oder in die private Krankenkasse wechseln möchte. Das sollten Therapeuten vor Therapiebeginn kommunizieren, meint Joisten.

Die Professorin, die eine Praxis für Psychotherapie führt, sagt: "Wenn jemand ernsthaft erkrankt ist, darf die Art der Erkrankung kein Grund sein, auf eine Behandlung zu verzichten. Bei einer Krebserkrankung würde auch kaum jemand sagen, dass er keine Behandlung möchte, weil er sonst berufliche Nachteile erfahren könnte.“ Vielen sei nicht bewusst, dass psychische Erkrankungen chronifizieren, also dauerhaft bleiben können. Wichtig sei, frühzeitig zu reagieren. Joisten erklärt: "Je länger man unter einer psychischen Erkrankung leide, desto stärker können sich die entsprechenden Strukturen vertiefen und umso schwieriger wird das Umlernen."

Schnell einen Therapieplatz zu erhalten, ist derzeit schwierig. "Im Durchschnitt sind es sechs Monate Wartezeit bis zum Therapiebeginn", sagt Joisten. In den vergangenen Jahren gebe es zunehmend Unternehmen, die bei niedergelassenen Psychotherapeuten eine Kooperation anfragen. Auf der Grundlage eines Kooperationsvertrages können beispielsweise vier bis fünf Sitzungen innerhalb von 24 beziehungsweise 48 Stunden ermöglicht werden. Das Unternehmen übernimmt in diesem Fall die Kosten für die Therapiestunden. Dies ist insbesondere für Psychotherapeuten in reinen Privatpraxen ohne eigene Zulassung ein attraktives Angebot.

Hilfreich sei aber auch bereits, wenn Unternehmen psychisch erkrankten Mitarbeitern das Wahrnehmen von Terminen während der Arbeitszeit ermöglichen. Darüber hinaus böten einige Unternehmen Präventionsprogramme beispielsweise zum Stressmanagement an. Viele verfügten auch über eine Kooperation mit Unternehmen, bei denen Betroffene in sogenannten Employee Assistance Programs eine psychologische oder psychosoziale Beratung erhalten könnten. Für die Erkrankten habe der offene Umgang mit der eigenen Symptomatik insbesondere den Vorteil, dass sie gegebenenfalls bestehende Hilfsangebote durch das Unternehmen annehmen könnten, sagt Joisten.

Nicht der Arbeitsplatz ist bei Burnout und Co. das Problem

Wo finden Unternehmen Hilfe, die sich hin zu einem offenen Umgang mit psychischen Erkrankungen entwickeln wollen? Weisbrod und sein Team bieten beispielsweise Workshops an, bei denen sie unter anderem Führungskräfte schulen. Denn "das Wichtigste ist gute Führung. Eine schlechte Führung führt zu psychischen Belastungen am Arbeitsplatz", sagt Weisbrod. Er würde jedem Unternehmen raten, die Kompetenz zu haben, mit psychischen Erkrankungen umzugehen. Weisbrod hilft Patienten auch bei der Rückkehr in den Job. Dafür analysiere er belastende Faktoren und mögliche Veränderungen. Es komme vor, dass jemand nicht zurückkehren könne. Doch das sei selten. Überwiegend würden Menschen ihren Arbeitsplatz als unterstützend erleben. Weisbrod sagt: "Ein Arbeitsplatz ist per se nicht toxisch." Dort falle aber oft auf, dass etwas nicht in Ordnung sei. Eine verkürzte Aufmerksamkeitsspanne bemerkten Erkrankte hier eher als in der Freizeit. "Wichtig ist, dass dann nicht der Schluss gezogen wird, dass der Arbeitsplatz das Problem ist", sagt Weisbrod.

Die Unternehmerin aus München ist eine derer, die versuchen, Mitarbeitende in Not aufzufangen. Die Krankenkassen erschwerten Betroffenen die Situation. Eine ihrer Mitarbeiterinnen sei seit April wegen Burnout nach mehreren familiären Schicksalsschlägen nicht in der Lage zu arbeiten. Der Hausarzt habe die Frau für zehn Wochen auf Grippe krankgeschrieben. Er habe ihr keine Zugänge zu Versicherungen verstellen wollen. Wöchentlich habe die Krankenkasse bei der Mitarbeiterin angerufen und sie bedrängt, sich wieder zum Dienst zu melden. "Sie hat sich so unter Druck gesetzt gefühlt, dass sie unter Tränen gebeten hat, doch bitte in 100 Prozent Kurzarbeit gehen zu dürfen, um bloß nicht weiterhin krank geschrieben zu sein. So ist es jetzt tatsächlich", schreibt die Unternehmerin. Aus ihrer Erfahrung heraus würde sie Betroffenen davon abraten, ihre psychische Erkrankung im beruflichen Umfeld zu thematisieren.

Offenheit mit der eigenen Erkrankung wirkt sich nicht für alle Betroffenen positiv aus

Letztlich könne der eigene Umgang mit einer psychischen Erkrankung nur im Kontext der aktuellen beruflichen Situation beurteilt werden. Es gelte, für die Betroffene oder den Betroffenen die individuell beste Lösung zu finden, erklärt ISM-Professorin Joisten. Um herauszufinden, ob ein Gespräch mit dem Arbeitgeber über die eigene Erkrankung möglich wäre, sollten Betroffene sich bei vertrauten Kollegen umhören, ob es einen ähnlichen Fall schon mal gegeben habe und wie die Reaktion des Vorgesetzten ausgefallen sei, empfiehlt Joisten. Wenn es einen (schweigepflichtigen) Betriebsarzt gebe, dann könnten sich Betroffene an diesen, aber unter Umständen auch an einen Vertrauensmitarbeiter wenden. Am Ende sei es die Entscheidung des Patienten, meint Weisbrod. Doch Betroffene müssten wissen, was die Konsequenzen seien. "Schweigen bedeutet den Verzicht auf Unterstützungsmöglichkeiten", sagt Weisbrod.

Patienten, die nicht darüber sprechen wollten, möchten keinen Stempel. Weisbrod sagt: "Diese Haltung darf man gesetzlich nicht haben, wenn die Krankheit die Ausübung des Berufs unmöglich macht." Manche Patienten würden sogar im privaten Umfeld über ihre Erkrankung schweigen. Früher habe die Meinung geherrscht, dass man Kindern nichts sagen solle. Weisbrod sagt: "Kinder spüren aber, wenn etwas nicht stimmt. In ihrer Fantasie kann alles ganz schrecklich sein, was es in der Realität nicht ist."

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