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Ernährung

07.03.2018

Für Herz, Kreislauf und Leber: Ist Kaffee ein Wundermittel?

Espresso wird länger geröstet und kürzer gebrüht. Wer einen empfindlichen Magen hat, kann deshalb ausprobieren, ob er den Kurzen besser verträgt.
Bild: Christin Klose, dpa/tmn

Kaum eine Substanz hat so einen Aufstieg hingelegt wie Kaffee. Heute wird das Gebräu als heilsbringender Alleskönner gefeiert. Wie gesund ist Kaffee wirklich?

Lange Zeit galt Kaffee als Gift: nervenschädlich, herzbelastend, magenreizend. Es ist nicht so, dass die Menschen das interessiert hätte. Ob morgens zum Aufwachen oder am Nachmittag zum Bienenstich - Kaffee gehört seit jeher zum Alltag der meisten Deutschen. Zwei große Tassen gönnen sie sich im Schnitt pro Tag. In jüngster Zeit aber mehren sich die Zeichen, dass der Wachmacher womöglich gar nicht so schädlich ist. Im Gegenteil: Geradezu gesund soll er nun sein. Gibt es Kaffee bald auf Rezept?

Die jüngste Studie, die Anlass gibt, Kaffee endgültig zu rehabilitieren, ist eigentlich keine Studie. Forscher aus Southampton und Edinburgh haben mehr als 200 Metaanalysen zusammengefasst, die wiederum ihrerseits auf einer Vielzahl von Studien beruhten. Darunter 17 Analysen von sogenannten Interventionsstudien, die aus wissenschaftlicher Sicht besonders relevant sind. Man kann also sagen, dass die Datengrundlage beträchtlich ist. 

Britische Studie: Kaffee kann positive Wirkung haben

Was dabei herauskam, hat selbst Leute verblüfft, die schon lange vermuten, dass Kaffee eine positive Wirkung haben kann. Prof. Christian Sina zum Beispiel, der das Institut für Ernährungsmedizin an der Universität zu Lübeck leitet. "Im Ergebnis wurde gezeigt, dass das relative Sterberisiko bei Personen, die drei bis vier Tassen Kaffee am Tag trinken, signifikant geringer war als bei Nicht-Kaffeetrinkern", sagt er. Sie erkrankten auch seltener an Herz-Kreislauf-Leiden, an Lebererkrankungen oder bestimmten Krebsarten. Die Effekte waren deutlich: Unter den Kaffeetrinkern gab es 18 Prozent weniger Krebsfälle.

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Prof. Christian Sina ist Leiter des Instituts für Ernährungsmedizin an der Universität zu Lübeck.
Bild: René Kube/Uni Lübeck, dpa

Bevor jetzt aber alle euphorisch kannenweise Kaffee in sich hineinschütten, sei gesagt: Aus solchen Studien lassen sich nur schwer pauschale Empfehlungen ableiten. Zumindest theoretisch könnte es durchaus sein, dass die Kaffeetrinker auch aus anderen Gründen länger lebten oder seltener an Krebs erkrankten. 

Was man aber sagen kann: Kaffee hat nach derzeitigem Wissensstand wohl mehr positive als negative Effekte. Wer ihn gern trinkt, kann das offenbar ohne schlechtes Gewissen tun. "Drei bis vier Tassen täglich dürften den meisten Menschen nicht schaden", fasst Sina zusammen.

Kaffee als eine Art Medikament

Für manche Krankheiten benutzen er und sein Team das Getränk sogar als eine Art Medikament. Patienten mit Lebererkrankungen sind in Lübeck angehalten, täglich sechs Tassen Kaffee zu trinken. Tatsächlich Kaffee auf Rezept sozusagen. Der Grund: Bestimmte Inhaltsstoffe - zum Beispiel Chlorogensäure - wirken offenbar entzündungshemmend. Patienten mit nicht-alkoholischer Fettleber zum Beispiel profitieren davon. Bei ihnen ist die Leber nämlich chronisch entzündet.

Nicht jeder verträgt allerdings den schwarzen Wachmacher. Manche Menschen reagieren mit Magenbeschwerden, sagt Birgit Warnecke, Expertin für Kaffee und Gesundheit beim Deutschen Kaffeeverband. Oft liege das am Koffein. Es fördert die Verdauung und führt bei manchen Menschen auch zu Magengrummeln. "Hier bietet es sich an, auf entkoffeinierten Kaffee auszuweichen." 

Koffein ist zwar der bekannteste, bei weitem aber nicht der einzige Stoff aus dem Kaffee, der im menschlichen Körper Wirkung zeigt. Insgesamt verfügt das Getränk über mehr als 1000 Wirkstoffe, erklärt Prof. Martin Scherer, Direktor des Instituts und der Poliklinik für Allgemeinmedizin am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf. Was genau sie im Körper tun und wie sie zusammenwirken - das weiß noch niemand. 

Wie gesund Kaffee ist, hängt von individuellen Gegebenheiten ab

Im Bezug auf einige Wirkstoffe unterscheiden sich auch die unterschiedlichen Bohnensorten. Wer einen empfindlichen Magen hat und dennoch nicht ganz auf Kaffee verzichten möchte, kann daher auch unterschiedliche Sorten ausprobieren. Espresso als Alternative zu testen sei ebenfalls einen Versuch Wert, sagt Warnecke. Er verursache weniger Magenprobleme. 

Generell gilt: Je länger und schonender die Bohnen geröstet werden, desto bekömmlicher wird das Getränk. Beim Espresso kommt das Wasser zudem kürzer mit dem Pulver in Kontakt. Auch dadurch enthält er weniger potenziell magenreizende Stoffe. 

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Bild: Marc Müller (dpa)

Menschen mit erhöhtem Cholesterinspiegel dagegen sollten eher zu Filterkaffee greifen, rät Sina. Vermutlich durch die Filterung werden Bestandteile aus dem Kaffee entfernt, die sich laut Studien negativ auf den Cholesterinspiegel auswirken. 

Wie gesund Kaffee ist, hängt dem Ernährungsmediziner zufolge auch von ganz individuellen Gegebenheiten ab. Zusammenhänge vermuten Wissenschaftler laut Sina mit den Darmbakterien eines jeden Einzelnen. "Wenn Sie mich fragen: Schon bald werden wir testen können, wie genau Ihr Mikrobiom aussieht. Und aufgrund dessen sagen können, ob Kaffee für Sie persönlich gesund oder eher weniger gesund ist."

Es ist wichtig, auf seinen Körper zu hören

Prof. Sina ist neben seiner Tätigkeit als Institutsdirektor auch Minderheitsgesellschafter eines aus der Universität heraus gegründeten Start-ups, das kostenpflichtige Tests zu personalisierten Ernährungsempfehlungen anbietet. 

Scherer und Sina zufolge sollten nach derzeitigem Kenntnisstand vor allem Frauen vorsichtig sein, die von Knochenschwund betroffen sind. Außerdem sollten Schwangere in den ersten Schwangerschaftswochen möglichst auf Kaffee verzichten oder zumindest ihren Frauenarzt um Rat fragen. 

Alle anderen tun gut daran, auf ihren Körper zu hören. Wer schon nach einer Tasse das große Flattern verspürt, steigt vielleicht lieber auf eine koffeinfreie Variante um. Wem von Kaffee schlecht wird, der trinkt besser Tee. Wer dagegen ohne seine Koffeindosis morgens gar nicht aus dem Quark kommt, darf sich ruhig das eine oder andere Tässchen genehmigen. (dpa/tmn)

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