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Interview

15.01.2019

Hochsensibilität: Echte Krankheit oder nur Modediagnose?

Reizüberflutet: So fühlen sich viele Menschen, die hochsensibel sind.
Bild: Monique Wüstenhagen, dpa

Es gibt zahlreiche Menschen, die sich für hochsensibel halten - aber nicht alle sind das auch. Welche Kriterien für eine Diagnose entscheidend sind.

Hochsensible Menschen gelten als besonders feinfühlend, verletzlich und zartbesaitet. Der Begriff kursiert seit rund 20 Jahren in der westlichen Welt und ist mittlerweile Thema unzähliger Ratgeber. Aus wissenschaftlicher Sicht wirft der Begriff „Hochsensibilität“ allerdings viele Fragen auf. Die Psychologin Dr. Sandra Konrad, die einige Studien dazu durchgeführt hat, fordert mehr Forschung zum Thema.

Frau Konrad, was ist der Unterschied zwischen sensibel und hochsensibel?

Dr. Sandra Konrad: Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch irgendwo ein Stück weit sensibel ist. Bei den Hochsensiblen potenziert sich das allerdings. Da vermutet man, dass sie wesentlich mehr wahrnehmen im Vergleich zu jemandem, der durchschnittlich sensibel ist.

Wie macht sich das bemerkbar?

Konrad: Es gibt vier Indikatoren für Hochsensibilität. Das sind erstens die niedrige sensorische Reizschwelle und zweitens ein starkes Ansprechen auf Reize aller Art. Es kann also sein, dass man sich innerlich sehr aufregt oder bestimmte Erlebnisse tagelang nachschwingen. Dritter Indikator ist eine stärkere Verarbeitung. Wer hochsensibel ist, reflektiert viel mehr als ein durchschnittlich sensibler Mensch. Es wird alles stärker abgewogen und durchdacht. Der vierte Indikator ist die Verhaltenshemmung. Gerade in reizintensiven Situationen, wenn Überforderung einsetzt, ziehen sich die Betroffenen gern zurück oder vermeiden manchmal auch bestimmte Dinge. Diese vier Indikatoren müssen zusammenkommen und in einer höheren Ausprägung vorliegen, damit man sagen kann, dass jemand hochsensibel ist.

Lässt sich messen, was sich im Gehirn betroffener Menschen abspielt?

Konrad: Es gibt mittlerweile mehrere MRT-Studien dazu. Insgesamt zeigten die Aufnahmen, dass bei Hochsensiblen bestimmte Hirnareale zumeist stärker aktiviert werden. Man weiß aber noch zu wenig über die grundlegenden Prozesse, um die Ergebnisse eindeutig interpretieren zu können. Überhaupt gibt es eine riesengroße Diskrepanz zwischen Forschung zu Hochsensibilität und dem, was in der Gesellschaft bereits gemacht wird. Zum Beispiel werden spezielle Coachings angeboten, die keinen oder wenig wissenschaftlichen Hintergrund haben. Ich glaube, diese Kluft zwischen Forschung und Praxis ist auch ein Grund dafür, warum es häufig Missverständnisse darüber gibt, was Hochsensibilität eigentlich ist.

Was sind das für Missverständnisse?

Konrad: Zum Beispiel, dass manche Menschen Hochsensibilität für eine Krankheit oder Störung halten. Sie meinen daher auch, die Diagnose würde ihnen irgendwelche Privilegien verschaffen. Ich bin schon von Leuten gebeten worden, ihnen eine Bestätigung darüber auszustellen, dass sie hochsensibel sind. Ich habe gefragt: „Wozu soll das gut sein?“ Dann hat sich herausgestellt, dass es um ein Rentenbegehren ging. So etwas geht natürlich nicht. Wenn die Forschung unterstützt würde, könnte man Menschen, die Schwierigkeiten mit ihrer Hochsensibilität haben, ein wissenschaftlich fundiertes Beratungsangebot zur Verfügung stellen. Das würde auch Behandlungen mit esoterischen Ansätzen, die es derzeit reichlich gibt, den Wind aus den Segeln nehmen.

Hochsensibilität ist nicht unbedingt eine Besonderheit

Die Forschung wird also nicht genügend gefördert?

Konrad: Nicht wirklich. Finanziell bekomme ich dafür keine Unterstützung.

Oft wird behauptet, dass Hochsensibilität eine Modediagnose sei.

Konrad: Unter bestimmten Gesichtspunkten ist diese Aussage nachvollziehbar. In den 70er, 80er Jahren war es Borderline, um 2000 herum Burnout. Diese Krankheiten wurden nicht häufiger diagnostiziert. Es wurde nur mehr darüber berichtet. Es ist also nur ein subjektiver Eindruck, dass bestimmte Phänomene zugenommen haben. Ähnlich ist es derzeit mit Hochsensibilität.

Was macht diese Diagnose attraktiv?

Konrad: Für jemanden, der irgendwie das Gefühl hat, anders zu sein, kann das ein Alleinstellungsmerkmal sein. Wenn man dann mit bestimmten Sachen nicht zurechtkommt, schwingt schnell die Ausrede mit: Ich kann nichts dafür, ich bin hochsensibel! Aber das kann man natürlich nicht pauschalisieren, weil man den Menschen, die das Phänomen wirklich haben, unrecht tut.

Allein ist man mit der Eigenschaft aber offenbar nicht: Angeblich sind 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung hochsensibel. Ist diese Zahl nicht sehr hochgegriffen?

Konrad: Es ist noch umstritten, wie das Merkmal verteilt ist. In einer aktuellen Veröffentlichung fand man drei Gruppen: die Hochsensiblen, die 31 Prozent ausmachen, die durchschnittlich Sensiblen mit 40 Prozent und die weniger Sensiblen mit 29 Prozent. Aber es gibt auch andere Ansichten dazu

Dann ist das Merkmal „hochsensibel“ ja eigentlich nichts Besonderes?

Konrad: Ja, im Prinzip schon. Wichtig ist auch zu erkennen, dass man von der Diagnose nicht viel hat. Sie kann allenfalls dazu beitragen, dass man sich selbst besser versteht.

Ist Hochsensibilität für die Betroffenen eher Fluch oder Segen?

Konrad: Es gibt viele Leute, die keinerlei Probleme mit dieser Veranlagung haben. Manche finden es sogar gut, dass sie so viel wahrnehmen. Ich gehe auch davon aus, dass es einige Menschen gibt, die das Merkmal erfüllen, ohne es zu wissen, weil sie gut damit zurechtkommen. Auf der anderen Seite hat man dann die, die Probleme damit haben und ein bisschen Unterstützung brauchen.

Zwischen hochsensiblen Menschen und psychischen Erkrankungen gibt es einen Zusammenhang

Werden Hochsensible leichter psychisch krank?

Konrad: Es gibt Zusammenhänge zwischen Hochsensibilität und einer Vielzahl psychischer Störungen, zum Beispiel Angst- und Zwangserkrankungen sowie Ängsten im sozialen Bereich. Wenn Sie hochsensibel sind, haben Sie schon ein höheres Risiko, eine psychische Störung zu bekommen. Auf der anderen Seite gehen Ängste und Depressionen auch mit einer höheren Sensitivität einher. Um das besser gegeneinander abzugrenzen, brauchen wir mehr Studien.

Sollte man es bei einer Psychotherapie berücksichtigen, wenn jemand hochsensibel ist?

Konrad: Ja, das macht Sinn. In einer klassischen Therapie werden zum Beispiel häufig Medikamente verordnet. Man vermutet, dass Hochsensible wesentlich stärker darauf reagieren. Sie bräuchten unter Umständen also weniger Medikamente.

Hochsensiblen wird öfters geraten, sich an Reize zu gewöhnen – anstatt sich abzuschotten. Ist das sinnvoll?

Konrad: Ja. Kürzlich wurde eine Studie veröffentlicht, die gezeigt hat: Wenn man sich täglich gewissen Reizen aussetzt, dann gewöhnt man sich an sie. Es wird nicht dazu geraten, Reize komplett zu meiden. Sonst führt das dazu, dass man sie noch weniger erträgt. Wenn es zu viel wird, sollte man aus der Situation rausgehen und sich Ruhe gönnen.

Würden Sie dazu raten, einen Test zu machen, wenn man sich für hochsensibel hält?

Konrad: Ja, aber die Verfahren, die online zu finden sind, sind nicht wissenschaftlich geprüft. Im wissenschaftlichen Kontext wird die Highly-Sensitive-Person-Scale genutzt, aber sie ist noch nicht frei zugänglich.

Dann müsste ich mich an einen Experten wenden, um das wirklich herauszufinden?

Konrad: Ja, aber selbst das ist nicht unbedingt verlässlich. Ein Praktiker hat mir erzählt, er entscheide das aus dem Bauch heraus. Im Moment ist es noch schwierig, Hochsensibilität genau festzustellen.

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